Porträt Laura Borgel: Die Realistin

Strafrecht ist mehr als nur Jura. Entscheidend sind eine starke Persönlichkeit und eine gute Portion Realismus. Laura Borgel hat beides. Das finden auch ihre Wettbewerber. Manche sprechen gar von einem „Ausnahmetalent“.

Der New Yorker Anwalt Harvey Specter vertritt einen großen Aktienhändler, der gegen eine ehemalige Mitarbeiterin vorgeht. Ihr wird vorgeworfen, einen Insiderhandel über zehn Millionen Dollar abgewickelt zu haben. Der jungen Frau droht eine Haftstrafe, die Beweislage ist erdrückend. Specters Associate kommt die Sache komisch vor. Er wird das Gefühl nicht los, dass die Mitarbeiterin unschuldig ist und nur den Sündenbock für jemand anderen mimt. Am Ende wechseln Specter und sein Associate die Seiten, decken die Wahrheit auf und die junge Frau wird freigesprochen.

Das alles ist genauso passiert, allerdings in der US-Anwaltsserie ‚Suits‘. Im echten Leben läuft es oft ganz anders. „Man bekommt nicht immer Recht, auch wenn man überzeugt ist, Recht zu haben“, sagt Dr. Laura Borgel, Strafverteidigerin und Partnerin der Kanzlei Feigen Graf in Frankfurt. Zu dieser Erkenntnis kam sie relativ schnell, zu Beginn ihrer Karriere. Bei einem ihrer ersten Mandate ging es um einen Bestechungsvorwurf, und Borgel war sich sicher, dass ihr Mandant unschuldig war. Trotzdem traf sie eine Vereinbarung mit der Strafverfolgungsbehörde und vermied so die Hauptverhandlung. „Manchmal ist es besser, eine Lösung im Ermittlungsverfahren zu finden“, sagt die 38-Jährige. „In einer Hauptverhandlung kann man nie mit 100 Prozent Sicherheit prognostizieren, was am Ende herauskommt. Und die Hauptverhandlung ist das, was den Mandanten die Existenz kosten kann.“

Vom BWL-Bachelor zu Jura

Diese frühe Erkenntnis prägt ihre Arbeit bis heute. Seit 2018 ist Borgel bei der auf Wirtschafts- und Steuerstrafrecht spezialisierten Kanzlei Feigen Graf – erst als Associate, dann als Salary-Partnerin, und seit 2025 zählt sie zum Gesellschafterkreis. Eine Karriere, die so eigentlich gar nicht geplant war: Nach dem Abitur studierte Borgel zunächst BWL, machte ihren Bachelor – und entschied sich dann doch für Jura. „Im Zuge meines BWL-Studiums habe ich mehrere juristische Vorlesungen besucht. Und schnell festgestellt, dass jede Jura-Vorlesung, mich mehr interessiert hat als BWL“, sagt sie. Es folgten ein Studium an der Bucerius Law School in Hamburg und in Oxford. Schnell entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, legte schon im Studium den Fokus darauf. Im Referendariat lernte sie bei Hengeler Mueller die Großkanzleiwelt kennen und absolvierte eine Stage bei ihrem späteren Arbeitgeber Feigen Graf. Nach dem zweiten Examen fing sie dort als Anwältin an.

Dass sie so schnell fürs Strafrecht gebrannt hat, kann Borgel nicht an einem einzigen Grund festmachen. „Die Fälle, mit denen man im Wirtschaftsstrafrecht zu tun hat, sind nicht nur sehr spannend, sondern nah am Leben. Das macht es greifbar“, erzählt sie. Hinzu komme, dass man mit Mandanten aus unterschiedlichen Branchen, aber auch Lebenssituationen zu tun habe, was die Arbeit abwechslungsreich macht. „Man hilft Menschen in individuellen Krisensituationen – und kann dadurch etwas bewegen.“

