Legal-Tech-Ausbildung in Kanzleien
Kontinuierlich feilen Arbeitgeber an neuen Ausbildungsangeboten für den juristischen Nachwuchs. Fest etabliert sind inzwischen die Angebote für Legal-Tech-Skills. Auch die Karriereaussichten für tech-affine Associates sind besser denn je.
Vor allem in großen Kanzleien sind die Angebote zur Legal-Tech-Ausbildung schon jetzt sehr ausgeklügelt. Das beginnt bereits beim Onboarding: Bei Hengeler Mueller etwa lernen alle Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger die Arbeit des Legal-Tech-Centers der Kanzlei kennen und werden in den gängigen Tools geschult. Auch Noerr oder Linklaters wollen den Nachwuchs früh an die softwaregestützte Arbeit gewöhnen. Linklaters hat dafür eine Schulungsreihe aufgesetzt, in der sie Anwältinnen und Anwälten Legal-Tech-Applikationen und Anwendungsfälle vorstellt und zeigt, welche Prozesse und Arbeitsschritte mithilfe der Tools effizienter werden können.
Großkanzleien als Vorreiter
Wie es nach dem Onboarding weitergeht, ist unterschiedlich. Freshfields Bruckhaus Deringer, die zu den Vorreitern bei der Entwicklung von Legal-Tech-Lösungen gehört, setzt unter anderem auf Expertenvorträge. Alle Mitarbeitenden sollen verstehen, wie bestimme Technologien funktionieren und wie sie sich auf Mandanten in verschiedenen Sektoren auswirken. Zudem bietet Freshfields zahlreiche, regelmäßig wechselnde Kurse an, aktuell verstärkt zum Thema KI. Zu Programmier-Experten bildet die Kanzlei ihre Anwältinnen und Anwälte allerdings bewusst nicht aus. Stattdessen beschäftigt sie in ihrem ‚Lab‘ Softwareentwicklerinnen und -entwickler, die eng mit den Anwälten zusammenarbeiten. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen zahlreiche Kanzleien.

Andere vermitteln hingegen gezielt IT-Grundkenntnisse: Bei Hengeler können Associates zum Beispiel Einsteigerkurse im Programmieren belegen. Auch Linklaters hat ihr Angebot zuletzt überarbeitet. Anstelle ihres Coding-Grundlagenkurses bietet sie seit Neuestem Workshops an, in denen Anwältinnen und Anwälte Apps für die interne Zusammenarbeit entwickeln. Und CMS Hasche Sigle hat regelmäßig Hackathons im Programm. Dabei entwickeln Nachwuchsjuristen im Rahmen eines Wettbewerbs in kleinen Teams digitale Tools, um juristische Probleme zu lösen.
Neben den Großkanzleien bilden auch spezialisierte, teils kleinere Kanzleien ihre Associates in Legal Tech aus. Ausgeprägt ist das Angebot häufig bei denen, die stark im IT-Recht beziehungsweise in der Beratung des Technologiesektors sind. Zu Letzteren zählt beispielsweise Ypog. Sie hat 2022 gemeinsam mit einem externen Anbieter ein fünftägiges Programm aufgesetzt, das Associates die wichtigsten Tech-Basics vermittelt, inklusive Programmiergrundlagen.
Chatbots richtig bedienen
Osborne Clarke hingegen bündelt ihre Legal-Tech-Ausbildung in ihrer Tochterfirma OC Solutions. Das Angebot ist sehr umfassend: Sie setzt zum Beispiel auf Workshops und ganze Projekttage sowie auf Vortragsreihen externer Speaker zu Themen wie Blockchain und Machine Learning. Auf die Entwicklungen beim Thema KI hat die Kanzlei zuletzt mit Schulungen im ‚Prompt Engineering‘ reagiert, also in der richtigen Bedienung von Chatbots wie ChatGPT und Co. Ein ähnliches Angebot hat neuerdings auch die US-Kanzlei Greenberg Traurig im Programm. Eine weitere Vorreiterin ist die internationale Kanzlei Baker McKenzie. Bei der Legal-Tech-Ausbildung legt sie viel Wert darauf, bereits den juristischen Nachwuchs in Referendariat und Praktikum an das Thema heranzuführen. Seminare zum ‚Rechtsmarkt 2.0‘ an Universitäten oder ein Workshop zur rechtlichen Regulierung von Legal Tech sind nur zwei Beispiele von vielen.
