Kanzleikultur zählt – das Einstiegsgehalt auch

Nach der Ausbildung zieht es die Mehrheit der Juristinnen und Juristen in eine Kanzlei. Ein gutes Betriebsklima ist weiterhin das wichtigste Entscheidungskriterium bei der Auswahl des konkreten Arbeitgebers – doch auch das Gehalt spielt eine wachsende Rolle. Die azur-Bewerberumfrage zeigt: Der Nachwuchs geht mit realistischen Erwartungen in den Berufseinstieg.

Die Arbeit in einer Anwaltskanzlei ist das Ziel der meisten Nachwuchsjuristinnen und -juristen. Das zeigt eine Auswertung der aktuellen azur-Bewerberumfrage, an der über 1.800 Studierende, Referendare und Assessoren teilnahmen. Rund vier von fünf Befragten gaben an, dass sie ihren ersten Job in einer Kanzlei beginnen möchten, 49,5 Prozent sehen sich in einer Großkanzlei. Unternehmen spielen mit knapp sechs Prozent eine Nebenrolle. Justiz und öffentliche Verwaltung bleiben mit knapp 14 Prozent eine stabile, aber deutlich kleinere Alternative.

Realistische Vorstellungen

Wer in einer Wirtschaftskanzlei starten möchte, trifft auf anspruchsvolle Mandate und eine hohe Arbeitsbelastung, kann aber auch eine steile Lernkurve erwarten. Die Umfrage zeigt: Die Mehrheit der Bewerber hat ein realistisches Verständnis vom Arbeitsalltag.

Im Durchschnitt erwarten die Befragten ein jährliches Bruttoeinstiegsgehalt von 95.800 Euro. Wer eine Großkanzlei anstrebt, kalkuliert etwas höher. Das ist angemessen kalkuliert, da sich das durchschnittliche Einstiegsniveau in deutschen Wirtschaftskanzleien inzwischen auf rund 120.000 Euro eingependelt hat.

Auch bei der Arbeitszeit zeigen Bewerber eine plausible Haltung: Wer in einer Kanzlei einsteigen will, plant knapp 53 Stunden pro Woche ein. Laut azur-Associate-Umfrage sind junge Anwältinnen und Anwälte im Schnitt 52 Stunden im Büro.

Teamkultur bleibt entscheidend

Die hohen Anforderungen der Sozietäten sind für Bewerber selbstverständlich, bei der Auswahl des Arbeitgebers sind ihnen jedoch unterschiedliche Rahmenbedingungen wichtig. In der Umfrage beantworteten 1829 Personen die Frage „Bei der Arbeitgeberwahl ist für mich entscheidend …“, bei der nur eine Nennung möglich ist. Bei der Auswertung fällt auf: Während das Betriebsklima mit 28,2 Prozent weiterhin deutlich führt, verliert es gegenüber dem Vorjahr 4,7 Prozentpunkte. Das Gehalt legt dagegen um 3,4 Punkte zu – der stärkste Zuwachs aller Kriterien.

Für die meisten Befragten steht das Betriebsklima an erster Stelle. Bereits seit Jahren ist es das wichtigste Kriterium bei der Arbeitgeberwahl – und auch 2025 führt es die Liste klar an. Wer viele Stunden im Büro verbringt, will in einem Umfeld arbeiten, in dem der Umgang respektvoll ist, Zusammenarbeit funktioniert und Leistung anerkannt wird. Gerade in größeren Einheiten sind Kollegialität und Wertschätzung zentrale Faktoren für Zufriedenheit im Büro.

Dass der Wert im Vergleich zum Vorjahr um fast 5 Prozent gesunken ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Thema an Bedeutung verliert. Die Verschiebung kann vielmehr darauf hindeuten, dass ein gutes Miteinander für Bewerber inzwischen eher als Standard denn als besonderes Plus gilt.

Geld als Gegenleistung

Gleichzeitig zeigen die Umfrageergebnisse, dass das Gehalt als Entscheidungskriterium für Bewerberinnen und Bewerber wieder stärker in den Vordergrund rückt, etwas überraschend angesichts der Tatsache, dass der Gehälterwettlauf unter den Kanzleien deutlich an Tempo verloren hat. 17,6  Prozent nennen die Vergütung in der Umfrage inzwischen als wichtigsten Faktor bei der Arbeitgeberwahl. Die Bedeutung des Gehalts erreicht 2025 den höchsten Stand im gesamten Erhebungszeitraum. Zum Vergleich: 2016 waren es nur knapp 10 Prozent.

Ein Grund dafür dürfte in der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung liegen: Steigende Lebenshaltungskosten, hohe Mieten in den Kanzleistandorten und eine insgesamt unsichere Lage auf den Märkten sorgen dafür, dass finanzielle Sicherheit für den Berufseinstieg wieder stärker in den Fokus rückt. Gleichzeitig ist das Gehaltsniveau in der Branche in den vergangenen Jahren deutlich transparenter und attraktiver geworden – auch das dürfte die Bedeutung des Faktors weiter gesteigert haben.

Ausgewogene Prioritäten

Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie das Betriebsklima sind in den azur-Bewerberumfragen seit Jahren die prozentual entscheidendsten Kriterien für die Arbeitgeberwahl. Auch die Aufstiegschancen bleiben relevant.

Insgesamt zeichnet die Umfrage das differenzierte Bild einer Generation, die nicht ausschließlich auf Einkommen oder Karriere fixiert ist. Sie kalkuliert realistisch und verlangt ein Gesamtpaket aus respektvollem Arbeitsumfeld, verlässlichen Perspektiven und einer Vergütung, die zur Intensität des Arbeitsalltags passt.


Teilen:

Lies mehr zum Thema

azur Mail abonnieren