Digitalisierung schafft Chancen für junge Juristen

Alle Unternehmen digitalisieren Produkte und Prozesse. Was die Kryptowährung für das Finanz­unternehmen, ist der Produkt-Avatar für den Industrie­konzern. Kanzleien müssen diesen Weg als Berater mitgehen – und suchen dringend technik­affine Nachwuchsjuristen. Rechtliches Neuland lockt.

Wenn ein Bild mehr sagt als tausend Worte, dann spricht das Bild im Büro von Gereon Abendroth Bände. Es ist ein Entscheidungsbaum, von oben bis unten ausgedruckt auf unzähligen DINA4-Blättern, die der Kölner Anwalt an seiner Bürowand zusammengefügt hat. „Wer vorbei kommt und das sieht, bleibt erst einmal stehen“, sagt der 46-Jährige. Er ist langjähriger Partner bei Osborne Clarke und berät, so heißt es schlicht auf der Homepage, „IT- und Technologieunternehmen zu handels- und zivilrechtlichen Fragen“. Aber das ist nur die eine Seite seiner Jobbeschreibung. Abendroth ist seit 1. August 2019 an der Seite von Managing-Partner Carsten Schneider in der Geschäftsführung und explizit für IT und Digitalisierung zuständig. An diesem Tag, so sagt er, hat die Kanzlei unmissverständlich demonstriert, wie wichtig ihr diese Schwerpunkte sind – für ihre Mandatsarbeit und für ihre internen Prozesse. Der analoge Entscheidungsbaum in seiner ganzen Pracht, so viel wird er später verraten, veranschaulicht ein komplexes Digitalisierungsprojekt.

Thema Nr. 1 für die ganze Wirtschaft

Im Mandat und in der Kanzlei: Digitalisierung prägt die Arbeit von Osborne Clarke-Partner Gereon Abendroth.

Kaum ein Thema beschäftigt Kanzleien und ihre Mandanten zurzeit so intensiv wie die Digitalisierung. Sie hat die deutschen Unternehmen und mit ihnen die gesamte Beraterlandschaft in den vergangenen Jahren gewissermaßen vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Pandemie befeuerte diese Entwicklung noch einmal zusätzlich. Nach zwei Jahren Ausnahmezustand begreift auch der konservativste Mandant, dass er an der Digitalisierung – in welcher Form auch immer – letztlich nicht vorbeikommt. Auch im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung schlägt sich das nieder: Der Begriff findet sich 63 Mal auf 178 Seiten.

Technikaffine Berufseinsteiger gesucht

Kanzleien, wollen sie ihre langjährigen guten Mandatsbeziehungen nicht aufs Spiel setzen, müssen diesen Weg mitgehen, sonst werden sie von der Konkurrenz ausgestochen. Und sie schaffen das kaum ohne ein erfahrenes IT- und Datenschutz-Team. Nachwuchsjuristen, die technikaffin sind, womöglich über profunde Programmierkenntnisse verfügen, werden nahezu überall mit Kusshand genommen. Denn ohne technisches Grundverständnis in Kombination mit dem Wissen um die rechtlichen Auswirkungen lassen sich Digitalisierungsprojekte, egal in welchem Fachbereich, heute kaum mehr beraten.

Datenschutz ist überall

Besonders erfolgreich sind die Einheiten, die sich das IT-Recht früh auf die Fahnen geschrieben haben. Der Bereich Datenschutz rückte erst mit Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) 2018 in den Vordergrund. Zu diesen Kanzleien gehören unter anderem Noerr, DLA Piper, Taylor Wessing, Baker McKenzie, Bird & Bird, Hogan Lovells und White & Case. Zu den frühen Vögeln zählt ohne Zweifel Osborne Clarke, genauso wie CMS Hasche Sigle.

