Kaffeepause auf LinkedIn: Wie sich Juristen online vernetzen

Die Corona-Pandemie hat die berufliche Vernetzung erschwert. Kontakte entstehen jetzt häufiger über digitale Plattformen. Zwar mündet nicht jede Begegnung in einem neuen Mandat, doch der virtuelle Kaffee schmeckt immer mehr Juristen.

Er ist tagesaktuell, ausgefallen und auf TikTok bei Kindern und Jugendlichen angesagt. Die ­Rede ist von Tim Hendrik Walter – oder bei TikTok besser bekannt als ‚Herr Anwalt‘. In kurzen Videos erklärt er auf seine ganz persönliche Weise, mal verkleidet und mit einer großen Portion Humor, mal seriös am Schreibtisch, welche Rechte oder Pflichten beispielsweise Schüler und Lehrer haben, oder er macht kurz und knapp auf strafbare Sachverhalte aufmerksam. Unabhängig davon, wie der Zuschauer diese Kurzvideos bewertet, zweifelsfrei hat ‚Herr Anwalt‘, der tatsächlich als Fachanwalt für Familienrecht in Unna niedergelassen ist, damit eine große Reichweite für seine Person im Netz gewonnen.

Auch einige Wirtschaftsanwälte haben die Social-Media-Welt als berufliches Medium entdeckt. Natürlich nicht, um die jüngste Generation anzusprechen, sondern um sich mit Gleichgesinnten und potenziellen Mandanten zu vernetzen. Besonders während der Corona-Pandemie, in der Konferenzen, Messen und Fach­tagungen ausfielen, boten Plattformen wie beispielsweise LinkedIn zumindest eine Art von Ersatz, um Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Vor allem jüngere Partner, die daran arbeiten, ihr eigenes Geschäft aufzubauen, schrieben und teilten dort vermehrt Beiträge. Einer von ihnen ist Gesellschaftsrechtler Dr. Daniel Otte, Partner bei CMS Hasche Sigle in Köln. Er hatte LinkedIn lange nur sporadisch verwendet, doch im Frühjahr dieses Jahres packte ihn der Wille, diese Plattform intensiver zu benutzen.

Was einfach klingt, stellt sich in der Praxis etwas komplexer dar. Denn Ottes Ansicht nach besteht die Herausforderung darin, mit dem Linked­In­-Profil die eigene Persönlichkeit darzustellen, aber reine Selbstdarstellung zu vermeiden. Und da es sich bei LinkedIn oder Xing um beruflich-professionelle Räume handelt, sind private Themen wie Kindererziehung oder gar politische Diskussionen erst einmal fehl am Platz. Trotzdem lässt Otte dezent etwas Persönliches einfließen.

„Die Pandemie war in gewisser Weise auch eine große Chance. Ich konnte meinen Gesprächspartnern virtuell etwas von mir zeigen, ohne darüber zu sprechen.“ Denn in Onlinemeetings mit Otte können Teilnehmer in seinem Homeoffice Schlagzeug und E-Gitarre ent­decken. „So teile ich etwas von mir, ohne mein Privat­leben aufzudrängen, und erfahre auch etwas aus dem Privatleben meiner Mandanten oder Kollegen.“ Schnell ist das Eis gebrochen, Otte kommt so mit seinem Gegenüber direkt ins Gespräch.

Als Experte wahrgenommen.

Bei LinkedIn hat sich der 41-Jährige auf drei Themen für Postings festgelegt: Zwei davon sind fachlicher Natur, das Dritte gehört zu seinem Hobby, der Musik. Montags, zum Start der Woche, finden seine Follower und andere Neugierige immer einen Musik-Post auf seiner Seite – im September zum Beispiel über ein Album der Band Wilco, das für ihn mit der Erinnerung an die Nine-Eleven-Anschläge verknüpft ist. Beruflich konzentriert sich Otte auf Handels- und Gesellschaftsrecht.

Professionell ausgestattet: Gesellschaftsrechtler Daniel Otte (l.) und Georg Dietlein von CMS Hasche Sigle nutzen ihren Podcast, um auf sich aufmerksam zu machen.

Gemeinsam mit Associate Georg Dietlein spricht und diskutiert er im Podcast ‚CMS To Go – der Podcast für aktuelle Rechtsthemen‘ über gesellschaftsrechtliche Gestaltung, die aktuelle Rechtsprechung und relevante gesellschaftsrechtliche Streitigkeiten. Zuletzt beleuchteten Otte und Dietlein darin das Gesetz zur Modernisierung des Personengesellschaftsrechts (MoPeG), zu dem sie auch ein gemeinsames Webinar anbieten.

Das richtige Equipment darf für den Onlineauftritt nicht fehlen. Auf das professionelle Tonstudio-Mikrofon, eine gute Systemkamera und die passende Studiobeleuchtung kommt es an. Das Know-how darüber bekamen die Anwälte von CMS in einem Workshop vermittelt: ‚Wie stelle ich mich virtuell gut dar?‘.

