Interview: Pilotprojekt bei Noerr
Associate-Ausbildung für den KI-Einsatz und enge Anbindung an die Partner: Im Noerr-Team für Banking & Finance geht das Frankfurter Büro neue Wege, die auch für andere Einheiten Vorbild sein könnten. Im Interview erläutern Partner Nikolai Warneke und Associate Benjamin Delis wie es ist, gemeinsam in einem Büro zu arbeiten.
azur: Herr Warneke, KI-Tools wie Harvey können viele typische Aufgaben von Berufseinsteigern heute schneller erledigen als diese selbst. Was bedeutet das für die Ausbildung in der Kanzlei?
Nikolai Warneke: Die entscheidende Frage ist: Wie qualifizieren wir junge Kolleginnen und Kollegen dazu, KI sinnvoll, kritisch und verantwortungsvoll einzusetzen? Nur wer selbst über ein solides fachliches Fundament und Urteilsvermögen verfügt, kann KI-Ergebnisse sinnvoll bewerten. Es reicht nicht, eine Antwort von Harvey, Legora oder einem anderen Tool einfach zu übernehmen. Früher haben Associates vieles über Recherche, Due Diligence oder Vertrags-Reviews gelernt. Diese Aufgaben verschwinden nicht, aber sie werden durch KI unterstützt und verändern sich in ihrer Ausgestaltung. Unsere Berufseinsteiger werden heute früher in strategische Fragestellungen eingebunden. Sie erleben beispielsweise von Beginn an, wie ein Mandat aufgebaut wird, wie Gespräche mit Mandanten geführt werden und welche Verhandlungstaktik sinnvoll sein kann. Das ist anspruchsvoller, aber auch motivierender.

Dazu können Berufseinsteiger in Frankfurt bei Noerr seit knapp zwei Jahren ein Büro mit einem Partner teilen. Wie ist diese Idee entstanden?
Warneke: Das Modell hat sich schrittweise entwickelt. Ausgangspunkt war die Erfahrung mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die ein Büro mit einem Anwalt geteilt und dies im Exit-Gespräch ausdrücklich positiv bewertet hat. Danach haben wir Referendarinnen und Referendare mit jüngeren Anwältinnen und Anwälten zusammengesetzt. Mit Corona und dem Aufkommen von KI haben wir das Konzept weiterentwickelt und auch auf Partner ausgeweitet. Ziel dieses Ansatzes ist es ausdrücklich nicht, Büroflächen einzusparen. Es geht ausschließlich um eine bessere Ausbildung und verbesserte Zusammenarbeit. Deshalb bieten wir das Modell auch nur an, wenn es sowohl für den Berufseinsteiger als auch den betreffenden Partner passt. Das ist wichtig, und ich war selbst zunächst skeptisch. Aber einer unserer Partner, Alexander Schilling, hat bereits mit mehreren Personen das Büro geteilt. Das erschien mir anfangs zumindest organisatorisch herausfordernd. Inzwischen bin ich überzeugt, dass es sehr gut funktionieren kann, wenn beide bereit dafür sind. Herr Delis und ich arbeiten seit Februar auf diese Weise zusammen. Es ist ein Pilotprojekt, aber eines, das für beide Seiten eine positive Dynamik schafft: Man muss sich aufeinander einstellen, ist dafür aber viel effizienter, und Herr Delis ist näher an den tatsächlichen Arbeitsprozessen. Davon haben wir beide etwas.

Herr Delis, wie haben Sie von dem Modell erfahren? Wie erleben Sie es im Alltag?