Bei Osborne Clarke hat das Thema Digitalisierung die gesamte Kanzlei und sämtliche Karrierestufen durchdrungen. Abendroth erklärt: „Vordergründig geht es dabei um Effizienz, um Automatisierung, um standardisierte Beratungsprodukte, und letztlich darum, Geld zu verdienen.“ Also um Aspekte, die die Kanzlei als Unternehmen betreffen. Aber das ist nur ein Aspekt. Der andere ist die Art der Rechtsberatung, die sich gewandelt hat. „Wir haben uns gefragt, wie es besser geht, wie wir die Rechtsberatung für Mandanten einfacher und mit nachhaltigem Mehrwert aufbereiten können. Weg vom Memo!“, erklärt Abendroth die zugrunde liegenden Gedanken. Transformation nennt sich dieser Digitalisierungsprozess.

Keine Karriere ohne digitale Projekte

Fachwissen in farbigen Grafiken: Leonie Schneider bereitet juristische Informationen für die Mandanten von Osborne
Clarke nur ungerne in langen Memos auf.

Und bei dem spielt der juristische Nachwuchs eine wichtige Rolle. „Wir sind davon überzeugt: Transfor­mation funktioniert nur, wenn man jeden Einzelnen – vom Partner bis zum Nachwuchsanwalt – mitnimmt“, betont Abendroth. Associates spüren das vom ersten Tag an beim Onboarding, es ist Thema bei jedem ­Jahresgespräch und spielt auch für die Partnerkarriere eine große Rolle. Wer diesbezüglich zu wenig vor­weisen kann, hat keine Chancen.

„Viele Mandanten lehnen Memos und Tabellen ab, sie wollen eine grafische Aufbereitung.“

Daten für die Mandanten visualisieren

Eine Associate, die das Thema von Beginn an gewissermaßen aufgesogen hat, ist Leonie Schneider (33), mittlerweile seit drei Jahren Teil des TMT-Teams der Kanzlei und viel befasst mit E-Commerce und Verbraucherschutzrecht. Sie lernte Osborne Clarke als Praktikantin kennen und erklärt genau wie Abendroth, dass die Zeit der Memos vorbei sei. „Man muss ein Thema so herunterbrechen, dass es auch Nichtjuristen verstehen. Das begann mit einer Art Datenvisualisierung und erreichte mit Projekten, die wir zusammen mit OC Solutions entwickeln, ein neues Level“, erzählt sie. OC Solutions ist die Tochtergesellschaft von Osborne Clarke für Legal Tech, mit der die Anwälte eng zusammenarbeiten. Was sie damit meint, demonstriert sie anhand einer Grafik, die die Landkarte mit verschiedenen Farben darstellt. So kann die Mandantin auf einen Blick erkennen, wie weit die Reform des Verbraucherschutzrechts auf EU-Ebene fortgeschritten ist. „Diese Darstellung kann das menschliche Hirn besser verarbeiten als eine Excel-Tabelle.“

Anwalt und Programmierer: Alexander Lilienbeck von Osborne Clarke.

Bei der Umsetzung solcher Projekte arbeitet sie ­unter anderem mit Alexander Lilienbeck (32) zusammen, Associate mit drei Jahren Berufserfahrung in Abendroths Team. Lilienbeck ist Rechtsanwalt und Softwareprogrammierer und damit einer derjenigen, der genau an der Schnittstelle arbeitet. „Gerade ­regulatorische Rahmen und Richtlinien stellen wir häufig strukturiert und grafisch für unsere Mandanten dar.“ Dazu gehören etwa Handelssanktionen, das Verbraucherschutzrecht sowie diverse Fragestellungen im Datenschutz. „Das erwarten Mandaten immer mehr.“

Kryptoaffine Zielgruppe abholen

Die grafische Darstellung funktioniert auch bei abstrak­ten Produkten wie Kryptowährungen. Mit denen kennt sich Jan Herrmann (34) aus. Er ist seit sechs ­Jahren bei Osborne Clarke, kam als wissenschaftlicher Mitarbeiter ins Finance-Team von Tanja Aschenbeck und ist seit 2018 als Associate dort tätig. Eine typische Frage von Mandanten kann lauten: „Ich will einen ­Token auf den Markt bringen, das ist doch unreguliert, oder?“ So einfach ist es aber nicht, und hier kommen wieder die vielen DINA4-Blätter ins Spiel, die in Abendroths Büro hängen. Denn erst müssen der Mandant und seine Berater eine lange Reihe von Entscheidungen treffen, die sich alle rechtlich auswirken.