Die Vorbereitung einer Podcast-Folge nimmt mitunter einen halben Tag ein. Der Mehrwert für den Mandanten: Er erhält in komprimierter Form brauchbare Informationen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und worin steckt der Mehrwert für die Anwälte? Nur selten wenden sich Mandanten aufgrund von Podcasts oder Beiträgen bei LinkedIn mit spezifischen Fragen an die Anwälte. „Es ist nicht das Ziel, dass jemand aufgrund eines Beitrages direkt zum Hörer greift, das wäre utopisch“, sagt Otte. „Wichtig ist, inhaltliche Botschaften auszusenden. Die Leser erkennen, dass ich als Anwalt für diese Themen stehe.“

Sie nehmen Otte als Experten wahr und kommen deswegen auf ihn zu. „Im Markt läuft einiges über Empfehlung“, erklärt der Gesellschaftsrechtler. „Viele Menschen gehen zu einem bestimmten Arzt, Bankberater oder Friseur, weil derjenige gute Empfehlungen hat. Ähnlich ist es bei Mandanten, die ihre Anwälte oftmals nach persönlichen Empfehlung suchen.“ Genau an diesem Punkt zahlt sich das Engagement von Otte in den sozialen Netzwerken aus. „Dann ist es natürlich hilfreich, wenn möglichst viele schon einmal von mir gehört haben – und ich ihnen, auch vielleicht wegen einiger unkonventioneller Aktionen – im Gedächtnis geblieben bin“, sagt Otte und meint damit auch den Anteil seiner Posts über das Thema Musik.

Auf einen digitalen Kaffee treffen.

Zeit für einen Kaffee: Counsel Svenja Wachtel von Willkie Farr & Gallagher entwickelte verschiedene Initiativen, um sich mit Gleichgesinnten virtuell zu treffen und auszutauschen.

Das Thema Digitalisierung hat es Svenja Wachtel, Counsel bei Willkie Farr & Gallagher in Frankfurt besonders angetan. Die 39-Jährige referiert regelmäßig auf Branchenveranstaltungen zu Schiedsverfahren im Hinblick auf Digitalisierung und digitale Transformation. „Ich habe vielfach überlegt: Wie kann ich die Themen Arbitration und Digitalisierung miteinander verbinden?“, sagt Wachtel, die sodann Gründerin der sogenannten ‚Digital Coffee Break in Arbitration‘ wurde. Bei diesem Format spricht Wachtel mit verschiedenen Personen aus der internationalen Schiedsgerichtbarkeit zu digitalen Themen in dieser Branche. Was Ende 2019 mit Interviews begann, die auf einer Website in Schriftform zugänglich sind, entwickelte sich rasch weiter – und umfasst jetzt mehrere Projekte nebeneinander. „Wie kann ich in der Branche zusätzlich zur Mandatsarbeit mehr Fuß fassen? Und wie können mich auch andere Disputes-Experten kennen­lernen?“, fragte sich die Anwältin.

Inzwischen moderiert sie bei Clubhouse immer donnerstags die ‚Arbitration Happy Hour‘, und im vergangenen Jahr rief sie das Projekt ‚Arbitration Idol‘ ins Leben: Dabei werden zwölf junge Kandidaten per Zufallsgenerator ausgewählt, die ein digitales Meeting mit zwölf weltweit renommierten Experten der Schiedsgerichtbarkeit gewinnen. Im Rahmen einer Kaffeepause können die Gewinner ihrem zugeordneten Experten sämtliche Fragen stellen und erhalten Tipps und Tricks für ihre Karriere. Und wenn die Chemie stimmt, treffen sich die Zufallspaare vielleicht auch auf einen echten Kaffee. „Eine Schwierigkeit ist, dass die Älteren die Jüngeren nicht kennen“, erklärt Wachtel. „Die erfahreneren Schiedsrechtler kennen sich alle, aber jemand mit weniger als zehn oder fünfzehn Jahren Berufserfahrung hat es erstmal schwer in der Branche.“ Wachtel organisiert das von ihr ausgedachte Format gemeinsam mit einigen Kollegen. „Anfangs machten wir uns schon Gedanken, ob das bei den ‚Arbitration Idols‘ nicht als dreist empfunden wird, sie für ein Projekt wie dieses anzufragen. Aber als ein paar große Namen zugesagt haben, war das fast wie ein Dominoeffekt und dann waren andere auch schnell dabei.“

2021 fand ‚Arbitration Idol‘ zum zweiten Mal statt. Ein netter Nebeneffekt: Jeder, der eine digitale Kaffeepause mit einem Experten gewinnen möchte, spendet einen oder auch mehrere Euros – den Ertrag gaben Wachtel und ihre Kollegen dann an Unicef weiter. Initiativen wie ‚Arbitration Idol‘ verlangen allerdings viel Zeit für die Vorbereitung und Organisation. In der Summe ist sie durchschnittlich mindestens eine Stunde täglich, häufig abends und auch am Wochenende, damit beschäftigt. Aber das alles macht sie mit Leidenschaft und verrät: „Es klingt vielleicht etwas abgedroschen, aber ich habe über diese Initiativen auch neue Freunde gefunden.“ Beispielsweise die französische Marketingspezialistin Sneha Ashtikar von Jus Mundi, mit der zusammen sie Clubhouse moderiert. „Vor einem Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich Clubhouse mache“, sagt Wachtel, die auch offen für andere Formate ist. „Ich bin nicht böse, wenn es bei Clubhouse irgendwann nicht mehr so viel Resonanz gibt. Dann wird sich eine neue Plattform anbieten.“

Der Podcast als Puzzleteil.

