Offene Richtungen und ungerade Lebensläufe – Teil 1/2

Ausbildung und Karriereweg von Juristinnen und Juristen sind klar strukturiert, in der Regel sind Kontinuität und Planbarkeit die wesentlichen Merkmale. Doch nicht jeder Lebenslauf ist so geradlinig – und das ist gut so.

Es stimmt nicht, dass die Lebensläufe der meisten Juristen ohne abweichende Stationen, Brüche oder ungewöhnliche Entscheidungen auskommen. Es gibt viele, die sich bewusst für Umwege entscheiden. Wege, die von der Norm abweichen und dennoch wertvoll sind. So gibt es etwa Menschen, die sich nach dem Jurastudium beruflich völlig neu orientieren und in eine ganz andere Branche wechseln. Andere wiederum haben in kurzer Zeit viele verschiedene Jobs angenommen, um unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln. Manche haben sich für längere berufliche Auszeiten entschieden. Und es gibt Juristinnen, die erst nach der Familiengründung in den Beruf eingestiegen sind. Diese Lebensläufe zeigen, wie vielfältig juristische Karrieren sein können und wie wichtig es ist, Raum für solche Vielfalt zu schaffen.

Vom Newsroom in die Kanzlei

Bevor Stephan Zimprich Partner bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Fieldfisher wurde, arbeitete er unter anderem als Journalist bei der Financial Times Deutschland. Dass der 50-Jährige heute Mandanten zu ihren Rechtsfragen berät, war keineswegs vorgezeichnet. Dass er überhaupt Jura studierte, war nicht geplant. Zimprich hatte zunächst Kommunikationsdesign studiert – „etwas mit Medien“, wie er augenzwinkernd sagt. Doch nach der Zwischenprüfung brach er ab und entschied sich stattdessen für ein Jurastudium an der Universität Hamburg. Acht Semester später absolvierte er das Erste Examen im Freischuss. Der Druck war hoch, nicht nur wegen der Prüfungen. Wenige Monate später sollte die Journalistenschule beginnen, für die er gerade angenommen worden war. „Ich wusste, wenn ich das Examen nicht rechtzeitig schaffe, ist die Chance weg. Das war ein fester Termin und ich wollte da unbedingt hin“, erinnert er sich. Es gelang. Im Frühjahr 2003 startete er seine achtzehnmonatige Ausbildung zum Journalisten an der renommierten Henri-Nannen-Schule. Die folgenden Jahre arbeitete er als Redakteur bei der Financial Times Deutschland, schrieb später für den Spiegel sowie den Stern und beschäftigte sich früh mit digitalen Medien.

Fieldfisher-Partner Stephan Zimprich: Bevor er Anwalt wurde, war er Journalist bei der Financial Times. Foto: Anna-Dittrich

„Das war eine tolle Zeit. Ich habe viel gelernt und viel gesehen. Aber irgendwann war das Bedürfnis, in großen Publikationen zu erscheinen, gestillt“, sagt Zimprich. Zudem geriet die Medienbranche im Zuge der großen Finanzkrise 2008 ins Straucheln. Gleichzeitig tickte eine andere Uhr: „Ich hatte erfahren, dass man den Anspruch aufs Referendariat nach fünf Jahren verliert – und diese Tür wollte ich nicht zuschlagen“, erklärt der Anwalt. Also kehrte er zurück zur Juristerei, lernte zunächst kleinere Kanzleien mit Fokus auf Medien- und Presserecht kennen, später auch die Inhouse-Abteilung von Google. Nach dem Zweiten Examen fiel die Entscheidung für Fieldfisher. Dort ist Zimprich heute Partner und berät unter anderem zu Datenschutz, Wettbewerbsrecht, Medien- und IT-Recht mit einem besonderen Fokus auf künstliche Intelligenz. Sein journalistischer Hintergrund ist dabei ein klarer Vorteil. „Die sprachliche Ausbildung hebt einen deutlich ab von klassischen Uni-Absolventen. Ich lege viel Wert auf Sprache und quäle heute meine Associates damit“, sagt er lachend. Gerade bei internationalen Mandaten sei es entscheidend, komplexe Sachverhalte verständlich zu kommunizieren. Auch die journalistische Neugier hilft ihm bis heute. „Als Anwalt wird die Neugier sogar noch stärker befriedigt“, erklärt er. „Durch das Anwaltsgeheimnis bekommt man Einblicke, die man als Journalist nie hätte.“ Für Zimprich steht fest: „Die Rechtsberatung bietet viele Möglichkeiten zur Spezialisierung und wer aus einem anderen Bereich kommt, bringt oft genau das mit, was andere erst mühsam lernen müssen.“