Benjamin Delis: Ich habe bereits im Vorstellungsgespräch davon erfahren und fand die Idee sofort gut. Gerade als Berufseinsteiger hatte ich die Sorge, nicht richtig in Abläufe hineinzukommen oder nicht zu wissen, wann und auf wen man mit einer Frage zugehen kann. Diese Hürde wird durch die räumliche Nähe deutlich kleiner. Im Banking & Finance geht es auch viel um Prozesssteuerung. Da ist es enorm hilfreich, unmittelbar auf den Erfahrungsschatz eines Partners zurückgreifen zu können. Ich werde von Anfang bis Ende in Mandate eingebunden: vom Angebot, ersten Gesprächen mit dem Mandanten über Verhandlungstaktiken bis zum Abschluss einer Transaktion. Das vermittelt nicht den Eindruck, nur zuzuschauen oder bloß punktuell zuzuarbeiten. Man arbeitet eigenverantwortlich mittendrin im Prozess, hat aber gleichzeitig einen festen Ansprechpartner. Auch ganz praktisch hilft es: Am Anfang wirkt oft alles dringend. Dann ist es wertvoll, jemanden direkt neben sich zu haben, der bei der Priorisierung helfen kann – und einem im Zweifel viel unnötiges Grübeln erspart.
Wie verändert die gemeinsame Büroarbeit konkret den Umgang mit KI?
Delis: KI kann zum Beispiel große Datenmengen oder Verträge sehr schnell analysieren. Wir nutzen sie etwa für einen ersten Überblick über Abweichungen eines Vertrags vom Marktstandard. Aber gerade die vielen Nuancen dessen, was als Marktstandard gilt, erschließen sich häufig erst mit zunehmender Praxiserfahrung. Dann hilft es sehr, wenn Nikolai Warneke erläutert, worauf ich mit Blick auf Marktüblichkeit oder die Interessen des konkreten Mandanten besonders achten sollte. So entwickelt sich nach und nach das kritische Urteilsvermögen: Was hat die KI gut erkannt? Wo ist sie zu allgemein oder verliert an Präzision? Was hat sie übersehen? Mir fällt es inzwischen leichter, die wesentlichen Punkte aus KI-Ergebnissen herauszufiltern. Im Studium lernt man nicht automatisch, wie ein gutes Arbeitsergebnis für einen Mandanten aussehen muss. Dafür braucht es Erfahrung und Austausch.
Warneke: Genau das ist der Kern. Am Ende trägt nicht die KI die Verantwortung, sondern die Person, die mit ihr gearbeitet hat. Deshalb wollen wir Wissen möglichst unmittelbar weitergeben – auch, indem Gespräche mit Mandanten gleich gemeinsam geführt werden oder fachliche Überlegungen offen besprochen werden. Zugleich lerne ich selbst von Herrn Delis: Er hat oft einen anderen Blick auf die Abläufe, zum Beispiel darauf, an welcher Stelle sich KI sinnvoll einsetzen lässt.
Steigt durch das Modell nicht der Druck auf Associates – und wird dadurch die Arbeit im Homeoffice schwieriger?
Delis: Ich empfinde es nicht als Kontrollinstrument, sondern als Angebot. Die Teilnahme ist ausdrücklich freiwillig. Es wird auch klar kommuniziert, dass Erholung und nachhaltige Arbeitsweise wichtig sind. Natürlich kann ich im Homeoffice arbeiten und bin dafür vollständig ausgestattet. Gerade zum Einstieg komme ich aber aus eigenem Interesse gern ins Büro, weil der direkte Austausch, fachlich wie persönlich, sehr viel wert ist.
Warneke: Die normale Homeoffice-Regelung gilt selbstverständlich weiter. Wenn ich im Homeoffice bin, sitzt Herr Delis nicht nur für dieses Modell im Büro. Entscheidend ist die Freiwilligkeit. Wir kommunizieren das Konzept bereits im Bewerbungsprozess und die Nachfrage war bislang sehr groß. Wir stellen im Zuge der Einführung von KI-Tools auch nicht weniger Berufseinsteiger ein und müssen uns deshalb etwas einfallen lassen, um die Ausbildung noch weiter zu verbessern. Die Technologie Künstliche Intelligenz wird einzelne Tätigkeiten verändern und stärker in Richtung Kontrolle und Einordnung von Ergebnissen der KI verschieben. Umso wichtiger ist es, junge Anwältinnen und Anwälte schnell dazu zu befähigen.