Tech-Skills: Kriterium bei Bewerbung
In der azur-Recherche zeigt sich zudem, dass Juristinnen und Juristen, die Legal-Tech-Kenntnisse oder eine Affinität zu digitalen Themen mitbringen, damit bei vielen Arbeitgebern punkten können: Baker McKenzie zum Beispiel wünscht sich von Bewerberinnen und Bewerbern explizit „ein ausgeprägtes Interesse an Themen wie Innovation, Digitalisierung und Legal Tech“.
Um diesen Talenten eine gute Perspektive zu bieten, haben einige Kanzleien zuletzt neue Programme und Karrieremodelle etabliert. Dabei werden im Umfeld von Legal Tech und Legal Operations Berufsprofile abseits der Volljuristinnen und Volljuristen wichtig, welche die klassische Associate-Laufbahn Richtung Partnerschaft einschlagen. So stellen Kanzleien zunehmend Wirtschaftsjuristinnen und -juristen ein und integrieren diese in die Mandatsarbeit. Unter anderem für diese Berufsgruppe hat KPMG Law, der Anwaltszweig der Big-Four-Gesellschaft, kürzlich einen neuen ‚Tech Career Path‘ eingeführt. Er richtet sich an eine breite Gruppe von Bewerbenden, die unterschiedlich qualifiziert sein können. Neben Wirtschaftsjuristinnen zählen dazu etwa IT-Fachleute. Sie alle eint, dass sie bei KPMG Law an der Schnittstelle zwischen IT, Prozessen und juristischer Arbeit tätig sind. Über drei Karrierestufen können sie zum ‚Lead Specialist‘ aufsteigen. Mit dem neuen Karrierepfad einher gehen Schulungsangebote und festgelegte Vergütungsstrukturen.
Noch früher setzt Linklaters an, die jetzt ein Praktikum für Legal Operations anbietet. Damit spricht die Kanzlei nicht nur angehende Volljuristinnen und Volljuristen an, sondern auch Studierende des Wirtschaftsrechts und der Wirtschaftswissenschaften. In sechs Praktikumswochen können sie unterschiedliche Abteilungen der Kanzlei wie Projektmanagement oder die Entwicklung und Anwendung von Legal Tech kennenlernen.
Legal-Tech-Botschafter in Kanzleien
Aber auch im Rahmen der klassischen Anwaltslaufbahn bietet Legal Tech den Associates die Möglichkeit, sich ein Profil aufzubauen, durch das sie sich von anderen abheben. In vielen Kanzleien können sie sich zum Beispiel als Legal-Tech-Botschafter einbringen. Sie stehen dann im regelmäßigen Austausch sowohl mit den Legal-Tech-Teams als auch mit den unterschiedlichen Praxisgruppen. So sorgen sie dafür, dass Ideen aus der Praxis in neue Tools einfließen und umgekehrt. „Legal Tech bietet jungen Anwälten die Chance, mit Partnern, General Counseln und wichtigen Mandanten auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen, unabhängig von der Seniorität und Berufserfahrung im klassischen Anwaltsbereich“, erklärt eine General Counsel, die mittels Legal Tech einst Karriere in einer Kanzlei gemacht hat.
Und so gibt es mittlerweile auch die ersten Beispiele für Anwältinnen und Anwälte, bei denen Legal Tech als Sprungbrett in die Partnerschaft gedient hat. In den letzten Jahren haben beispielsweise CMS Hasche Sigle, Freshfields oder Simmons & Simmons Partner ernannt, die Legal Tech zu ihrem Business Case gemacht haben.