Karriere im Finanzrecht­ mit ESG‑Beratung

Dem Klischee nach sind Finanzanwälte die hoch bezahlten Handlanger des Raubtierkapitalismus. Doch diejenigen, die jetzt in den Beruf einsteigen, können stattdessen nachhaltige Finanzierungen unterstützen. Das Kürzel ESG macht’s möglich.

Irgendwie hat es ihn gepackt. Und nicht mehr losgelassen. Spätestens als Dr. Matondo Cobe als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Investmentfonds-Team der britischen Großkanzlei Linklaters und der deutschen Kanzlei CMS Hasche Sigle gearbeitet hatte, wusste er: Ich will Fondsanwalt werden. Für seine erste richtige Stelle ging der heute 35-Jährige nach vier Jahren Lehrtätigkeit und Dissertation an der Universität Marburg zu Poellath, einer der deutschen Top-Kanzleien für Fondsberatung. Seit rund zwei Jahren ist er nun Associate in deren Frankfurter Büro.

Ganz so geradlinig war der Weg von Dr. Barbara Dunkel zur Finanzanwältin nicht. Die junge Juristin arbeitet ebenfalls seit etwas über zwei Jahren bei einer Großkanzlei, im Münchner Büro der US-Sozietät Kirkland & Ellis. Hier berät sie Unternehmen und Finanz­investoren zu Akquisitionsfinanzierungen, im Rahmen von Restrukturierungen und bei allgemeinen finanzrechtlichen Fragen. Das überrascht Dunkel wohl selbst am meisten – denn Jura studierte sie neben Psychologie eher als Zweitstudium. Erst als sie während ihres LL.M.-Studiums an der New Yorker Columbia University unter anderem Kirkland-Partner Wolfgang Nardi kennenlernte, wusste sie, dass die Großkanzlei-Welt die richtige für sie ist.

Trotz unterschiedlicher Wege ins Finanzrecht – Dunkel und Cobe haben eins gemeinsam: Sie brennen für die drei Buchstaben E, S und G. Das ist die Abkürzung für Environmental, Social, Governance. ESG beschreibt den freiwilligen Beitrag der Wirtschaft zu eine­r nachhaltigen Entwicklung in Sachen Umweltschutz, sozialer Verantwortung und guter Unternehmensführung. Gerade im Bank- und Finanzrecht gibt es hier viel zu tun. ESG-Finanzprodukte sind seit einiger Zeit gefragt wie nie und auf absehbare Zeit aus der Beratung nicht mehr wegzudenken.

Überzeugte Verfechterin: Für die Arbeit von Barbara Dunkel von Kirkland & Ellis sind ESG-Kriterien immer relevanter geworden. (Foto: Eva Kubinska)

So steigt nach Angaben der südafrikanischen Invest­ment-Beraterin RisCura die Zahl von ESG-Investmentfonds seit 2019 rapide an. Flossen 2019 weltweit noch 285 Milliarden US-Dollar in ESG-fokussierte Fonds, waren es ein Jahr später schon 552 Milliarden und 2021 rund 649 Milliarden. Ende 2021 machten ESG-Fonds schätzungsweise 10 Prozent des globalen Fondsvermögens aus, ein weiterer Anstieg von ESG-Anlageprodukten ist zu erwarten. In Deutsch­­land und Europa ist die Entwicklung noch extremer. Über alle EU-Staaten hinweg entfielen im Jahr 2021 rund 40 Prozent des Vermögens auf Fonds mit Nachhaltigkeits­merkmalen.

Viele Fragen zur ESG-Konformität

Weiß Fonds-Anwalt Cobe angesichts dieser Zahlen vor lauter Arbeit überhaupt noch, wo ihm der Kopf steht? Ja, denn Wirtschaftskanzleien wie Poellath sind selten bei der Strukturierung offener Wertpapierfonds tätig, die sich an ein breites Publikum richten und das Gros des Fondsmarktes ausmachen. Vielmehr beraten sie Investoren und Fondsgesellschaften bei der Auflage sogenannter Alternativer Investmentfonds (AIF), die auf Unternehmensbeteiligungen oder Sachanlagen gerichtet sind und ausschließlich professionellen Anlegern offenstehen.

