Interview: Was Jude Law mit der Deutschland-Expansion von Legora zu tun hat

Mit der Eröffnung des ersten deutschen Büros in München will das Legal-Tech-Unternehmen Legora auch hierzulande weiter durchstarten. Nathalia Schomerus ist verantwortlich für Innovation und erklärt im Interview, was Legora von Konkurrent Harvey unterscheidet, warum Legal Engineering eine neue Karriere für Juristen sein könnte und was Hollywood-Star Jude Law mit all dem zu tun hat.

JUVE: Legora hat kürzlich eine Werbekampagne mit Jude Law gestartet. Ein Hollywoodschauspieler als Gesicht eines Legal-Tech-Produkts, das wirkt erst mal skurril – was steckt dahinter?
Nathalia Schomerus: Es sorgt für Aufsehen! Außerdem wollen wir bewusst aus dem klassischen, teilweise ziemlich langweiligen B2B-Marketing im Rechtsbereich ausbrechen. Wir haben auch nicht nur Jude Law als Prominenten im Boot, sondern zudem Aaron Judge von den New York Yankees und den schwedischen Profigolfer Ludwig Åberg. Natürlich steckt hinter dem Wortwitz mit ‚Jude Law‘ und ‚Aaron Judge‘ mehr als nur ein Gag.

Nathalia Schomerus

Also geht es vor allem darum, Aufmerksamkeit zu schaffen, weil der Legal-AI-Markt inzwischen so umkämpft ist?
Genau. Durch die Kooperation mit Aaron Judge und den New York Yankees senden wir auch eine klare Ansage an den Markt: Wir wollen nicht die europäische Nummer zwei sein, sondern die weltweite Nummer eins. Wir haben festgestellt: Wer unsere Plattform erst mal testet, erkennt fast immer den Wert und bleibt dabei. Die Frage ist also: Wie bringen wir Leute dazu, diesen Schritt zu gehen? Dafür haben wir verschiedene Wege – produktbezogene Werbung, aber eben auch diese etwas unkonventionellen Kampagnen.

„München schlägt Berlin, ganz knapp“

Etwa zeitgleich mit den Werbekampagnen hat Legora ein Büro in München eröffnet – das erste in Deutschland. Warum gerade München und warum jetzt?
Mittlerweile nutzen mehr als hundert deutsche Kanzleien und Rechtsabteilungen Legora. Wir haben uns verschiedene Standorte angeschaut – vor allem Frankfurt, Berlin, München. Dabei haben wir eine datenbasierte Entscheidung getroffen und uns angeschaut, wo unsere Kunden sitzen, wo die wichtigsten Universitäten sind und wo die besten Zugverbindungen hinführen. Daneben hat München ein sehr gutes Ökosystem: zum Beispiel das Legal Tech Colab, andere Start-ups, die Initiativen des bayerischen Justizministeriums. München hat Berlin zum Schluss ganz knapp geschlagen, Frankfurt lag auf Platz drei.

Welche Art von Mitarbeitenden sucht Legora, auch für das Münchner Büro? Man munkelt, Sie schauen vor allem auf die Top-Talente in Großkanzleien …
Das ist definitiv breiter! Was uns wichtig ist: Deutschland ist für uns nicht nur ein Vertriebsmarkt, sondern auch ein Co-Entwicklungsmarkt. Unser deutsches Team reicht von Absolventen mit erstem Examen bis zu Großkanzlei-Anwälten mit 23 Jahren Berufserfahrung bis zu Nichtjuristen. Wichtig sind uns Ehrgeiz, Fleiß und vor allem Kundenorientierung.

Wie viele Leute wollen Sie denn in München einstellen?
Über zwanzig möchten wir in diesem Jahr neu einstellen. Mal sehen, wer sich am Ende bewirbt, aber das ist unser Ziel.

Bewerben sich auch Uniabsolventen bei Legora? Ist Legora mittlerweile ein potenzieller Berufsstart?
Ja, auf jeden Fall! Interessanterweise sehen wir das aber mehr nach dem zweiten Examen als nach dem ersten. Viele kommen frisch aus dem Referendariat. Nach dem ersten Examen zögern einige noch – sie fragen sich, ob sie direkt einsteigen oder doch lieber das Referendariat machen und auf Nummer sicher gehen sollen. Die meisten machen dann doch noch das zweite Examen und kommen zwei Jahre später zu uns, aber wir suchen auch Uniabsolventen.

