Interview: „Steuer- und Arbeitsrecht sind krisensicher“

Wer gerade eine Stelle sucht, wirkt es merken: der Markt wandelt sich von einem extremen Bewerbermarkt hin zu einem Szenario, in dem Qualifikation, Examensnoten und Spezialisierungen wieder wichtiger werden. Worauf müssen Bewerbende jetzt achten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Der Markt hat sich gedreht. Was bedeutet das konkret für meinen Berufseinstieg?

Dr. Andreas Stadler

Zwei globale Effekte strahlen auf den Bewerbermarkt aus: die schwächelnde Wirtschaft und künstliche Intelligenz (KI). Beide sind zunächst psychologisch, denn weder ersetzt KI derzeit einen Juristen, noch haben die Kanzleien weniger zu tun. Dr. Andreas Stadler ist Geschäftsführer und Berater bei der Personalvermittlung „clients & candidates“ in Frankfurt. Er sagt: „Wir wissen seit Corona, wie sich Marktpsychologie völlig entkoppelt von der tatsächlichen Geschäftslage auf das Recruiting auswirkt.“
Die Folge: Es gibt wenig Bewegung. Diejenigen, die einen Job haben, wollen nicht wechseln. Und Arbeitgeber stellen zurückhaltender ein. Die Zeiten, in denen sich Arbeitgeber bei jungen Juristen ,beworben‘ haben, sind also erstmal vorbei. „Die Arbeitgeber diktieren jetzt wieder stärker, wie der Arbeitsalltag auszusehen hat“, sagt Volljurist Stadler. Die hohen Gehälter? Sind nicht zurückzudrehen. Aber für viele Arbeitgeber sei das jetzt die Chance, unliebsame Zugeständnisse an Bewerber in Sachen Work-Life-Balance wieder zurückzunehmen. Ideale Bewerber aus Arbeitgebersicht sind: immer verfügbar.

Welche konkreten Schritte erhöhen jetzt meine Chancen auf einen guten Job?

„Gehen Sie pragmatisch an den Berufseinstieg heran“, rät Stadler. Gute Vorbereitung ist alles. Dazu gehört, so viel Praxiserfahrung wie möglich zu sammeln, bevor man sich auf die erste Stelle bewirbt. Das können Praktika sein oder eine wissenschaftliche Mitarbeit, mit der man die Wartezeit bis zum Referendariat überbrückt. „Entscheidend ist, sich möglichst viele Rechtsgebiete anzuschauen“, rät Stadler. „Dies bringt auch mehr Flexibilität beim Berufseinstieg, da den Kanzleien Vorerfahrung in der jeweiligen Praxisgruppe wichtig ist.“ Vor allem jene, die im Studium nicht so ausführlich oder gar nicht behandelt würden. Gute Noten rückten außerdem wieder viel stärker in den Fokus bei der Bewerberauswahl, meint Stadler.

Welche Rechtsgebiete sind krisensicher?

Lange Zeit war M&A der Motor der Kanzleien. „Der stottert nach wie vor“, sagt Stadler. Er rät, sich Rechtsgebiete anzuschauen, die auch unabhängig von einer guten Konjunktur gebraucht werden: Steuer- oder Arbeitsrecht gelten als krisensicher. Sie sind häufig nicht der Favorit, böten aber beste Aussichten, meint der Personalberater. Hinzu kommt: Beide Rechtsgebiete funktionieren an allen Kanzleistandorten. Das ist nicht immer so. Wer sich auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisieren will, kommt an Frankfurt kaum vorbei, Öffentlichrechtler hingegen haben dort keine Chance und sollten sich vorstellen können, in Berlin oder Düsseldorf zu arbeiten. Eines ist Stadler wichtig zu betonen: „Bei allem Pragmatismus: Wer eine Passion für ein bestimmtes Rechtsgebiet hat, sollte dieser auch folgen.“

Welche Fähigkeiten sind jetzt besonders gefragt?

Kanzleien brauchen immer weniger ,Abarbeiter‘ – das Abarbeiten kann oder wird die KI in Zukunft besser und schneller lösen können. „Wer erfolgreich sein will, muss lernen, unternehmerisch zu denken“, sagt Stadler. „Bewerbende sollten Interesse an Akquise und Netzwerken zeigen.“ Dazu kann auch gehören, auf LinkedIn Sichtbarkeit aufzubauen. Wer seine Work-Life-Balance optimieren möchte oder Teilzeit zum Berufseinstieg fordert, hat hingegen vermutlich eher schlechte Karten. Gute Noten, viel Praxiserfahrung und ein wenig Geduld sind im Moment am ehesten gefragt.


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