KI als Jobkiller

Künstliche Intelligenz ist unverzichtbarer Bestandteil im Alltag vieler Steuerberatungshäuser und gilt als Chance, den Fachkräftemangel unter Steuerberatern auszugleichen. Die Branche sieht darin vor allem eine Chance statt einer Bedrohung. Für Nachwuchskräfte hingegen könnte die Effizienz der KI zum Problem werden.

Geht es um die Frage, welchen Einfluss künstliche Intelligenz (KI) auf die Steuerberatung hat, sind sich die Beschäftigten der Branche einig: KI wird die Berufsbilder der Steuerfachkräfte grundlegend ändern, ersetzbar werde der Faktor Mensch durch sie jedoch nicht.

Schon jetzt übernehmen KI-Systeme weite Teile der Buchhaltung und kommen im Deklarationsgeschäft sowie beim Prüfen von Steuerbescheiden zum Einsatz. Sie analysieren Datenmengen, formulieren Schriftstücke für Mandanten, werten Verträge aus und liefern sogar Prognosen. Dabei kommen zunehmend KI-Agenten zum Einsatz, die im Gegensatz zu einfachen KI-Modellen nicht nur auf Eingaben reagieren, sondern als autonom handelnde Softwaresysteme eigenständig Entscheidungen treffen und Aktionen ausführen können.

Der Informatiker und Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, bekannt als „Godfather of AI“, warnte im Podcast ,The Diary of a CEO‘ vor einer massiven Arbeitslosigkeit im Zuge der fortschreitenden Entwicklung künstlich-­intelligenter Systeme: Alltägliche intellektuelle Tätigkeiten könnten möglicherweise vollständig durch diese ersetzt werden. Beispielhaft führte er unter anderem auch Rechtsanwaltsfachangestellte an.

Gegenwärtig beziffert der Job-­Futuromat vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) den Anteil der Tätigkeiten eines Steuerberaters, die durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzt werden können, mit 62 Prozent. Für Steuerfachangestellte liegt dieser Wert sogar bei 100 Prozent. Die Werte basieren auf Daten aus Oktober 2022 und werden aktuell überarbeitet.

Chance für Berufsstand

In der Steuerberaterbranche erscheinen die Effizienzversprechen der KI Zeiten des Fachkräftemangels als Chance. Das Durchschnittsalter der Steuerberater liegt bei rund 53 Jahren. Die größte Gruppe bilden die 56- bis 60-Jährigen (14,4 Prozent) und die Ü‑70-Jährigen (13,4 Prozent), während der Nachwuchs bei den 30- bis 35-Jährigen lediglich 8,8 Prozent ausmacht und bei den unter 30-Jährigen sogar nur 2,3 Prozent.

Vor diesem Hintergrund bewertet auch die Bundessteuerberaterkammer die technologischen Entwicklungen überwiegend positiv: „Alles, was im Bereich der repetitiven Arbeiten und Datenauswertung automatisiert werden kann, ist total willkommen“, betont deren Geschäftsführerin Claudia Kalina-Kerschbaum unter Verweis auf die hohe Auslastung des Berufsstands. Dass KI in der Steuerberatung einmal menschliche Intelligenz ersetzen wird, glaubt sie nicht: „Künstliche Intelligenz haftet nicht, deswegen wird es immer Experten brauchen, die fachliche Inhalte überprüfen.“

Hürden für Anfänger

Doch was bedeutet es, wenn der Mensch vor allem als Prüfinstanz fungiert, die vorgelagerten Tätigkeiten dagegen zukünftig von KI-Systemen übernommen werden? Aufgaben, die üblicherweise den Nachwuchskräften obliegen und mittels derer sie ihre fachlichen Kompetenzen sowie Erfahrungen vertiefen.

Zwar besteht beim Einsatz von KI die Gefahr des Halluzinierens, das heißt, sie liefert mitunter ungenaue oder gänzlich unwahre Ergebnisse. Doch auch Menschen machen Fehler. Und während die Berufseinsteiger stets aufs Neue ausgebildet werden müssen, werden die Systeme immer besser. So kombinieren unter anderem sogenannte RAG-Systeme (Retrieval-Augmented Generation) künstlich-intelligente Sprachmodelle wie ChatGPT mit externen Datenbanken – und generieren so präzisere und aktuellere Ergebnisse.

Dario Amodei, CEO des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic, prognostiziert drastische Auswirkungen für Nachwuchskräfte. Forscher der US-Universität Stanford gehen davon aus, dass ein Beschäftigungsabbau als Erstes bei den Nachwuchskräften spürbar sein wird, da diese vor allem über angelerntes „Buchwissen“ statt über selbsterarbeitete Erfahrung verfügen. Ein Wissen, das KI-Systeme zunehmend bereitstellen. Erste Signale zeigen sich bereits: So geht aus einer Studie der Harvard University hervor, dass US-amerikanische Unternehmen, die generative KI einführen, die Einstellungen von Berufsanfängern nach eineinhalb Jahren um durchschnittlich 7,7 Prozent reduzieren.

Zwar beziehen sich die Aussagen auf die Vorgehensweise von US-amerikanischen Unternehmen. Jedoch sind entsprechende Trends auch in Deutschland zu beobachten, wie eine Analyse von Index Research für F.A.Z. Digitalwirtschaft zeigt. Auch in Deutschland sind die Stellenausschreibungen für Berufseinsteiger um 34 Prozent rückläufig – insbesondere im Bereich der Steuerdeklaration und beim Anfertigen von Analysen.

KI in der Beraterrolle?

Prof. Dr. Sabrina Kummer, Leiterin des Studiengangs Steuern und Prüfungswesen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Villingen-­Schwenningen beschäftigt sich intensiv mit der neuen Technologie. Dass KI die Steuerberater irgendwann vollständig ersetzen wird, schließt Kummer allerdings aus. Gerade mit Blick auf die Mandatsbeziehung könne die Technologie nicht ersetzen, was die reale Fachkraft ausmacht: soziale Kompetenz, menschlicher Kontakt und Finger­spitzengefühl.

Anders sieht das Dominik Wellmann, Global Head of Tax & Customs der Mercedes-Benz Group. „Es wäre arrogant anzunehmen, dass es Dinge gibt, die nur der Mensch machen kann. Das haben die letzten Jahre gezeigt.“ Dies gelte seiner Ansicht nach auch für die soziale Interaktion: „KI ist in meiner Wahrnehmung sehr empathisch geworden, gerade in der alltäglichen Kommunikation kann sie schon viel leisten.“

Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass der Einsatz von KI die Arbeit zunehmend von repetitiven sowie klassischen Einstiegstätigkeiten wegverlagert und damit die Basis für Berufskarrieren ändert: Unternehmen werden stärker auf erfahrene Mitarbeiter angewiesen sein und müssen Nachwuchskräfte schneller fördern, während sich junge Hochschulabsolventen auf einen deutlich schwierigeren Berufseinstieg einstellen müssen.

Der gesamte Artikel von Sarah Francke ist hier nachzulesen.


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