Die neuen Königinnen und Könige der Konfliktlösung

In der Wirtschaftsflaute erleben Konfliktlösungsspezialisten einen Sturm, sie können sich vor Arbeit kaum retten. Was sie fasziniert, ist die ständige Abwechslung, die stille Arbeit an Schriftsätzen und der große Auftritt vor Gericht.

Vor Gericht können Wirtschaftskanzleien viel Geld verdienen. Das gilt gleichermaßen für den Streit vor Zivil- wie vor Schiedsgerichten. Vergleichsweise neu hinzugekommen sind Massenverfahren, in denen es im Einzelnen nur um geringere Beträge geht. Durch die schiere Anzahl und viel Technikeinsatz können sie aber äußerst lukrativ sein. Früher war die Beratung von Unternehmenstransaktionen (M&A) die Königsdisziplin der Anwaltschaft. Diese Ansicht vertraten Transaktionsanwälte jahrelang mit breiter Brust. Und kaum einer wagte zu wiedersprechen.

Für den perfekten Schriftsatz: Rüdiger Lahme von Quinn Emanuel übt mit seinen Associates, komplexe Sachverhalte möglichst einfach ­darzustellen. Nominalstil und Passivkonstruktionen sind ihm ein Graus. Foto: Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan.

Zwar waren Konfliktlösungsspezialisten ebenso mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein gesegnet. Doch in letzter Zeit haben sie auch immer mehr Grund dazu: Die wirtschaftliche Lage, in der das Geld nicht mehr so locker sitzt und Mandanten im Zweifel vor Gericht um Riesenbeträge streiten, brachte die ‚Litigator‘, wie sie sich selbst nennen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit – auch beim internen Aufbau der Sozietäten. Die Stundensätze der Konfliktlöser liegen weit über dem Durchschnitt. Wo Umsätze locken, wachsen die Praxisgruppen, dort steigen mehr Anwältinnen und Anwälte in die Partnerschaft auf. Für junge Juristinnen und Juristen, die das wahre Jura lieben, bieten sie eine spannende Spielwiese. Was kann der Nachwuchs dort erwarten und was muss er mitbringen?

Litigator lieben die Abwechslung und den Spaß am Streit. „Als M&A-ler kenne ich irgendwann jede Klausel, ich habe eine Toolbox, aus der ich mich bediene. Bei uns ist jeder Fall anders gelagert“, schildert etwa Prof. Dr. Rüdiger Lahme (45) das, was ihn an seiner Spezialisierung so fasziniert. Aus dem Partner von Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan sprudelt die Begeisterung förmlich heraus, wenn er seinen Bereich beschreibt.

„Litigation ist das Anwenden der Rechtssätze auf das wahre Leben“, erklärt er. Die Anwälte hier beschäftigen sich im Kern mit Jura. „Wir haben einen Lebenssachverhalt und fragen uns, welches die rechtlichen Konsequenzen sind.“ Und diese Konsequenzen sind oft international und fachübergreifend. Quinn Emanuel zählt weltweit zu den anerkanntesten Einheiten für Konfliktlösung. Lahmes Mandate haben häufig einen kartellrechtlichen Hintergrund, gehen Hand in Hand mit IP (Intellectual Property) und Patentrecht. Auch in europäischen Schiedsverfahren tritt er auf, genauso, wenn sich zwei Unternehmen nach einem Unternehmenskauf streiten.

Die Pflichten verletzt?

Mit ebenso viel Feuer ist Dr. Michael Zoller (59), Partner bei Lutz Abel, bei der Sache. „Das Rechtsgebiet ist mein Baby“, sagt er. Vor allem Verhandlungen vor dem Bundesgerichtshof haben es ihm angetan. „Das ist etwas Besonderes. Ich hänge an den Lippen des Vorsitzenden, sauge das auf wie ein Schwamm. Ich brenne dafür, das macht mir große Freude.“ In seiner Karriere hat er einige wichtige Fälle bis zum BGH gebracht, unter anderem den so genannten ‚Kickback-Joker‘. Das war 2006 und hat eine Lawine ausgelöst.

Kickback-Joker: Michael Zoller von Lutz Abel hat einige Fälle bis zum BGH gebracht. Der Fall um die Pflichten von Investmentberatern löste 2006 eine Lawine aus. Foto: Lutz Abel

Der Fall, um den es ging: Ein Investment ging den Bach herunter, der Berater hatte seinen Kunden aber vorher nicht darüber aufgeklärt, wie viel er selbst an dem Investment verdient. Der Richter musste damals beurteilen, ob der Beklagte, also der Berater, seine Pflichten verletzt hat. „Alle, die damals unzufrieden waren, haben den Joker gezogen. Das hat die Abwehr von Kundenreklamationen enorm erschwert“, erzählt Zoller. Für ihn macht es einen großen Unterschied, in welchem Rechtsgebiet man Litigation betreibt. Kapitalanlagesachen werden von den Bank-Kammern bearbeitet. Da hat die mündliche Verhandlung ein verhältnismäßig sehr großes Gewicht. „In solch einem Termin aufzutreten, empfinde ich als besonders reizvoll. Du siehst, wie der Zeuge schwitzt, wie du ihn in die Enge treiben kannst“, erzählt er.

