Interview: „Mein Anderssein ist meine Stärke“

Die juristische Arbeitswelt wirkt auf den ersten Blick furchtbar eintönig. Gefühlt besteht sie größtenteils aus alten, weißen Männern. Doch auf den zweiten Blick bietet sich ein bunteres Bild: Besonders junge Juristinnen und Juristen haben zunehmend ungerade Lebensläufe oder einen Migrationshintergrund. Wer verstehen will, mit welchen Hindernissen sie zu kämpfen haben, muss den wenigen zuhören, die den Aufstieg geschafft haben. Sharon Robinette ist eine von ihnen.

azur: Frau Robinette, Sie sind heute Inhouse-Juristin in einem Softwareunternehmen in Mainz. Doch Ihr Lebensweg bis hierher ist sehr ungewöhnlich. Erzählen Sie davon …

Sharon Robinette: Ich bin in Kenia geboren, aufgewachsen und habe dort Abitur gemacht. Während des letzten Schuljahres hatte ich mich für ein Jurastudium beworben, wurde aber dort nicht angenommen, stattdessen zu einem Human-Resources-Management-Studium. Allerdings wollte ich immer Anwältin werden! Nachdem ich schwanger geworden bin, hat meine Schwester, die als Au-pair in Deutschland war, mir vorgeschlagen: „Lerne Deutsch, komm nach Deutschland und studiere hier.“ Während der Schwangerschaft habe ich in Kenia eine Sprachschule mit dem Level A1 absolviert – das ist das niedrigste Niveau. Ich habe in Deutschland eine Gastfamilie gefunden, und bin nach Deutschland gegangen. Meine Tochter ist zunächst bei meiner Mutter geblieben, sie kam dann 2012 während meines Studiums nach.

Sie waren dann erst einmal als Au-pair hier?

Ja, ich musste ein Au-pair-Jahr machen, um die Kultur und die Sprache kennenzulernen. Danach konnte ich mich für ein Studium bewerben. Und das habe ich gemacht. Anfangs war ich sehr abgeschreckt: Ich wollte Jura studieren, aber das war sehr kompliziert auf Deutsch. Ich habe mich dann erstmal für Englisch auf Lehramt eingeschrieben, weil ich dachte, dass das einfacher wäre. Aber dann habe ich mir gedacht: Warum soll ich etwas studieren, das ich nicht will? Ich möchte nicht nur einen Abschluss haben, sondern Spaß an dem, was ich arbeite. Dann habe ich zu Jura gewechselt.

Nachdem Sie gerade erst zwei Jahre zuvor nach Deutschland gekommen waren …

Ja, erst dachte ich: ‚Wow, das war ein Fehler.‘ Ich hatte mich gar nicht genau informiert, was es bedeutet, Jura zu studieren. Hätte ich das vorher getan, wäre ich wahrscheinlich erschrocken. Das erste Semester war nicht einfach, der Wendepunkt die erste Klausur. Sie war inhaltlich gut, hatte aber einfach zu viele grammatikalische Fehler. Von da an habe ich richtig Deutsch gelernt und mich sehr verbessert bis zur Zwischenprüfung und habe dann auch den Freischuss geschrieben. Mein erstes Examen habe ich mit neun Punkten bestanden.

Wie haben Sie sich während des Studiums gefühlt mit Ihrem Lebenslauf?

Natürlich habe ich mich anders gefühlt. Nicht unwohl, aber ich war in vielen Situationen anders als die anderen: in Prüfungen, bei Gerichtspraktika. Ich war oft die einzige schwarze Frau. Es war ein neues Gefühl, weil ich natürlich, bis ich nach Deutschland kam, nie mit dieser Situation konfrontiert war. Ich nahm mein Anderssein trotzdem immer als positiv wahr. Eine Situation möchte ich erwähnen, weil es meinen Karriereweg beeinflusst hat: Ich hatte mich für mein erstes Praktikum beworben, wir waren zu sechst. Ich wurde angenommen, habe aber nachher erfahren, dass alle anderen Bewerber sofort eine telefonische Zusage bekommen hatten und nicht zu einem Bewerbungsgespräch mussten. Da wurde mir bewusst, dass ich anders bin, mein Lebenslauf anders ist.

