Gemeinsam stark

Karriere und Verantwortung schließen sich aus? Gewiss nicht. Wer das immer noch glaubt, sollte einen Blick auf die Pro‑bono‑Arbeit deutscher Wirtschaftskanzleien werfen.

Von der Stiftungstätigkeit bis zu persönlichen Initiativen bietet gemeinnützige Arbeit viel Raum für Engagement.

Die juristische Arbeit in Wirtschaftskanzleien ist geprägt von hohen Stundensätzen, hohen Gehältern und einem entsprechend hohen Leistungsdruck. Gleichzeitig wächst bei vielen Nachwuchsjuristinnen und -juristen der Wunsch, in ihrem Beruf nicht nur wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Soziales Engagement ist längst kein Nischenthema mehr. Wie genau die ehrenamtliche Tätigkeit ausgestaltet wird, kann vielfältig sein.

Was ist Pro-bono-Arbeit?

Der Begriff ‚Pro bono‘ leitet sich vom lateinischen ‚pro bono publico‘ ab, also ‚zum Wohle der Öffentlichkeit‘. Im Jurakontext ist damit die unentgeltliche Erbringung juristischer Dienstleistungen für gemeinnützige Organisationen oder bedürftige Personen gemeint. Anders als bei klassischer ehrenamtlicher Tätigkeit bleibt der Bezug zur fachlichen Kompetenz zentral, denn Anwälte setzen genau das ein, was sie seit dem ersten Semester ihres Studiums gelernt haben. Professionelle Pro-bono-Arbeit orientiert sich an denselben Qualitätsmaßstäben wie bezahlte Mandate. Typische Tätigkeitsfelder reichen von der gesellschaftsrechtlichen Strukturierung gemeinnütziger Organisationen über arbeitsrechtliche Beratung bis hin zur Unterstützung bei Expansionen oder Kooperationen.

Eine gute Tat im Jahr: Ginge es nach Timo Engelhardt, Partner und Pro-bono-Verantwortlicher bei Linklaters, würden sich alle Mitarbeitenden einen Tag im Jahr für die gute Sache einsetzen. Foto: Linklaters

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass ausgerechnet Wirtschaftsanwältinnen und -anwälte – also solche, die primär Unternehmen und Investoren begleiten – eine zentrale Rolle im Einsatz für die Gesellschaft spielen können. Tatsächlich liegt hierin jedoch ein erhebliches Potenzial. Zum einen verfügen Wirtschaftskanzleien über Ressourcen wie Zeit und Geld, aber auch über internationale Netzwerke und organisatorische Strukturen. Zum anderen bringen sie spezialisierte Fachkenntnisse mit, die für viele gemeinnützige Organisationen sonst nicht zugänglich sind. Dr. Timo Engelhardt beschreibt Pro-bono-Arbeit daher als ‚Community Investment‘. Der 53-jährige Transaktionsanwalt koordiniert bei der Magic-Circle-Kanzlei Linklaters deutschlandweit die Pro-bono-Tätigkeit. Seine Kanzlei verfolgt einen systematischen Ansatz: „Jeder Mitarbeiter soll einen Tag pro Jahr investieren – auch losgelöst von rechtlicher Beratung“, erklärt der Münchner Partner. Dieses Engagement reicht von klassischer Rechtsberatung bis hin zu praktischer Unterstützung, etwa bei lokalen Projekten und Bildungseinrichtungen. Auch wenn die Zielvorgabe von einem Tag im Jahr noch eine Wunschvorstellung ist, bemüht sich die Kanzlei, ihren Mitarbeitenden die nötigen Strukturen zu bieten.

Passende Projekte finden

Zugleich achtet Linklaters darauf, dass die Tätigkeiten möglichst zur eigenen Kernkompetenz passen: „Wir beraten nicht zu Themen wie Asyl- oder Menschenrecht, die wir sonst auch nicht beraten“, verrät er. Stattdessen konzentriert man sich auf Bereiche, in denen die Kanzlei auch im Tagesgeschäft tätig ist, etwa gesellschaftsrechtliche Beratung oder die Begleitung strategischen Wachstums. Engelhardt betont: „Es gibt keinen Abfall in der Qualität, auch wenn die Ressourcen begrenzt sind.“

Gerade diese Haltung ist entscheidend für die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit solcher Initiativen. Projekte werden sorgfältig ausgewählt, oft in Zusammenarbeit mit Partnern wie beispielsweise der internationalen Non-Profit-Organisation Ashoka, die weltweit soziale Unternehmer fördert. An jedem Standort gibt es zudem Verantwortliche, die lokale Projekte auswählen, darunter etwa Mutter-Kind-Einrichtungen oder Bildungsinitiativen in sozialen Brennpunkten. Die Bandbreite reicht von rechtlicher Beratung über Bewerbungstrainings bis hin zu ganz praktischer Unterstützung vor Ort.

