Energierechtlerin mit Mut für streitige Verfahren
Ganz selbstverständlich macht Anna von Bremen Karriere. Gradlinige Entscheidungen, technisches Verständnis, mutige Plädoyers und stilistisch perfekte Schriftsätze sind die Markenzeichen der Energierechtsexpertin.
Was eine Gasturbine ist und wozu sie gut ist, weiß seit diesem Jahr so gut wie jeder: Sie ist Symbol der Energiekrise, Politikum, Gegenstand von Machtdemonstrationen und ein rund 20 Tonnen schweres, beeindruckendes Stück Technik. Bundeskanzler Olaf Scholz posierte im August bei Siemens Energy im Ruhrgebiet vor der Maschine – die Bilder von dem Fototermin gingen um die ganze Welt. Die Raue-Anwältin Anna vom Bremen kennt sich mit Gasturbinen schon viel länger aus. Vor rund zehn Jahren, damals in ihrem ersten Berufsjahr, hat die Energierechtsexpertin bei einem Vor-Ort-Termin das Kraftwerk einer Mandantin besichtigt und ist bei der Gelegenheit in eine Gasturbine hineingeklettert.
Berührungsängste gegenüber Technik und Naturwissenschaften hatte von Bremen noch nie. Ihr Vater ist Chemiker – und so waren Gespräche über Oxidationsstufen im Familienalltag ganz selbstverständlich. Zu ihren Lieblingsfächern in der Schule gehörten Mathe und Physik. Heute brennt sie für ihr Spezialgebiet Energiewirtschaftsrecht. „Die Energieversorgung ist das Thema und die Herausforderung unserer Zeit. Durch meine Arbeit tauche ich ganz tief in technische und wirtschaftliche Aspekte der Energiewende ein“, sagt sie. Die 38-Jährige bezeichnet ihren Job als Privileg.
Ihre Leidenschaft für das Energiewirtschaftsrecht hat von Bremen während ihres LL.M.-Studiums an der University of California in Berkeley entdeckt und im Anschluss daran auch das Referendariat klar danach ausgerichtet. Seit eineinhalb Jahren ist sie, bei der alles ganz leicht und selbstverständlich wirkt, Associate Partnerin bei Raue. Ihre Karriere ist das Ergebnis klarer, gradliniger Entscheidungen: Für die frühzeitige Fokussierung auf Energiewirtschaftsrecht, für die eher unkonventionelle Kanzlei Raue, für die Partnerschaft, aber auch für die Familie und für drei Kinder. Und gegen die klassische Großkanzlei, gegen Transaktionsberatung und letztlich gegen die Promotion.
Arbeit statt Doktorarbeit
Eigentlich wollte von Bremen nach dem zweiten Staatsexamen in Köln promovieren. Eine Bekannte hatte Kontakte zu Raue, wusste, dass die Berliner Sozietät auf Personalsuche war. Von Bremen ließ sich überreden, ging in Jeans zu einem ersten inoffiziellen Kennenlernen, wie sie dachte. Das Treffen entpuppte sich als offizielles Vorstellungsgespräch und die drei Partner, Christian von Hammerstein, Dr. Bernd Beckmann und Friedrich Tobias Schöne, wollten von Bremen unbedingt einstellen. Von Bremen, die mit ihrer lockeren Art gut zu Raue passt, entschied sich gegen die Promotion und für den Start ins Berufsleben.
Seither arbeitet sie sehr spezialisiert und berät die Energiewirtschaft zu regulatorischen Fragen. Dabei entfällt rund die Hälfte auf Vertragsberatung, die andere Hälfte machen streitige Verfahren aus. „Spannend sind die großen Gerichts- oder Schiedsverfahren, wo Zeugen und Sachverständige gehört werden“, so von Bremen. Ihr macht es großen Spaß, im Team eine Strategie zu entwickeln und zum Wettkampf vor den Richtern anzutreten. „Ich streite mich gerne vor Gericht. Ich bin motiviert zu gewinnen und mag es, mich intellektuell zu messen.“ Es ist ein gutes Gefühl, wenn Gedanken, an denen sie monate- oder gar jahrelang gefeilt hat, in den Verhandlungen überzeugen.
Bei Raue ist der strategische Anspruch hoch. Die Partner legen großen Wert auf stilistisch perfekte Schriftsätze ohne logische Brüche. „Jeder kleine Denkfehler in einer Fußnote auf Seite 99 wird erkannt“, schildert von Bremen das harte Training, durch das sie gelernt hat, streng zu sich selbst zu sein und ihre Gedanken klar zu formulieren. „Wir gratulieren uns hier in der Kanzlei sogar zu Schriftsatz-Entwürfen.“
Einer der Schriftsätze, an denen sie sehr lange gefeilt hat, mündete schließlich in einem ihrer größten Triumphe: Von Bremen war 2019 für den Ökostromanbieter LichtBlick vor dem Bundesgerichtshof erfolgreich, in einem Grundsatzverfahren zur Senkung von staatlichen Garantierenditen von Netzbetreibern. So wenig Berührungsängste von Bremen vor Technik hat, genau so wenig Scheu hat sie vor großen Auftritten in der Robe: Sie hielt – damals noch als Senior-Associate – das Plädoyer vor dem BGH. Bis auf die Präsidentin Bettina Limperg war der Senat von Männern besetzt, von Bremen beschreibt die Stimmung während der Verhandlung rückblickend als „cool“.
Ein Plädoyer mit viel Nachhall
Für die Anwesenden war es durchaus überraschend, dass eine junge Frau, eine Associate obendrein, plädiert hat und nicht ein Raue-Partner. „Das gab einen erstaunlichen Nachhall“, erinnert sich von Bremen. „Für mich selbst war es völlig normal, das Plädoyer zu halten – schließlich hatte ich den Fall zuvor auch jahrelang federführend bearbeitet.“ Genauso normal ist es für sie, als junge Frau und Mutter von drei Kindern Associate-Partnerin zu sein. Fest im Blick hat sie das Ziel der Equity-Partnerschaft. Ganz entspannt, ganz locker, ganz selbstverständlich.
(Anmerkung der Redaktion: Die Kanzlei hat Anna von Bremen mit Wirkung zum 1. Januar 2023 in die Equity-Partnerschaft gewählt.)