Jan Herrmann von Osborne Clarke. Mit digitalen Entscheidungshilfen aus seiner Kanzlei kann der Markt für Kryptowährungen noch schneller wachsen.

Früher hätte es dazu das ebenso klassische wie umfassende, aber eben auch unübersichtliche Word-Dokument gegeben. Heute ist besagter Entscheidungsbaum die Grundlage für das rechtliche Produkt, das bei Osborne Clarke ‚Token in a box‘ heißt. Auf einer ­eigenen Homepage wird der User mittels Fragen durch das rechtliche Dickicht geführt und erhält am Ende eine Grafik in Form eines Spinnennetzes, die die Wahrscheinlichkeiten abbildet, ob ein Token etwa der Fondsregulierung unterfällt, ob eine E-Erlaubnis ­erforderlich ist oder wie es mit der Umsatz- und ­Ertragsteuer aussieht. „Wir haben überlegt, wie wir die kryptoaffine Zielgruppe abholen können“, schildert Herrmann die Gedanken hinter dem Projekt. Schließlich haben sie gemeinsam mit OC Solutions ‚­Token in a box‘ auf die Beine gestellt.

Als Anwalt digitale Produkte entwickeln

Damit solch ein fachübergreifendes Arbeiten auf allen Ebenen funktioniert und laufend neue Produkte entstehen können, sind alle Associates und Partner von Osborne Clarke aufgerufen, neue Ideen zu ent­wickeln. Das beginnt etwa mit einer Ausbildungsreihe, in der Rechtsabteilungsleiter großer Unternehmen ihre Sicht auf die Digitalisierung schildern, und geht weiter mit einer Plattform, auf der alle Anwälte ihre Ideen für neue Produkte einstellen können. Das alles funktioniert auch deswegen, weil die Technikorientierung gewissermaßen in den Genen der Kanzlei steckt und sie mit rund 190 Anwälten noch eine Größe hat, in der solche Projekte gut umsetzbar sind.

Bei CMS war Digitalisierung schon früh ein Thema: Markus Häuser (li.) und Markus Kaulartz beraten zur digitalen Fabrik, aber auch zu Kryptowährungen. (Foto: Eva Kubinska)

Die größeren Kanzleien gehen das Thema anders an. CMS Hasche Sigle etwa, mit mehr als 700 Anwälten die größte Kanzlei Deutschlands, ist schon lange in Digitalisierungsprojekte ihrer Mandanten involviert und treibt das Thema auch intern voran. Nicht zuletzt, weil auch sie über eine TMT-Praxis verfügt, die im Gesamtgefüge der Kanzlei traditionell eine wichtige Rolle spielt – nicht erst seit der DSGVO.

Auch die Kanzlei wird digitaler

„Heute sind wir sehr glücklich darüber, dass wir früh mit der Digitalisierung begonnen haben“, sagt Dr. Markus Häuser (53), IT-Partner bei CMS in München. Bei einer Kanzlei dieser Größe erwartet wohl mancher Bewerber beim Begehen der Kanzleiräume die alten, grauen Aktendeckel. „Unsere Bewerber ­interessiert es immer brennend, wie unsere Kanzlei digitalisiert ist. Gibt es hier etwa noch die berühmten Hängeakten? Sie fragen sich, ob sie am ersten Tag durch die Bibliothek geführt werden. Gut, dass wir auf elektronische Aktenführung und umfassende ­Onlinerecherchemöglichkeiten verweisen können“, meint Häuser.