Allerdings besteht eine bewusste Abgrenzung zu klassischen Mandaten. Langwierige Rechtsstreitigkeiten werden bewusst vermieden, da sie einen unbestimmten Zeithorizont haben und gegebenenfalls Konflikte mit dem Mandatsgeschäft erzeugen. Stattdessen liegt der Fokus gezielt auf einzelnen Aktivitäten mit unmittelbarem gesellschaftlichem Nutzen. Für Engelhardt steht dabei ein übergeordnetes Ziel im Vordergrund: „Mir liegt eine robuste Zivilgesellschaft am Herzen. In einer turbulenten Weltlage ist es entscheidend, Verantwortung zu übernehmen und demokratische Strukturen aktiv zu stärken“, findet der Linklaters-Partner.

Wirkung durch Stiftung

Während Linklaters ihr Wirken primär aus der Kanzleistruktur heraus organisiert, wählt die deutsche Großkanzlei CMS Hasche Sigle bewusst den Weg über eine eigene Stiftung, um langfristige und thematisch fokussierte Wirkung zu erzielen. Die CMS Stiftung wurde 2015 gegründet und verfolgt das Ziel, Organisationen zu unterstützen, die Menschen Zugang zum Recht ermöglichen. Dr. Gerlind Wisskirchen, seit knapp 20 Jahren Partnerin bei CMS Hasche Sigle in Köln und Fachanwältin für Arbeitsrecht, engagiert sich ehrenamtlich in der Geschäftsführung. „Der zeitliche Aufwand ist überschaubar, vielleicht ein paar Stunden im Monat. Doch die Wirkung ist erheblich“, sagt die 59-Jährige.

Geringer Aufwand, großer Effekt: Für Gerlind Wisskirchen, Partnerin von CMS Hasche Sigle, ist soziales Engagement eine Selbstverständlichkeit. Foto: CMS Hasche Sigle

Die Stiftung unterstützt mittlerweile rund 30 Organisationen und setzt bewusst auf thematische Breite: von Migration über Gewalt gegen Frauen bis hin zu Inklusion oder Altersarbeit. Im Zentrum steht dabei nicht nur finanzielle Förderung, sondern auch Sichtbarkeit. „Wir setzen auf einen Mix: lokale Initiativen – etwa Law Clinics oder Frauenberatungen – und Organisationen mit bundesweiter Wirkung, denen wir eine Plattform geben“, beschreibt Wisskirchen den Ansatz. Gleichzeitig fließen juristische Kompetenzen unmittelbar ein, etwa bei der Gestaltung von Arbeitsverträgen oder der Wahl geeigneter Rechtsformen. Die Motivation ist dabei klar gesellschaftspolitisch geprägt. Wisskirchen formuliert es zugespitzt: „Es bringt nichts, mit dem Finger auf den Staat zeigen – wir sind der Staat.“ Engagement sei kein optionales Extra, sondern Ausdruck von unternehmerischer Verantwortung. Gerade große Kanzleien hätten aufgrund ihrer Ressourcen eine besondere Hebelwirkung. „Insbesondere in Zeiten, in denen der Bedarf wächst, ist es wichtig, innerhalb unseres klaren Fokus‘ auf den Zugang zum Recht ein breites Spektrum an Zielgruppen zu erreichen, die besondere Hürden haben“, weist Wisskirchen auf die aktuellen Herausforderungen hin. Ein weiterer Aspekt ist die Signalwirkung. Der Einsatz für die Gemeinschaft wird zunehmend zu einem wichtigen Faktor im Wettbewerb um Talente. Wisskirchen spricht offen von einem „Recruiting-Vorteil, denn junge Juristinnen und Juristen suchen gezielt nach einer sinnstiftenden Dimension ihrer Arbeit.“

Individuelles Engagement

Herzensprojekt: Tariq Shinwari erhielt nach seiner Ankunft in Deutschland Unterstützung. Heute gibt er jungen Migranten selbst Hilfestellung – neben seiner Arbeit bei Hengeler Mueller. Foto: Hengeler Mueller