Waren Sie durch dieses Erlebnis entmutigt?

Nein, im Gegenteil. Seitdem habe ich das als Stärke empfunden, denn das ist es, was mich ausmacht. Sogar bei meiner Vereidigung wurde ich noch gefragt, ob ich Deutsch kann (lacht). So ähnliche Situationen gibt es immer wieder. Aber ich kann andere nur ermutigen, ihre Geschichte als Teil von sich zu begreifen. Man hat viele Fähigkeiten, die nicht jeder hat. Ich hatte damals keine Vorbilder. Es gibt in der Fernsehserie ‚Suits‘ den Charakter Jessica Pearson, und ich habe immer gesagt: Ich will auch in der Realität eine schwarze erfolgreiche Frau in einer Kanzlei sehen, damit ich meine Ziele visualisieren kann. Aber es gab leider keine. Doch inzwischen weiß ich: Wir sind viele Anwältinnen und Anwälte mit Migrationshintergrund. Teilweise sind wir einfach nicht so sichtbar. Ich sehe jetzt meine Tochter und ich weiß, dass sie später ein Vorbild haben wird. Und deshalb möchte ich gerne Mentorin sein und mich engagieren. Zum Beispiel bei „ADAN“, einem Afro-Deutschen-Akademiker-Netzwerk, das Workshops zu verschiedenen Themen anbietet.

Wo haben Sie Ihre erste Berufserfahrung gesammelt?

Seit meinem 4. Semester habe ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Großkanzleien gearbeitet. Ich hatte damals nach einem Praktikum gesucht und stieß auf eine Anzeige für die Summer School von DLA Piper und habe gedacht: Okay, das ist alles auf Englisch, das kann funktionieren. Eine glückliche Fügung: Das war mein Einstieg auch in den M&A-Bereich. Nach dem Praktikum habe ich ein Angebot bekommen, dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin einzusteigen. Nach dem Examen war ich ein Jahr bei Linklaters, dann bei Hogan Lovells und später bei Skadden Arps Slate Meagher & Flom.

Das sind alles internationale Großkanzleien. Dann haben Sie sich für den Berufseinstieg aber ein Unternehmen ausgesucht?

Genau. Ich habe ja eine Tochter, die jetzt 12 Jahre alt ist, ich habe also auch das Studium mit ihr durchgezogen. Damals stand das Studium total im Fokus, jetzt wollte ich mehr Zeit für sie haben. Deshalb habe ich mich für eine Inhouse-Position entschieden. Ich finde meine Rolle super. Ich arbeite ja trotzdem mit Kanzleien zusammen – mit Partnern hauptsächlich. Das heißt, ich lerne von den Besten. Aber ich habe zusätzlich mit dem Management und den Stakeholdern zu tun. Ich denke, als Einsteigerin in einer Großkanzlei hätte ich das nicht gehabt. Mein Arbeitgeber ist stolz auf mich, und ich bin froh, dass ich so ein Umfeld gefunden habe, in dem ich mich entwickeln kann. Und auch inhaltlich macht mir die Arbeit sehr viel Spaß.

Was glauben Sie, warum ist die Juristenwelt so homogen?

Ich finde, das ist gar nicht mehr unbedingt so. Aber das Bild, dass es nur alte, weiße Männer in der Juristenwelt gibt, hält sich sehr hartnäckig. Dabei gibt es sehr viele Persönlichkeiten, die zu wenig Sichtbarkeit haben. Ich denke, daran sollten wir arbeiten. Ich wusste nicht, dass es viele ,People of Colour‘ in Kanzleien gibt, obwohl ich selbst schon in welchen gearbeitet habe. Aber inzwischen weiß ich: Es gibt sie. Ihre Geschichten müssen erzählt werden!


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