Digitales Knowledge-Management

Um die Digitalisierung voranzutreiben, spielt bei CMS das Knowledge-Management eine wichtige Rolle, so Häuser: „Schon aufgrund unserer personellen Größe und ­breiten Aufstellung sammeln wir in unserer Arbeit jede Menge Know-how und Erfahrung. Diese Informationen bündeln wir und werten sie aus. Ohne Digitalisierung wäre das unmöglich.“ Das Motto lautet: Teile dein Wissen. Nur so ist sichergestellt, dass die Anwälte für eine Mandatsfrage nicht jedes Mal das Rad neu erfinden. CMS hat dafür ein eigenes, zehnköpfiges Team in Berlin, an das die Anwälte berichten. Schon bei der Neuanlage eines Mandats muss der federführende Anwalt ­angeben, ob der Beratungsinhalt für das Knowledge-Management relevant ist.

Dabei beschäftigt sich die Kanzlei im Rahmen von Digitalisierungsmandaten häufig mit Fragen, die ­juristisches Neuland betreten. So wie im Moment: ­Einem klassischen Industriemandanten steht sie bei der Vernetzung der Produktion zur Seite. Für jedes ­Produkt, das die Fabrik herstellt, existiert ein digitaler Zwilling, ein sogenannter Produkt-Avatar. Auf diese Weise ist der Hersteller jederzeit darüber im Bilde, ob eine Reparatur oder Wartung ansteht, wie intensiv das Produkt benutzt wird, welche Probleme bei der ­Nutzung auftreten. Datenschutzfragen sind nur ein Teil der relevanten juristischen Probleme.

„Bei Bitcoins denken viele an eine Schmuddelecke des Internets.“

Mit digitalem Wissen auf den Partnertrack

Die Beratung zu Kryptowährungen nahm wie bei Osborne Clarke in den vergangenen Jahren immer größere Ausmaße an. Dr. Markus Kaulartz (36) ist bei CMS derjenige, der sich des Themas angenommen hat. Mit Erfolg. Für ihn entwickelte sich das Geschäft so, dass er 2022 damit das Ticket in die Partnerschaft ­lösen konnte. Dabei war auch er zunächst auf breiterer Front im IT-Recht beschäftigt, erstellte IT-Verträge oder kümmerte sich um Datenschutzfragen. Nach seinem Studium absolvierte er als Referendar bei CMS seine Anwaltsstation – im Team von Häuser. Noch heute ­liegen ihre Büros Wand an Wand.

Bitcoins und Blockchain

Dass Kaulartz sich obendrein mit Software auskannte, sprach sich herum. Als Startschuss für seine heutige Spezialisierung erwies sich ein Artikel, den er über Blockchain und Bitcoins schreiben sollte. Die Technologie war damals brandneu und er direkt in den Bann gezogen. Beim Thema Bitcoins dachten viele automatisch an das Darknet, sagt er. „Das ist schade, denn wegen irgendwelcher Schmuddelwebseiten verteufelt man schließlich auch nicht das gesamte Internet als Technologie. Der Anwendungsbereich ist riesig, es entstehen tolle Sachen.“

Bei der Entstehung solcher Sachen ein aktiver Teil zu sein, macht für viele Anwälte die Digitalisierung so faszinierend. Osborne Clarke-Anwalt Herrmann reizt es immer wieder, zu einem sehr frühen Zeitpunkt involviert zu sein. „Oft haben Mandanten im Kryptobereich eine Grundidee, aber das konkrete Geschäftsmodell noch gar nicht komplett durchdacht.“ Dann schlägt die Stunde der Digitalisierungsexperten. Ob sich allerdings jeder die Entscheidungsbäume auf Papier ausdruckt, bleibt ein Geheimnis.


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