Gerade weil es sich nicht um Massengeschäft handelt, ist die Beratung von Spezial-AIFs komplex. Das gilt selbstverständlich auch für ESG-Fragen. „Eigentlich wollte ich mich auf Fondsaufsichtsrecht spezialisieren, wo es etwa um die Offenlegung von Kosten, den Fondsvertrieb oder Produktinformationen für Anleger geht“, sagt Cobe. Doch als er bei Poellath anfing, war ESG gerade das neue Marktthema schlechthin und die Kanzlei wollte dafür Spezialisten heranziehen. Im aktuell fünfköpfigen Team von Partner Dr. Peter Bujotzek in Frankfurt fiel Cobe neben dem Fondsaufsichtsrecht diese Rolle zu. „Ich sehe jeden Fonds, der bei uns im Team strukturiert wird“, erzählt Cobe. Seine Aufgabe ist es, den Mandanten zu erklären, was beim ESG-­konformen Fondsaufbau zu beachten ist, etwa wenn ein Fonds sich verpflichten will, sich nur an Unternehmen zu beteiligen, die eine spezielle Umweltbilanz aufweisen oder sich an sozialen Zwecken messen lassen will. „Ein Immobilienfonds könnte etwa beschließen, nur Wohnungsportfolios zu erwerben, die einen niedrigen Energieverbrauch aufweisen oder eine Mindestanzahl an Sozialwohnungen vorhalten“, erläutert Cobe.

Dann muss Cobe zum Beispiel die Europäische Offen­legungsverordnung danach auslegen, ob sich die gewünschte Anlagestrategie mit den Anforderungen der ‚Sustainability-related Disclosure Regulation‘ – so der englische Ausdruck für diese Verordnung – deckt. „Das ist derzeit sehr anspruchsvoll, weil die Aufsichtsbehörden noch keine Guideline vorgelegt haben. So kommt es auf uns Anwälte an, die Gesetze so auszulegen, dass wir unseren Mandanten einen Weg aufzeigen können, der Rechtssicherheit gewährleistet“, sagt Cobe. Aber vor allem: „ESG-Beratung ist nicht nur juristisch interessant, sondern hat auch einen Impact über die reine Kapitalrendite hinaus.“

Überzeugungstäterin

Ähnlich sieht das Barbara Dunkel. „ESG-Aspekte wurden über die letzte Zeit hinweg tatsächlich ein immer größerer Teil meines Berufsalltags“, sagt die Anwältin. Allerdings erst mit Verspätung. „In meinem ersten Berufsjahr spielte das eher keine Rolle“, so Dunkel, „doch nun enthalten fast alle Darlehensverträge ESG-Principles.“ Und die zeigen Wirkung. „Der Zinssatz eines Dar­lehens kann sinken oder sich erhöhen, je nach Aus­gestaltung der vertraglichen Regelungen, wenn spezielle ESG-Ziele erreicht oder verfehlt werden“, erklärt Dunkel.

Für Dunkel sind ESG-Aspekte eine interessante Erweiterung ihrer Arbeit. Als junge Anwältin im Debt-­Finance-Bereich ist sie bei der Verhandlung von Kreditverträgen dabei und ist etwa für die Dokumentation der Kreditsicherheiten zuständig sowie für sogenannte Corporate Approvals. Das heißt, sie muss sicherstellen, dass bei den Vertragsparteien alle nötigen Beschlüsse von den Gremien eines Unternehmens eingeholt werden, um die Finanzierungsverträge auch abschließen zu dürfen. „Nun bekomme ich zusätzlich hautnah mit, wie auch ESG-Klauseln in Kreditverträge eingebaut beziehungsweise hineinverhandelt werden, das ist total spannend.“ Für Dunkel ist schon jetzt absehbar, dass es in ein bis zwei Jahren kaum mehr Darlehensverträge ohne ESG-Komponenten geben wird.