Vor dem großen Auftritt geht es um den bis ins letzte Detail ausgetüftelten Schriftsatz. Und der hat es in sich. Quinn Emanuel-Partner Lahme erklärt das so: „Ich bereite den Sachverhalt für ein Entscheidungsgremium – das Gericht – vor. Das macht es spannend und anspruchsvoll.“ Dafür müsse man vor allem eins: schreiben können. Lahme kann sich ereifern, wenn er über Schreibstile referiert. Relativsatzmonster, Passivkonstruktionen, Nominalsätze und Behördendeutsch … das ist alles ganz fürchterlich! Schreiben muss man mögen“, erklärt er. Immer müsse das Ziel sein, komplexe Sachverhalte einfach darzustellen. Seine No-Gos: „Polemik und Stänkereien. Das nervt die Richter und kommuniziert inhaltliche Schwächen.“

Deswegen übt er mit seinen Associates gezielt das gute Schreiben. Etwa, indem sie in einem Schriftsatz zunächst alle Adjektive durchstreichen müssen, um dann am Ende eines wieder einzusetzen. „Und schon gewinnt der Inhalt mit dem einen Adjektiv eine ganz andere Betonung.“ Offenbar schlägt hier seine DNA durch, Lahmes Vater ist Deutschlehrer, die Mutter Sprachlehrerin, der Bruder Journalist.
Außer dem Spaß am Schreiben sind aber auch andere Fähigkeiten gefragt, wie Sibylle Schumacher (49), Partnerin bei Pinsent Masons, unterstreicht: „Wir brauchen Kreativität und Freude daran, Argumente zu entwickeln.“ Man müsse nicht davor zurückschrecken, auch mal das „sogenannte dicke Brett zu bohren“. Schließlich seien sie gelegentlich Tage und Wochen mit einem einzigen Problem beschäftigt. „Das funktioniert am besten im Team und nicht mit Leuten, die allein im Zimmer vor sich hinwerkeln.“

Ins Thema festbeißen

Ein guter Schriftsatz stellt die Weichen für den anschließenden Prozess. In seinen Prozessen, schätzt Lahme, mache dieser am Ende 70 Prozent für den Ausgang des Verfahrens aus. „Deswegen ist eine Promotion auch gar nicht schlecht. Da hat man viel geschrieben und sich in ein Thema festgebissen.“

Gutes Projektmanagement: Franziska Gräfin Grote von Orrick Herrington & Sutcliffe setzt auf eine ausgeklügelte Organisation bei der Sachverhaltsaufklärung eines Falls. Foto: Orrick Herrington & Sutcliffe

Vor dem Schreiben des Schriftsatzes steht die Sachverhaltsaufklärung. Für beklagte Unternehmen ist das brisant, wie Franziska Gräfin Grote (41), Partnerin bei Orrick Herrington & Sutcliffe, erklärt: „Unternehmen fahren mit hohem Tempo auf der Autobahn und ein Rechtstreit zwingt sie dazu, die ganze Zeit in den Rückspiegel zu schauen.“ Sie müssen ihr reguläres Tages­geschäft erfolgreich weiterführen, fürchten aber ein Ausbremsen wegen langwieriger und teurer Gerichtsverfahren und den Reputationsverlust. Aufgabe der Anwälte ist es, den Streit zu beenden und Lösungen zu finden. „Was viele unterschätzen, ist die Relevanz eines guten Projektmanagements“, so Grote. Projektmanager organisieren die Kontakte zu Personen und die Abläufe bei der Aufklärung des Falls. Dazu gehören Ansprech­partner im Unternehmen, das ist häufig der General Counsel, und diverse Sachverständige. Man muss Zeuginnen und Zeugen ausfindig machen, eventuell Mitarbeitende, die schon längst das Unternehmen verlassen haben. Unternehmen, die auf Beklagtenseite stehen, wollen das alles gerne möglichst schnell hinter sich lassen. „Wir müssen die Erfolgsaussichten realistisch einschätzen. Viele Mandanten sind an einem Vergleich interessiert, vor allem bei fortlaufenden Geschäftsbeziehungen.“

Um die Probleme der Mandanten schnell zu erfassen, ist Neugier nötig und die Fähigkeit, sich schnell in Besonderheiten bestimmter Branchen hineinzuarbeiten. Grote beispielsweise ist viel in der Automotive­-Branche gefragt und im Anlagebau. Neben aller nötigen Spezialisierung geht es gleichzeitig thematisch in die Breite. „Bei den meisten neuen Fällen setzen wir uns mit Unbekanntem auseinander, etwa mit einem sehr technischen Sachverhalt“, sagt sie. Auch die rechtlichen Fragestellungen sind vielseitig: „Beispielsweise ergeben sich bei Streitigkeiten in der Unternehmensnachfolge erbrechtliche Fragen. Ein anderes Mal spielen kartellrechtliche oder vergaberechtliche Aspekte eine Rolle.“