Neben strukturellen Ansätzen spielt individuelles Handeln eine ebenso wichtige Rolle. Ein eindrucksvolles Beispiel ist Tariq Shinwari. Mit 16 Jahren floh er allein aus Afghanistan nach Deutschland. Heute, neun Jahre später, hat er das Erste Staatsexamen bestanden und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der deutschen Spitzenkanzlei Hengeler Mueller. Angekommen in Deutschland, genauer gesagt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Potsdam, wurde ihm ein ehrenamtlicher Vormund zur Seite gestellt. „Die anfängliche Vormundschaft entwickelte sich mit der Zeit zu einer engen Bindung, in der er für mich zur wichtigsten väterlichen Bezugsperson wurde“, sagt der heute 26-Jährige, „ohne ihn wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich heute bin.“ Diese Erfahrung hat sein eigenes Engagement maßgeblich beeinflusst. Shinwari setzt sich gezielt für junge Menschen mit Migrationshintergrund ein, die einen juristischen Karriereweg anstreben. Sein Ziel ist es, Hürden in der Examensvorbereitung sichtbar zu machen und abzubauen. Er ist sich sicher: „Jeder hat das Zeug dazu, aber viele kennen den Weg nicht und wissen nicht wie.“

Früh Verantwortung übernehmen

Alles begann mit einem Beitrag auf einer Plattform in den sozialen Medien, wo er seine unentgeltliche Unterstützung bei der Examensvorbereitung anbot. Die Resonanz darauf war riesig. Aus zahlreichen Bewerbungen wählte er vier Teilnehmende aus. „Bei der Auswahl war mir wichtig, dass zwei Mädchen und zwei Jungen darunter sind. Zudem habe ich berücksichtigt, ob sie sich selbst sozial engagieren“, sagt Shinwari. Mit seinen Schützlingen verabredet er sich dreimal im Monat. Während der dreistündigen digitalen Lerneinheiten gehen sie gemeinsam Probeklausuren durch. Unterstützt wird das Projekt durch ein Netzwerk von Kolleginnen und Kollegen, die Lernmaterialien bereitstellen oder ebenfalls als Coach fungieren. Für Shinwari ist es ein echtes Herzensprojekt. Langfristig plant er die Gründung eines gemeinnützigen Vereins. Seine Motivation ist dabei nicht nur biografisch, sondern auch gesellschaftlich begründet: „Denn Demokratie funktioniert nur, wenn jeder Einzelne Verantwortung übernimmt.“

Jungen Anwältinnen und Anwälten stellt sich manchmal die Frage, wann der richtige Zeitpunkt für das gesellschaftliche Engagement ist. Die Beispiele zeigen: Es gibt keinen perfekten Moment – aber viele gute Gründe, früh zu beginnen. Zum einen ermöglicht es praktische Einblicke jenseits des klassischen Ausbildungswegs. Gerade Pro-bono-Projekte bieten die Chance, früh Verantwortung zu übernehmen und eigenständig zu arbeiten. Zum anderen trägt es zur persönlichen Entwicklung bei. „Solche Erfahrungen runden das Persönlichkeitsbild in der Ausbildung ab“, sagt Linklaters-Partner Engelhardt.

„Verantwortung übernehmen ist ein Pfeiler des Rechtsstaats.“

Nicht zuletzt verändert die zusätzliche Tätigkeit auch die Perspektive auf den eigenen Beruf. Wer erlebt, wie juristisches Wissen konkret zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beiträgt, entwickelt ein anderes Verständnis von Recht, das weniger abstrakt ist und sich stärker an realen Lebenssituationen orientiert. Wisskirchen von CMS bringt es pragmatisch auf den Punkt: „Ich habe einfach das Gefühl, das Richtige zu tun.“ Dieses Gefühl ist ein nicht zu unterschätzender Faktor in einem Berufsfeld, das oft von hohem Leistungsdruck geprägt ist.

Soziales Engagement ist kein Widerspruch zu wirtschaftlichem Erfolg. Die Beispiele zeigen, dass sich beides sinnvoll ergänzen kann. Pro-bono-Mandate, Stiftungsarbeit und individuelle Initiativen tragen dazu bei, den Zugang zum Recht zu verbessern, gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und demokratische Strukturen zu festigen. Ob im kleinen Rahmen oder als Teil größerer Einheiten: Entscheidend ist die Bereitschaft, das eigene juristische Können auch in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Oder, um es mit Shinwaris Worten zu sagen: „Verantwortung zu übernehmen ist ein Pfeiler.“ Ein Pfeiler nicht nur für individuelle Karrieren, sondern für den Rechtsstaat insgesamt.


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