Sie hat die Entscheidung, Finanzanwältin geworden zu sein, noch keine Sekunde bereut. Denn abseits vom Spezialthema ESG würden Anwältinnen ihres Fachbereichs immer gebraucht. „Momentan liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit auf Finanzierungen für den Kauf funktionierender Unternehmen. Sollte es zur erwarteten Rezes­sion kommen, wird es viel um die finanzielle Re­strukturierung von Unternehmen gehen“, sagt sie.

Anleihen mit Nachhaltigkeitsbezug sind gefragt: Kapitalmark­texperte Alexander Schlee von Linklaters. (Foto: Linklaters)

Als breit und vielseitig empfindet auch Dr. Alex­ander Schlee seine Tätigkeit. Der 39-Jährige Kapitalmarktrechtler ist vor vier Jahren Partner bei Linklaters geworden und seitdem mittendrin im deutschen Wirtschaftsgeschehen. Unlängst begleitete er Volkswagen als Eigentümerin der Porsche AG beim Börsengang des Automobilherstellers. Und das war nicht irgendein IPO (Initial Public Offering), wie es im Fachjargon heißt, sondern der größte seit 1996. Schlee schwärmt von seiner Arbeit: „Als Kapitalmarktanwalt berate ich Unternehmen und Banken sowohl in Eigenkapitalfragen, also etwa bei Börsengängen und Kapitalerhöhungen, als auch bei Fremdkapitalmarkttransaktionen wie beispielsweise Anleihe-Emissionen.“ Neben diesem Tätigkeitsfeld in den sogenannten Equity- und Debt-Capital-­Markets ­beraten Kapitalmarkt-Anwältinnen und -Anwälte ihre Mandanten auch bei Derivate-Geschäf­ten und zu anderen spezifisch strukturierten Wertpapieren, die an den Börsen gehandelt werden.

Vielseitige Arbeit

Weil Kapitalmarktfachleute ganz nah an der Finanzierung von Unternehmen mitwirken, gilt es, gut zu kommunizieren und vielseitig interessiert zu sein. „Als Anwalt sehe ich zwar zunächst die rechtliche Seite, aber wir stehen täglich im Austausch mit Investmentbankern und den Rechtsabteilungen oder auch den Finanzvorständen von Unternehmen.“

Für solche Gespräche muss Schlee gerüstet sein. Er nutzt dann schon mal die Gelegenheit, um sich etwa von Ingenieuren einzelne Produkte erklären zu lassen. „So blicke ich auch ständig über den juristischen Tellerrand hinaus und das ist spannend“, sagt Schlee. Für den Link­laters-Partner ist es nicht überraschend, dass das Thema ESG immer mehr zum festen Bestandteil der Arbeit wird. „Es gab in den vergangenen Monaten zwar nicht besonders viele Börsengänge und damit auch weniger ‚Green IPOs‘“, sagt Schlee, „aber dafür wird heute in mindestens jeder zweiten Anleihe-Emission ein Nachhaltigkeitsbezug diskutiert.“

Die ESG-Verknüpfung bei Anleihen – im Kapitalmarktdeutsch Bonds genannt – ähnelt grundsätzlich dem Modus bei Investmentfonds und Krediten. „Emittenten verpflichten sich, die Erlöse aus der Anleihe für einen grünen oder sozialen Zweck einzusetzen“, sagt Schlee. So könnte ein Immobilienkonzern anstreben, all seine Objekte mit Solardächern auszustatten. Der Vorteil dieser sogenannten Green Bonds: Die Zinsen, die das Unternehmen an die Anleihekäufer zahlen muss, sind typischerweise geringer als bei den normalen Corporate Bonds. Eine andere Spielart von nachhaltiger Anleihe ist, die Bedingungen des Instruments so zu gestalten, dass sich etwa der Zinssatz verringert oder erhöht, wenn die Emittentin bestimmte ESG-­Ziele erreicht oder eben nicht erreicht.

