Energieexpertin zwischen Stromnetz und Walzwerk
Liberalisierung und Regulierung des Energiemarkts, beides hat Ines Zenke live miterlebt. Jetzt drängen die Folgen des Ukraine-Krieges. Als Expertin für Energie und Infrastruktur wird sie für ihre Mandanten immer wichtiger.
Es geht gerade ums Ganze, mehrmals am Tag. Ines Zenke muss deshalb einräumen, dass sie wenig Zeit hat für ein Gespräch über ihre Person. Der russische Angriff auf die Ukraine hat alles verändert: Gasmangel, Strommangel, Energie als Waffe – das hat es so noch nicht gegeben, obwohl Zenke seit 1995 den Energiesektor aus der juristischen Perspektive kennt. Viele von Zenkes Mandanten haben ein riesiges Problem: Galoppierende Preise und eklatante Liquiditätslücken, sie befürchten Produktionsstopps und müssen Insolvenz-Szenarien durchspielen.
Als eingefleischte Energieexpertin sind Zenke und die 600-köpfige Kollegenschar bei Becker Büttner Held (BBH) seit einiger Zeit darauf eingestellt, die Jahrhundertaufgabe Transformation anzugehen. Nicht von ungefähr ist sie selbst Honorarprofessorin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Den akuten Stress durch den Krieg und seine Folgen hat in dieser Branche keiner gebraucht. Denn komplex ist es auch so schon im Energie- und Infrastruktursegment. Für Zenke macht das sogar den Reiz ihrer Arbeit aus. „Diese Verbindung zwischen Recht, Technik, Wirtschaft und Politik – sie fasziniert mich. Waren Sie schon mal in einer Papiermaschine oder in einem Walzwerk? So energieintensiv wie grandios spannend“, sagt die 51-Jährige. „Aber auch ein Wasserkraftwerk, eine Netzwarte oder ein Elektrolyseur haben ihre eigene Schönheit. Abgesehen davon sind die Themen Energie, Infrastrukturen, Klima- und Ressourcenwende noch lange nicht auserzählt und gerade jetzt besonders drängend.“
Die frühere Nische ist keine mehr. Jetzt ist der mögliche kalte Winter das heiße Thema schlechthin. Kein abstraktes Thema für ein Rechtsgutachten, sondern eines, das die Menschen betrifft. Die persönliche Ebene liegt ihr besonders. „Die meisten meiner Mandanten begleite ich seit Jahren, manchmal sogar seit Jahrzehnten. Darüber hinaus liebe ich an meinem Beruf die Freiheit, die Vielfalt und die Möglichkeit zum Gestalten. Ich bilde mir ein, dass es das so nur in der Anwaltschaft gibt.“
Seit zwanzig Jahren Partnerin
Die Wirklichkeit des Jahres 2022 beschert den Beraterinnen und Beratern viel Arbeit. Wer als Referendarin oder Berufsanfänger in einer spezialisierten Kanzlei wie BBH Fuß fassen will, muss aber auf keinen Fall ein fertiger Energierechtler sein. „Mir haben der Einstieg in die Praxis direkt nach dem Studium und die Promotion direkt in der Energiewirtschaft sehr geholfen“, erinnert sich Zenke. „Auch für mein Referendariat übrigens und insbesondere für die mündliche Prüfung war dieser Weg hilfreich. Aber ich denke, da halfen generell die Praxiserfahrung und das wissenschaftliche Arbeiten und weniger das spezielle Rechtsgebiet.“
Direkt nach dem ersten Staatsexamen landete sie bei BBH in Berlin, seit 1999 ist sie dort Anwältin, seit 2002 Partnerin. Gab es jemals Schwierigkeiten, die anwaltliche Arbeit und ihre Familie, Freizeit sowie Ehrenämter unter einen Hut zu bekommen? „Natürlich gab es die, bei wem auch nicht? Hier helfen Prioritäten, die Einsicht, dass die beste Chefin diejenige ist, die sich entbehrlich macht, und ein tolles Team, im privaten wie im beruflichen Bereich. Und ab und an muss man einfach auch mal Nein sagen.“ Zenke arbeitet schon immer in Vollzeit, hat sich aber rund um die Geburt ihrer drei Kinder jeweils lange Auszeiten genommen.
Sie lobt die bewiesene familienfreundliche Einstellung ihrer Kanzlei, stellt aber auch fest, dass sie an den ‚Themen des Alltags‘ weiterhin arbeiten muss. „Ich zum Beispiel verlasse seit Jahren sehr konsequent und zu einer festen Uhrzeit die Kanzlei, und dann habe ich eine Sperrfrist für Termine und Familienzeit. Ist diese vorbei, gehe ich wieder an den Rechner. Das erfordert viel Disziplin und umgekehrt das Verständnis, dass dieses ‚Nicht-Termin-Band‘ wirklich fix ist.“ Sie legt auch Wert darauf, dass sie nicht für jeden Auswärts- oder Abendtermin verfügbar ist.
Mit fachlicher Qualität hat eine grenzenlose Erreichbarkeit ohnehin nichts zu tun. Ihre Mandanten – Stadtwerke, Industrie- und Familienunternehmen, Konzerne, aber auch Start-ups – loben Zenke „als sehr kompetent und gut“, sprechen von „Rechtsberatung auf höchstem Niveau“. Ein Lob, das die Anwältin fast überschwänglich zurückgibt: „Ich habe genau die Mandanten, die ich mir wünsche. Innovativ, in Zusammenhängen denkend, mit der nötigen Portion Pragmatismus und auch Humor, offen und mit viel Vertrauen in unsere Empfehlungen und Fähigkeiten.“
Komplexe Energiewirklichkeit
Ines Zenke ist lange schon im Wirtschaftsforum der SPD aktiv, seit knapp einem Jahr als dessen Präsidentin. Auch dort, im Unternehmerverband, geht es im Großen und Ganzen um die Schnittstelle Wirtschaft und Politik, die auch ihre anwaltliche Arbeit bestimmt. An dem Punkt, an dem die staatliche Regulierung zu immer mehr Arbeit für Unternehmen und ihre Berater führt, kennt sich Zenke besonders gut aus, urteilt aber differenziert. „Bei aktuell über 15.500 Normen allein im Energiebereich sind wir uns glaube ich alle einig, dass es gerne auch einige weniger sein dürften und auch sollten. Das Energierecht auf einem Bierdeckel wird es dennoch nie geben – können –, dafür ist die zu regulierende Energiewirklichkeit schlichtweg zu komplex.“ Auch ohne die aktuellen Krisen. Kein Wunder, dass Ines Zenke ihr Fachgebiet niemals gewechselt hat.