Wie erfahren Absolventen und Studenten überhaupt von Legora? KI und Legal Tech an Universitäten sucht man momentan ja oft noch mit der Lupe.
Wir haben Kooperationen mit verschiedenen Unis. Mit der Bucerius Law School arbeiten wir seit über einem Jahr sehr eng zusammen – alle Studierenden und Professoren bekommen Legora-Campuslizenzen mit Onboarding in Person. Ein ähnliches, kleineres Programm haben wir in Münster. Daneben gibt es Legal-Tech-Kurse an verschiedenen Unis und Hochschulen, etwa Passau oder Konstanz, in denen wir auch vortragen. Wer sich für Legal Tech interessiert, sitzt oft in einem dieser Kurse. Schöner wäre natürlich, wenn das noch großflächiger wäre. Ginge es nach uns, würden wir mit allen Unis zusammenarbeiten – aber nicht alle sind gleich legal-tech-affin.

Spielt bei den Bewerbungen auch Angst eine Rolle – also die Sorge, dass KI klassische Anwaltsjobs überflüssig macht?
Ja, auch. Und das betrifft nicht nur Absolventen. Wir bekommen auch Bewerbungen von Anwälten, die seit drei, vier Jahren in einer Kanzlei oder Rechtsabteilung arbeiten und merken, dass ihre Arbeit von vor zwei oder drei Jahren zunehmend von KI übernommen werden kann. Die sagen sich: Als Legal Engineer reite ich immer auf der Welle. Interessant wird sein, ob das für sie auch immer eine langfristige Karriere ist, oder ob einige auch ein paar Jahre Legal Engineering machen und dann wieder in die Rechtsberatung zurückgehen.

Warum glauben Sie, dass manche wieder zurückwechseln würden
Weil Legal Engineering meistens weniger spezialisiert ist. Wenn jemand in einem Kerngebiet – M&A, Strafrecht, Energierecht – wirklich die Koryphäe werden möchte, die Kommentare schreibt und aus der Erfahrung von Hunderten Mandaten schöpfen kann, dann ist Legal Engineering nicht der leichteste Pfad dahin. Man kann auch ein paar Jahre Legal Engineering machen, um zu verstehen, wie KI funktioniert und wie man Workflows baut. Aber dann möchte man vielleicht doch wieder zurück in die Rechtsberatung, zum Beispiel, um in einem Nischenbereich Experte zu sein. Es gibt mehr KI-Begeisterte, die diese Motivation haben, als manche denken.

Kann Legora denn mit den Gehältern mithalten? Es stand mal eine Summe von 400.000 Dollar im Raum, die Harvey aufgerufen haben soll.
Für Europa kann ich sagen: Man kann mittlerweile deutlich besser verdienen als früher im Legal-Tech-Sektor. Wenn ich an die Zeit vor ChatGPT denke – 2021, 2022 –, waren die Gehälter wirklich sehr niedrig im Vergleich zu First-Year-Associates in Großkanzleien. Heute würde ich sagen: Nach vier Jahren in einer Großkanzlei verdient man immer noch mehr als bei uns im Legal Engineering. Aber man kann sich inzwischen eine Karriere aufbauen, die nach oben viel mehr Luft hat als früher. Bei Legora kommt außerdem Equity hinzu, was nicht nur finanziell einen Unterschied macht, sondern für viele auch emotional.

Kommen wir zur Konkurrenz. Harvey steht immer als größter Konkurrent im Raum. Aber sind nicht auch die großen KI-Anbieter wie Claude oder Microsoft potenzielle Konkurrenten?
Wir schauen uns sehr genau an, was Anthropic macht – zum Beispiel das neue Word-Add-in. Wir haben es intensiv getestet. Unsere Beziehung zu Anthropic und Microsoft ist sehr eng. Wir sind etwa im Anthropic Customer Advisory Board, und man kann sogar Azure-Credits von Microsoft nutzen, um Legora-Lizenzen zu bezahlen. Es ist natürlich Aufwand, Kanzleien genau zu erklären, was wir anders machen. Aber wenn man es in der Praxis sieht, erkennt man die Unterschiede.

