Offene Richtungen und ungerade Lebensläufe – Teil 2/2

Wer Jura studiert, folgt einem festen Pfad: Staatsexamen, Referendariat, Kanzlei, Rechtsabteilung eines Unternehmens oder öffentlicher Dienst. Abweichungen gelten schnell als Risiko, doch sie können auch ein Ausdruck von Selbstreflexion und persönlichem Wachstum sein.

Business-Detox für mentale Freiheit

Dr. Corinna-Rosa Falkenberg ist M&A-Anwältin, Künstlerin und Investorin. Ihre Geschichte zeigt, dass Brüche überhaupt kein Nachteil sind, besonders in einem Beanrufsfeld, das von hohem Leistungsdruck geprägt ist. Geboren in einem kleinen Dorf, laut, diskussionsfreudig und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet, war Falkenberg schon früh anders. So trieb sie der Wunsch, die Welt zu retten, zum Jurastudium nach München. In dessen Verlauf begeisterte sich die heute 48-Jährige vor allem für das Öffentliche Recht. „Doch irgendwann habe ich für mich festgestellt, dass sich meine naiven Vorstellungen nicht ganz in die Realität umsetzen ließen“, gesteht Falkenberg. Ein wenig desillusioniert wollte sie stattdessen die wirtschaftlich orientierte Seite der juristischen Praxis kennenlernen. Zum Berufseinstieg heuerte sie 2006 in der Strategieabteilung der Deutschen Bank in Frankfurt an. Der Start war alles andere als leicht. „Damals musste ich in kurzer Zeit umfangreiche Kenntnisse aufbauen. Das war anspruchsvoll, aber mit starkem Willen machbar“, erinnert sie sich zurück. Aufgrund eines schweren Krankheitsfalls in ihrer Familie kehrte sie für etwa drei Jahre zurück nach München und pflegte ihren Vater. 2011 wechselte sie dann zu Siemens, wo sie in der M&A-Abteilung des Vorstands arbeitete. Dort betreute sie internationale Transaktionen und begleitete komplexe Integrationsprozesse und wichtige strategische Entscheidungen. „Transaktionen sind cool“, sagt sie. „Es ist anspruchsvoll, intensiv und nie langweilig. Man weiß am Anfang nicht, was in der schwarzen Box steckt und genau das macht es spannend.“

Einfach mal raus: Corinna-Rosa Falkenberg hängte ihren Job in der M&A-Abteilung bei Siemens an den Nagel, um die Welt zu bereisen. Foto: Corinna-Rosa Falkenberg

Nach fast zwei Jahrzehnten in der Welt von M&A, Investment Banking und internationalen Konzernstrukturen stieg Falkenberg 2023 aus. Plötzlich, für ein bewusstes Innehalten. Für anderthalb Jahre ließ sie das Business hinter sich, um mit einem Van zu reisen, zu malen, zu reflektieren und sich neu zu orientieren. „Ich habe gemerkt, dass ich funktioniere, aber nicht mehr lebe“, sagt sie rückblickend. Sie reduzierte ihren Lebensstandard, kochte selbst, schlief in einer Hängematte unter freiem Himmel und lebte bewusst einfach. „Viele glauben, so ein Leben sei teuer. Aber es war günstiger als mein Alltag in München und doch unendlich viel reicher“, findet die Weltenbummlerin. Sie reiste unter anderem zum Amazonas, lebte drei Monate in einem indigenen Dorf, fernab touristischer Pfade. Sie erkannte die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. „Ich habe gelernt, dass mentale Freiheit nicht verhandelbar ist. Und dass man manchmal aussteigen muss, bevor das Leben einen zwingt“, sagt Falkenberg. Ihre Entscheidungen sind bewusster und vor allen Dingen ihre Prioritäten klarer. Heute verkauft sie ihre Kunst, begleitet Start-ups als Investorin und gibt als Coach ihre Erfahrungen weiter.

Erst Leben, dann Laufbahn

In juristischen Karrieremodellen ist oft wenig Platz für persönliche Lebensentscheidungen. Wer früh Kinder bekommt, gilt schnell als ‚raus‘ oder ‚nicht voll verfügbar‘. Doch Claire Vierbuchen setzte bewusst diesen an deren Fokus. Noch vor ihrem Referendariat wurde sie mit 26 Jahren zum ersten Mal Mutter. Für sie war das kein strategischer Schritt, sondern eine Herzensentscheidung. „Für mich war früh klar, dass ich gerne Kinder haben möchte – und zwar am liebsten früher als später“, sagt die heute 35-Jährige. Der Berufseinstieg verschob sich dadurch unweigerlich nach hinten und wurde fordernder. Nachdem sie das Erste Staatsexamen und den französischen Masterabschluss ‚Maîtrise en droit‘ abgeschlossen hatte, arbeitete sie zunächst an einem Lehrstuhl und begann ihre Promotion. In dieser Zeit wurde sie zum ersten Mal schwanger. Als dann die Corona-Pandemie ausgerufen wurde, entschied sich die junge Mutter, dem gesellschaftlichen Appell zu folgen und erst einmal zu Hause zu bleiben. Ein Jahr später kam ihr zweites Kind zur Welt. Erst als dieses zehn Monate alt war, begann sie 2021 ihren juristischen Vorbereitungsdienst. Dort durchlief sie unter anderem eine Station bei der Großkanzlei Osborne Clarke in der Medien- und IT-Rechtspraxis. Ihre Wahlstation machte sie bei der deutsch-französischen Kanzlei Qivive in Köln und die Verwaltungsstation beim Bundeswirtschaftsministerium, Abteilung Weltraumrecht. So sammelte sie Erfahrungen mit Auslandsbezug, ohne das Land tatsächlich zu verlassen.

Umgekehrte Reihenfolge: Claire Vierbuchen ist zweifache Mutter und startete ihre anwaltliche Karriere erst nach der Geburt ihrer Kinder. Foto: Nina Schöner Fotografie

„Zu Beginn hatte ich noch die Wunschvorstellung während des Referendariats mit meiner Familie ins Ausland zu gehen“, erinnert sich Vierbuchen. Doch die Realität sah anders aus. Sie lernte nachts beim Stillen und hörte Podcasts mit Lerninhalten beim Spazierengehen. Um sich besser konzentrieren zu können, ging sie sogar einige Male zum Lernen in ein Hotel. „Ich hatte unterschätzt, was es eigentlich bedeutet, die Familie und die Ausbildung unter einen Hut zu bekommen“, gesteht sie. „Wir haben uns definitiv nicht den einfachsten Weg ausgesucht.“ Dennoch würde sie nichts anders machen – außer vielleicht, sich effektiv eine Elternzeit während der Ausbildung einzuräumen. Kritische Fragen aus ihrem Umfeld, ob das überhaupt alles parallel zu schaffen sei, gab es trotzdem vereinzelt. Zum September 2025 stieg sie in Teilzeit bei der Kanzlei Kapellmann und Partner ein. Da ihre Kinder inzwischen größer und die Nächte ruhiger sind, erscheint der Berufseinstieg nun vermeintlich unkomplizierter als bei Müttern von Kleinkindern. „Ob das ein Vorteil ist, werde ich erst später erfahren“, verrät sie. Zumindest sei ihr neuer Arbeitgeber, den sie über eine Jobmatching-Plattform gefunden hat, extrem offen gewesen. Auch sie selbst geht offen mit ihrer familiären Situation um und verschweigt in ihrem Lebenslauf keinesfalls, dass sie zweifache Mutter ist.

Hier geht es zu Offene Richtungen und ungerade Lebensläufe – Teil 1/2


Teilen:

azur Mail abonnieren