Ein dickes Fell hilft

Was junge Juristinnen und Juristen, die mit Konfliktlösung liebäugeln, außerdem noch mitbringen sollten? Pinsent-Partnerin Schumacher zögert keine Sekunde: „Ganz klar, sie müssen gut Englisch sprechen können, am besten im Ausland gewesen sein.“ Schumacher selbst hat ein Schuljahr bei ihrer Tante in South Carolina gelebt. Nach dem Berufseinstieg bei Clifford Chance spendierte ihr die Kanzlei einen Legal-English-Kurs in Berkeley. Nicht so einfach erlernbar ist die Eigenschaft, die Lahme hervorhebt: „Man braucht ein dickes Fell.“ Denn auch der beste Litigator fährt nicht nur Siege ein. Wenn er verliere, sei er schon „ein bisschen geknickt“, sagt er, andererseits lockt auch der „echte Kick“ im Falle eines Sieges.

Was die Arbeit der Litigator spätestens seit dem Dieselskandal massiv verändert hat, sind Massenverfahren und damit verbunden die Rolle von Legal-Tech-Tools. Wie wichtig sie sind, hängt von der jeweiligen Kanzlei ab. Eine Kanzlei, die sehr früh auf dieses Pferd setzte, ist Frommer. Sie organisiert mithilfe von AI und Automation Massenverfahren. „Massenverfahren sind ein wunderbarer Einstieg ins Berufsleben. Für junge Kollegen ist das eine unglaubliche Spielwiese“, meint Namenspartner Björn Frommer. Bei ihrer Arbeit nutzen sie ‚JUNE‘, eine unter anderem für Massenverfahren entwickelte Cloud-Plattform, die Arbeitsabläufe automatisiert und Legal AI nutzbar macht.

Die Kanzlei, zu der mittlerweile mehr als 50 Berufsträger gehören, zählt allein zehn Leute, die sich ausschließlich um die Technik kümmern. Die Anwältinnen und Anwälte müssen sich aber nicht im Detail mit der Technik auskennen oder gar selbst coden, betont Frommer. Sie sollten aber offen für neue Tools sein. „Litigation wird mit JUNE massiv erleichtert. Zum Beispiel mit den diversen KI-Assistenzfunktionen. So lässt sich mit der Akte kommunizieren.“

Spezialist für Massenverfahren: Björn Frommer hat sich früh auf das Entwickeln von Legal-Tech-Tools fokussiert. Foto: FrommerLegal

Es geht auch ohne

Nicht nur Frommer nutzt das Programm. Auch für Lutz Abel-Partner Zoller ist es ein unverzichtbares Instrument. Die Kanzlei hat JUNE als Beklagtenvertreterin in Massenverfahren mitentwickelt. „Eine technische Affinität der Associates ist schön“, meint er, „aber nicht zwingend notwendig.“ Das Auto müsse eben fahren, wenn man auf den Startknopf drückt. „Je effektiver ein Werkzeug funktioniert, umso besser.“ Auf eigene Werkzeuge setzt dagegen Pinsont Masons, die 5.200 Wirecard-Fälle bearbeitet. Sie entwickeln die benötigte Technik in den UK-Büros. Schumacher betont: „Auch ohne Legal-Tech-Kenntnisse kann man ein toller Litigator sein. Legal-Tech-Kenntnisse sind ein Nice-to-have.“
Dass das Geschäft mit der Masse längst bei den Großkanzleien angekommen ist, hat Freshfields Bruckhaus Deringer in den vergangenen Jahren bewiesen. Sie hat Büros eröffnet, die einzig darauf fokussiert sind. Lahme allerdings sieht die Entwicklung von Massenverfahren kritisch. „Eigentlich ist die Art, wie Massenverfahren in Deutschland geführt werden, eine Fehlentwicklung, ein Zeichen der Schwäche der Rechtsordnung. Wenn spezialisierte Kanzleien mehr oder minder denselben Sachverhalt bundesweit parallel anhängig machen, wird im Kern dieselbe Rechtsfrage immer wieder neu entschieden“, sagt er.
Auch bei Pinsent Masons spülen die Massenver­fahren Umsatz in die Kassen. Das sorgt für stabiles Geschäft – und bringt viel planbare Arbeit mit sich.

Lediglich gegen Ende des Jahres nimmt der Arbeitsdruck regelmäßig zu, weil Verjährungen drohen. „Auch bei einstweiligen Verfügungen muss man Fristen einhalten“, erklärt Schumacher. Da seien die Fristen sehr kurz, das baue erheblichen Druck auf. Ansonsten lasse sich die Arbeit aber regelmäßig gut einteilen. Damit sind Litigator den M&A-lern in jedem Fall voraus. Das sieht Lahme genauso. „Unser Taktgeber sind die Gerichte“, sagt er. „Das ist angenehm.“


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