Gerade die Besuche in der JVA führen ihr die Verantwortung, die sie trägt, regelmäßig vor Augen. Und sie zeigen: „Jura ist wichtig, aber es geht auch um Menschenkenntnis, Empathie und das Sich-Hineinversetzen in andere Positionen“, sagt Borgel. Das ist eine weitere wichtige Lektion, die sie schon früh gelernt hat – von Bernd Groß, langjähriger Partner bei Feigen Graf und eine Art Mentor. „Wenn man von der Uni kommt, denkt man, dass man alles mit Jura lösen kann. Das reicht aber nicht“, sagt sie. Eine juristische Ausbildung ist die Basis, auch wirtschaftliches Interesse und Verständnis sind hilfreich. Doch viel wichtiger als in vielen anderen Rechtsgebieten ist im Strafrecht die Persönlichkeit.

Ausnahmesituationen erkennen

Auch wenn etwa Mandanten in Untersuchungshaft grundsätzlich das gleiche Ausgangsproblem haben, nämlich dass sie im Gefängnis sitzen, gehe jeder Mensch mit so einer Ausnahmesituation anders um und brauche eine individuelle Ansprache. Wichtig sei es, Vertrauen aufzubauen. „Das ist je nach Sachverhalt manchmal gar nicht so einfach, den Mandanten innerhalb kurzer Zeit dazu zu bewegen, die Karten auf den Tisch zu legen.“ Denn völlige Offenheit gegenüber dem Anwalt sei ganz entscheidend für die Wahl der richtigen Verteidigungsstrategie. Mit der Zeit bekomme man ein Gefühl dafür, wann man noch einmal nachfragen sollte.

Heute bringt Borgel ihren jungen Anwältinnen und Anwälten solche Lektionen bei. Häufig sind die Feigen Graf-Associates schon als Referendare oder Wissenschaftliche Mitarbeitende für die Kanzlei im Einsatz gewesen. „Das ist eine gute Gelegenheit, sich besser kennenzulernen. Wir sehen, ob jemand das Potenzial zum Strafverteidiger hat. Und der Referendar bekommt einen guten Eindruck, was ihn in dem Job erwartet“, sagt Borgel. Falsch in der Kanzlei wäre, wer sich auf reine Hinterzimmerarbeit beschränken möchte. „Ohne Kontakt zu Menschen geht es nicht. Da sind einerseits die Mandanten, aber auch zu den Mitarbeitenden in den Strafverfolgungsbehörden hat man laufenden Kontakt“, sagt sie. Eigentlich sollen die Associates sogar schon früh Mandatsluft schnuppern, auch im Gerichtssaal. Natürlich mit kleineren Fällen und nicht allzu komplexen Sachverhalten.

Strafrecht plus Compliance

Neben der klassischen Strafverteidigung ist Borgel auch in der Compliance-Beratung aktiv, ein Feld, das sich ihre Kanzlei in den vergangenen Jahren erschlossen hat, um ihren Aktionsradius zu erweitern. Die Compliance-Arbeit ist zweigleisig: Neben der sogenannten repressiven Tätigkeit – zu der die Begleitung von internen Untersuchungen zählt – gibt es die präventive Beratung, die sich um den Aufbau von Compliance-Management-Systemen dreht oder das Aufsetzen einer Korruptionsrichtlinie. Dieses Geschäft beschert auch den Boutiquen so etwas wie Dauerberatung, die es früher im Strafrecht gar nicht gab.

Der Job als Strafverteidigerin erfordert vollen Einsatz. Gelegenheiten zur Entspannung sollte man nutzen. Laura Borgel entspannt beim Joggen, gerne auch auf langen Strecken. Ihre Marathonpläne musste sie aufgrund einer Verletzung ins nächste Jahr schieben. Gelegentlich entspannt sie aber auch vor dem Fernseher und guckt… Anwaltsserien. Auch ‚Suits‘. „Im Gegensatz zu vielen Kollegen stört es mich nicht, dass solche Serien fernab der Realität liegen. Ich finde das eher beruhigend.“


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