Norman Buse von der Kanzlei Buse Herz Grunst steht Clubhouse skeptisch gegenüber. „Clubhouse erfuhr so einen Hype, für mich war das allerdings nicht nachhaltig genug“, sagt der 34-jährige Berliner. „Ich bin kein Freund davon, das eigene Haus auf einem fremden Grundstück zu bauen. Wenn Clubhouse irgendwann nicht mehr existiert, ist ja gleichzeitig auch das eigene Material weg.“ Dem beugt der Anwalt für Medienrecht vor: Sein Herzstück sind selbst produzierte Podcast-Folgen, die er bei Anchor und Spotify hochlädt und bei weiteren Anbietern wie Apple Podcasts teilt. Buse ist selbst leidenschaftlicher Podcast-Fan. So lag die Idee nahe, selbst ein solches Projekt umzusetzen. Sein Anspruch: Alles soll technisch gut umgesetzt sein. Buse hat sich eine ordentliche Ausstattung im Berliner Büro einrichten lassen, den Rest macht er selbst.

Auf Sendung: Norman Buse von der Kanzlei Buse Herz Grunst ist leidenschaftlicher Podcast-Zuhörer. Er selbst moderiert das Format ‚Anwaltssprechstunde‘.

Seine Gesprächspartner sind teils Kollegen, teils auch Mandanten. Wenn persönliche Treffen nicht möglich sind, muss ein Call über Zoom herhalten. „Wir versuchen, Themen zu beleuchten, die wir auch selbst in der Kanzlei täglich bearbeiten“, erzählt Buse. Der Zeitaufwand hängt davon ab, ob es ein Kurzgespräch ist oder ein komplexeres Thema behandelt wird. „Bei letzterem muss ich mich selbst erst einmal in Details einarbeiten.“ Zwei Folgen versucht Buse monatlich zu veröffentlichen. Die Mandate haben Vorrang, gerade bei Fällen mit einstweiligem Rechtschutz ist seine Arbeit oft eilig.

„Der Podcast ist für die Außendarstellung der Kanzlei nur ein Puzzleteil, welches allerdings eine schöne Abwechslung zum normalen Berufsalltag ist.“ Und es gibt noch einen Vorteil durch den Podcast, wie Buse erfahren hat. „Viele haben Berührungsängste, zu einem Anwalt zu gehen – aber durch Formate wie beispielsweise Podcasts können Mandanten Hemmnisse auch abbauen.“

Das richtige Maß finden.

Der Anwalt ist wie Otte und Wachtel auf Linked­In aktiv, bleibt jedoch zurückhaltend, vor allem bei Netzwerken, in denen der Beruf nicht im Vordergrund steht. „Bei meiner Arbeit erfahre ich immer wieder, dass viele Mandanten in sozialen Netzwerken gehated werden. Ich bin der Meinung, dass es vorteilhaft ist, Privates in bestimmten Netzwerken rauszuhalten. Hinzu kommt, dass der Aufwand und Nutzen bei sozialen Medien sehr oft überhaupt nicht in Relation zueinander stehen“, sagt er. „Der primäre Fokus bleibt auf der guten Mandatsarbeit und einer seriösen Außendarstellung.“ Hinsichtlich anderer Kanzleitypen kann der Experte im Medien- und Presserecht das Engagement, bei sozialen Medien unterwegs zu sein, jedoch nachvollziehen. „Bei Großkanzleien mag der Blickwinkel auf die Mandats­akquise ein anderer sein. Da bieten sich bestimmte Formate oder Plattformen eher an, um juristischen Nachwuchs zu gewinnen.“

Oder ein Anwalt findet die richtige Balance zwischen Fachlichem und Hobby. Im besten Fall lässt sich das kombinieren, wie bei CMS-Anwalt Otte. „Bei meinem ersten Musik-Post erhielt ich zahlreiche positive Rückmeldungen, zum Teil von Leuten, die ich gar nicht kannte und das war schon erfreulich“, resümiert er. „Mittlerweile haben sich sogar einzelne LinkedIn-Nutzer mit mir zum Musik-Talk verabredet. Auf solche Einladungen gehe ich ein. Einerseits schadet es nie, neue Kontakte zu haben, und andererseits kommen geschäftliche Beziehungen ohnehin nur zustande, wenn die persönliche Chemie stimmt.“


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