Mut zur Richtungsänderung

Wenn Caroline Ackermann (39) heute als Partnerin bei Luther Mandanten im Vergaberecht berät, wirkt ihr Lebenslauf wie aus einem Guss. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Ihr Weg war alles andere als linear. Sie studierte in München, wo sie früh über Moot Courts und Praktika in Kontakt mit Großkanzleien kam.

Vielfältige Erfahrungen: Caroline Ackermann durchlief verschiedene berufliche Stationen, bevor sie ihre Leidenschaft entdeckte. Foto: Luther

Während ihrer Wahlstation im Referendariat zog es sie nach Australien, genauer gesagt in das dortige Justizministerium. Hier bekam sie erstmals einen tieferen Einblick in die Strukturen und Arbeitsweisen des öffentlichen Dienstes. Nach dem Studium 2014 durchlief sie Stationen bei renommierten Wirtschaftskanzleien unter anderem in der Litigation-Praxis. „Rational hat alles gepasst: tolle Mandate und großartige Karrierechancen. Aber ich habe gemerkt, dass ich vom Herzen her nicht angekommen war“, erinnert sie sich. Die Arbeit war anspruchsvoll, das Tempo hoch. Der jungen Anwältin fiel es, schwer Grenzen zu setzen, immerhin habe sie darauf im Studium keiner vorbereitet. So kamen Gedanken auf, ob sie als Syndikusanwältin in einem Unternehmen vielleicht besser aufgehoben wäre. Große Dax-Konzerne gibt es immerhin zur Genüge in der bayerischen Landeshauptstadt. Also sah sie sich proaktiv nach einer neuen Stelle um. 2016 wurde sie bei der Münchener Rückversicherung fündig. Dort erwartete sie das klassische Inhouse-Geschäft. Sie gestaltete Verträge, begleitete Hauptversammlungen und lernte aufs Genaueste kennen, wie große Unternehmen aufgebaut sind.

2019 folgte der Wechsel zur Landeshauptstadt München. „Ich habe mich gefragt: Wie kann ich Familie und Beruf vereinbaren? Der öffentliche Dienst bot mir dafür damals die nötige Sicherheit.“ Sie arbeitete sich in das ihr bis dahin unbekannte Vergaberecht ein, baute für die Stadtverwaltung eine Vergabestelle auf und entdeckte so eine etwas bizarre Leidenschaft. „Vergaberecht ist wie die Sendung mit der Maus für Erwachsene“, sagt sie lachend. Am besten gefällt ihr, dass es anschaulich und logisch ist, viele andere Rechtsgebiete berührt sowie einen tiefen Einblick in technische und wirtschaftliche Zusammenhänge gewährt. Letztlich kam dann doch alles ganz anders, privat wie auch beruflich. Die Sicherheit, die sie einst unter anderem zum Wechsel bewegte, gab sie 2022 für ein Jobangebot auf, das ihr von den damaligen externen Beratern der Kanzlei Luther gemacht wurde. Auch wenn die Entscheidung Mut erforderte, wollte sie sich nicht von ihren Ängsten limitieren lassen. Heute prägen ihre Erfahrungen bei der öffentlichen Hand ihre Kommunikation mit Mandanten. „Ich weiß, wie die Verwaltung tickt und das hilft enorm“, findet sie. Die Aufgaben machen ihr Spaß, das eigenverantwortliche Arbeiten liegt ihr. Mitte 2025 kam dann die Beförderung zur Partnerin. Ackermann glaubt an Ziele, aber nicht an starre Pläne. „Ich hatte nie einen Masterplan, dennoch setze ich mir bewusst Ziele.“ Von Vorurteilen, dass viele Jobwechsel in kurzer Zeit bei den meisten Arbeitgebern Misstrauen hervorrufen, ließ sich die heutige Vergaberechtlerin zu keinem Zeitpunkt abschrecken. Vielmehr nutzte sie die vielseitigen Stationen, um fachlich sowie persönlich zu wachsen.

Hier geht es zu Offene Richtungen und ungerade Lebensläufe Teil – 2/2


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