KI in Kanzleien: Die Kompetenzlücke

Fast alle nutzen KI, fast keiner fühlt sich wirklich vorbereitet.

Das ist das zentrale Ergebnis der JUVE-Auswertung zur KI-Aufstellung deutscher Kanzleien: 95 Prozent der Associates setzen die Technologie regelmäßig ein – doch knapp 30 Prozent halten ihr Vorwissen für unzureichend, ähnlich viele vermissen eine konsistente Strategie ihrer Kanzlei.

In der Praxis ist KI längst Routine: 95 Prozent der Associates geben an, sie regelmäßig im Arbeitsalltag einzusetzen. Nur 5 Prozent tun das nicht. Die Einführung der Technologie ist damit praktisch abgeschlossen. Kanzleien müssen ihren Nachwuchs nicht mehr vom Nutzen der Tools überzeugen.

Bei den Voraussetzungen sieht es jedoch anders aus. Die JUVE-Auswertung der azur-Umfrage zeigt eine Kompetenzlücke. Nur gut 70 Prozent der Associates halten ihr Vorwissen für ausreichend, um KI im Arbeitsalltag einzusetzen. Knapp 30 Prozent verneinen das. Fast jeder Dritte hält sich somit unzureichend auf die Technologie vorbereitet. Das ist bemerkenswert, weil KI zugleich nahezu flächendeckend genutzt wird.

Ermutigung ja, Orientierung nein

93 Prozent der Befragten fühlen sich von ihren Arbeitgebern ermutigt, KI sinnvoll zu nutzen. Nur 7 Prozent widersprechen. Bei der Frage nach einer konsistenten KI-Strategie sinkt die Zustimmung jedoch auf gut 70 Prozent. Knapp 30 Prozent sehen eine solche Strategie bei ihren Kanzleien nicht. Zwischen Ermutigung und strategischer Orientierung liegen damit rund 20 Prozentpunkte.

Es deutet somit zwar vieles darauf hin, dass der KI-Einsatz in den meisten Kanzleien vom Management gewollt und gefördert wird. An verbindlichen Leitplanken und Prozessen scheint es hingegen vielerorts noch zu fehlen. Eine Lizenz ist schnell beschafft. Auch Begeisterung für Neues lässt sich einfacher wecken, als zu klären, was der KI-Einsatz für die Arbeitsweise und das Geschäftsmodell bedeutet.

Die Einschätzungen zum eigenen Vorwissen und zur Strategie der Kanzlei weisen in dieselbe Richtung. Auf beiden Feldern sieht jeweils rund ein Drittel Defizite. Was auf den ersten Blick wie ein individuelles Problem wirkt, verweist damit auch auf eine strukturelle Schwäche. Sicherheit im Umgang mit KI entsteht nicht nur durch eigenes Wissen, sondern auch durch klare Vorgaben. Wer weiß, wofür ein System freigegeben ist, welche Regeln gelten und wer Ergebnisse gegenliest, muss weniger selbst abwägen. Fehlen solche Vorgaben, liegt viel Verantwortung bei denjenigen, die oft noch am wenigsten Erfahrung haben.

Vom Enthusiasmus zur Steuerung

Die meisten Kanzleien haben die Einführung von KI längst hinter sich, und auch an der Motivation des Nachwuchses mangelt es nicht. Jetzt beginnt der schwierigere Teil. Kanzleimanager müssen die Ordnung hinter der Technologie liefern. Die Qualitätssicherung beginnt bei Fortbildungen, die über die Bedienung der Tools hinausgehen, und reicht bis zur Frage, wer ein KI-gestütztes Arbeitsergebnis verantwortet. Solange knapp 30 Prozent ihrer Associates beim eigenen Vorwissen und der Strategie ihrer Sozietät keinen festen Boden sehen, droht der KI-Einsatz vielerorts Alltag ohne belastbaren Rahmen zu bleiben.


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