Aus Sicht von Schlee verändern sich die rechtlichen Rahmenbedingungen und Investoren-Anforderungen im Kapitalmarkt laufend – das Thema ESG ist insofern ein gutes Beispiel von vielen. Eine frühe Spezialisierung auf neue Entwicklungen sieht Schlee aber auch als Karrierechance für Anwälte in seinem Team. „Martin Rojahn hat bereits vor drei, vier Jahren begonnen, sich intensiv mit dem Thema ESG zu befassen und ist im aktuellen Geschäftsjahr zum Counsel ernannt worden“, so Schlee.

Alternative Inhouse

Auch Banken bieten für die Kombination von Finanzrecht und ESG ein gutes Umfeld – allen voran die staatliche KfW, die sich von jeher als Institut für Nachhaltigkeit versteht. Das steht sogar im KfW-Gesetz. Danach soll die KfW „Fördermaßnahmen, insbesondere Finanzierungen“ unter anderem in den Bereichen Wohnungswirtschaft, Umweltschutz, und Infrastruktur durchführen und hat die Aufgabe, „Maßnahmen mit rein sozialer Zielsetzung sowie Maßnahmen zur Bildungsförderung zu finanzieren“.

Der Chefjurist des Instituts, Dr. Karsten Hardraht, wirbt entsprechend offensiv mit den Zielen der Bank: „Wir als KfW machen gute, nachhaltige und wichtige Dinge für die Republik.“ Wer Lust darauf habe, bei der konkreten rechtlichen Ausgestaltung der Entwicklungszusammenarbeit, oder bei zentralen politischen Projekte wie den Corona-Hilfen oder Finanzierungen in der Energiekrise mitzumachen und in einem fördernden, wertschätzenden und anspruchsvollen Umfeld zu arbeiten, sei hier richtig: „Wir arbeiten auf höchstem Niveau. Wir rekrutieren die Kolleginnen und Kollegen in der Regel aus den besten 10, 15 Prozent der Juraabsolventinnen und -absolventen. Worauf es uns dann aber wirklich ankommt, ist, dass die Kolleginnen und Kollegen offen, neugierig und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“

Aktuell arbeiten insgesamt 85 Syndikus-Anwältinnen und -Anwälte im Rechtsbereich des Mutterhauses sowie rund 25 weitere bei den Töchtern DEG Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft in Köln, der Projekt- und Exportfinanziererin KfW IPEX-Bank sowie der Investmentgesellschaft KfW Capital. Letztere versteht sich als institutionelle Investorin, die sich über Fonds „an jungen, technologieorientierten Unternehmen“ beteiligt, „die neue, innovative Ideen in die Praxis umsetzen, Arbeitsplätze schaffen und die Grund­lage für künftigen Wohlstand und Wachstum in Deutschland und Europa sichern“.

Insbesondere die KfW Capital setzt auf ein klares ESG-Konzept. In diesem Fall heißt das, Investitionen zu vermeiden, die „als nicht vereinbar mit den ethischen, sozialen und ökologischen Standards von KfW Capital angesehen werden“, wie es auf der Website des Unternehmens heißt. Unter anderem fließen daher keine Gelder in die Produ­ktion von Waffen, oder den Abbau von arktischem Offshore-Öl und -Gas oder Schiefergas in Europa, oder in Projekte zur Suche und Erschließung von Kohleabbaugebieten.

Für ganz frische Berufseinsteiger ist der Rechtsbereich der KfW allerdings nicht das typische Ziel. „Wir haben in der Regel ein bis zwei Neueinstellungen pro Jahr. Typischerweise fangen bei uns Finanzrechtlerinnen und -rechtler oder Juristen aus Spezialgebieten wie Compliance, Kapitalmarkt- oder Konzernrecht mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung an“, sagt Chef­jurist Hardraht und ergänzt: „Wir stellen in passenden Einzelfällen auch Berufsanfänger ein. Wie alle anderen Neueinstellungen auch bekommen diese eine Mentorin bzw. einen Mentor und lernen die KfW und ihre Rechtsthemen von der Pike auf.“


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