Und wo liegen diese Unterschiede?
Wir bauen eine ganze Enterprise-Plattform mit allem, was funktional und an Sicherheitsstandards dazugehört. Ein Legora-spezifischer Agent läuft in einer sehr sicheren, berufs- und datenschutzkonformen Umgebung mit internen Datenbanken und Anschlüssen an externe Datenbanken wie zum Beispiel Otto Schmidt. Diese extra fünf oder zehn Prozent an juristischer Exzellenz, die man aus Anthropic direkt noch nicht rausbekommt, sind im Rechtsbereich schon sehr wertvoll. Für eine Studentin, die sich privat für ein Auslandssemester einen Untermietvertrag schreibt, ist das womöglich nicht so relevant – aber für Kanzleien und Rechtsabteilungen schon. Nicht zu vergessen natürlich das Thema Datensicherheit – bei Legora fließen keine Daten ab oder werden für Trainingszwecke verwendet. Wir hosten in Europa und sind ISO 27001 und 42001 zertifiziert.    

Also ist es auch ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit?
Genau, vor allem für diejenigen, die nicht die Zeit haben, alles im Detail zu testen. Wer die Zeit hat, sieht die Unterschiede. Die meisten haben diese Zeit aber nicht, und da ist die Frage, wie wir das richtig kommunizieren. Insgesamt freuen wir uns aber, wenn die Modelle der großen Anbieter juristisch besser werden. Je weniger Halluzinationen es gibt und je besser die Antworten für verschiedene Jurisdiktionen werden – auch für Deutschland, nicht nur die USA –, desto besser werden auch unsere Modelle, die darauf aufsetzen.

Wer hat das bessere Sportteam?

Was unterscheidet Legora denn von Harvey? In zwei Sätzen.
Wir haben die besseren Sportteams! (Anmerkung der Redaktion: Auch Harvey macht Werbung mit verschiedenen bekannten Sportvereinen und Sportlern.) Nein, Spaß beiseite. Der Hauptpunkt ist: Wir sind lokalisierter. Weil wir ein europäisches Unternehmen sind und Europa verschiedene Sprachen, Jurisdiktionen und Rechtstraditionen verbindet, haben wir ein tiefes Verständnis dafür, was es bedeutet, Anwalt in einer anderen Sprache und Rechtsordnung zu sein. Wir haben daher von Beginn an sehr lokalisierte Unterstützung angeboten – unser starkes DACH-Team macht nicht nur Vertrieb, sondern entwickelt am Produkt mit, ist juristisch geschult und versteht, was ein Grundbuchauszug ist. Solche starken lokalen Teams haben wir auch zum Beispiel für Italien, Spanien, Frankreich, Neuseeland, Oman oder Indien.

Und der zweite Punkt?
Wir entwickeln unheimlich nah an unseren Kunden. Wir haben Forward Deployed Engineers und Forward Deployed Product Managers, also Softwareentwickler, die direkt beim Kunden arbeiten, und unsere Legal Engineers sind auch sehr viel vor Ort. Diese Liebe, diesen Aufwand zu gehen, wirklich im Austausch zu sein und das ins Produkt einfließen zu lassen, macht nicht nur für deutsche, sondern auch für US-Kanzleien wie White & Case, die Legora ebenfalls nutzen, den Unterschied.

Können Kanzleien denn messen, wie viel effizienter sie durch KI wie Legora geworden sind?
Das Problem ist: Viele Kanzleien konnten schon vor KI nicht richtig messen, wie lange Aufgaben eigentlich dauern. Pricing war oft Gefühlssache. Dadurch lässt sich die Effizienz nicht so leicht messen. Mittlerweile stellen aber einige Kanzleien wie Linklaters oder Cleary Gottlieb – oft eher angloamerikanische Kanzleien – Data Scientists dafür ein. Wir haben mit unserer neuen ROI-Studie auch einunddreißig Kanzleien dabei unterstützt, gemeinsam mit dem Branchenanalysten Ari Kaplan. Im Schnitt werden durch Legora mehr als vier Stunden pro Person und  Woche an Non-Billable Hours gespart, die stattdessen in billable Arbeit gehen können. Außerdem gaben 94 Prozent der Befragten an, nun früher auf Mandantenanfragen reagieren zu können.

Mehr rund um das Thema Legal AI erfahren Sie von unserer Referentin Nathalia Schomerus auf der Legal Operations Konferenz am 17. und 18. Juni 2026 in Köln.


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