Die Allererste bei Neuwerk
Sie war Associate Nr. 1 und später die erste ernannte Partnerin bei Neuwerk. Johanna Graf ist Expertin im Spezialgebiet Konfliktlösung – und verfolgt mit persönlichen Meilensteinen einen ganz eigenen Erfolgsweg.
Ob Architektur und Jura einen gemeinsamen Nenner haben können? Ja, können sie. Für die junge Partnerin Johanna Graf nennt sich dieser: Neuwerk. Schon früh hat die 38-Jährige, die in einer Kleinstadt bei Göttingen aufwuchs, gewisse Sympathien für Architektur entwickelt. Ihre Schwester und ihr Vater sind beide Architekten. Aber Graf liebäugelte mit Jura oder BWL. Die Universität Osnabrück bot eine Kombination an: Jura mit BWL-Komponente, ein bisschen VWL, ein bisschen Steuerrecht – das passte perfekt für sie.
Mit dem Rechtsgebiet Konfliktlösung kam sie im dritten Semester in Berührung: An der Uni bot sich ausgewählten Bewerbern, darunter Graf, die Möglichkeit, an einem Moot Court teilzunehmen – an einer simulierten Gerichtsverhandlung, mit einem aufwendigen Rollenspiel vergleichbar, bei der die Studierenden die Prozessvertretung der beteiligten Parteien übernehmen. Ein Highlight war für sie die Pleadings-Phase mit einer Großkanzlei, die ihr die Kanzleiwelt näherbrachte. „Da habe ich das erste Mal gedacht: Das ist eine spannende Materie!“ Zudem erinnert sich Graf gerne daran zurück, welchen Spaß es ihr bereitet hat, über ein Semester lang tagtäglich Argumente eines Falls auszuloten. Wie sich später noch beweisen sollte, ist das auch genau ihr Ding.
Genauso wie Auslandsaufenthalte – die Reise bei dem internationalen Wettbewerb führte sie nach Hongkong. Schon lange davor, nämlich in der 11. Klasse entschied sich Graf für ein Auslandsjahr in Amerika. „Das war wirklich aufregend und lehrreich, mit 16 alleine in die USA zu einer anderen Familie zu reisen, und hat meine persönliche Entwicklung sicher vorangetrieben“, sagt sie. Später im Studium zog es sie für ein Semester an eine Partneruni, nach Murcia in Spanien. Auch in Osnabrück durfte der internationale Part bei der Arbeit nicht fehlen: Einige Jahre arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Europäisches Privatrecht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung.
Knifflige Fälle ausloten
Ihre Anwaltsstation verbrachte Graf jedoch bei Allen & Overy in Hamburg. „Das hat mir Spaß gemacht, aber ich konnte mir auch gut ein anderes Arbeitssetting als das einer Großkanzlei vorstellen.“ Auckland in Neuseeland war schließlich das Reiseziel für ihre Wahlstation. „Mich interessierte es, das Rechtssystem in diesem Land näher kennen zu lernen, zum Beispiel auch einen Jury Trial einmal live zu erleben.“
Doch als das zweite Staatsexamen näher rückte, drängte Graf die Frage, welcher juristische Beruf es denn nun werden solle. „Vor dem Referendariat konnte ich mir gut vorstellen, Zivilrichterin zu werden. Aber im Referendariat habe ich gemerkt, dass mir auch die anwaltliche Arbeit im Team großen Spaß macht.“ Also zog sie den Anwaltsberuf einer Karriere am Gericht vor. Eine Inhouse-Karriere kam ihr nicht wirklich in den Sinn. „In der Kanzlei-Perspektive fühle ich mich einfach wohl. Außerdem hat es mich schon immer gereizt, Mandanteninteressen zu verstehen und diese dann auch für sie durchzusetzen.“
Die erste Associate …
Der nächste Meilenstein sollte also der passende Arbeitgeber für sie sein: In Hamburg suchte Graf eine Kanzlei, die von der Arbeitsweise und vom Niveau her vergleichbar war mit einer Großkanzlei, aber mehr Flexibilität bot. Als ob es so sein sollte, hatte sich unlängst die Kanzlei Neuwerk gegründet. Auf einer Karrieremesse sprach Graf mit Gründungspartner Sebastian Naber und wurde 2016 kurzum die allererste Associate in der Kanzlei. In ihrer Zusammenarbeit mit Partner Johannes Deiß schloss sich der Kreis zum Zivilrecht, Moot Court und DIS-Verfahren. Inzwischen gilt sie als Expertin für zivilrechtliche Streiterledigung. Komplexe Streitigkeiten, kommerzielle und handelsrechtliche Auseinandersetzungen sowie gesellschaftsrechtliche Streitigkeiten vor staatlichen Gerichten und in Schiedsverfahren prägen nun den Arbeitsalltag der jungen Anwältin.
Zu ihren besonderen Mandaten zählt Graf gleich einen ihrer ersten großen Einsätze vor Gericht: Der Mandant wurde verklagt, und es sah so aus, als sei schon alles klar. Wie also in die Verteidigung gehen? „Da kam dann, nachdem ich mich wirklich tief in den Fall eingegraben hatte, der Aha-Moment. Ich habe die Argumente dann gut aufbereiten und verwenden und den Fall komplett drehen können“, sagt Graf. Es ging um das kleine Wörtchen ‚Garantie‘, das rechtlich extrem verpflichtend gewertet wird. Bei einem Vertrag hatte der Mandant einfach ein Template genommen und nicht auf das verbindliche Wort ‚Garantie‘, das dort stand, geachtet. Jedes andere Wort wäre deutlich unkomplizierter gewesen. „Ein Mitarbeiter der Mandantin sagte, da hätte als Definition auch Kartoffelsalat statt Garantie stehen können – das wäre mir lieber gewesen“, lacht Graf im Nachhinein. Aber wo wäre da die Herausforderung geblieben? Sie schaffte es schließlich nicht nur, den Fall zu drehen, sondern die Richterin riet der Gegenseite gar, die Klage zurückzunehmen. Dass das Gericht so offensiv einen Rat gibt, passiert nicht sehr häufig. „Diesen Moment erinnere ich heute noch sehr gut. Und wenn der Mandant wertschätzt, dass ich alles für ihn gebe und heraushole, was möglich ist, das ist doch der schönste Erfolg überhaupt.“
Als einzige Associate hatte Graf hundertprozentige Partner-Attention. Das war natürlich sehr besonders, brachte aber auch eine besonders steile Lernkurve mit sich – ganz im Sinne der ehrgeizigen Anwältin: Arbeiten auf hohem Niveau. Und da die Kanzlei noch recht jung war, konnte sie sehr viel mitgestalten, und das ist wortwörtlich gemeint.
Bei Neuwerk gibt es seit einigen Jahren die ‚Schönwerk-Gruppe‘ – die bei Graf quasi den Kreis zur Architektur wieder schließt. In der obersten Etage des Kanzleigebäudes sollte eine reine Etage zur Begegnung entwickelt werden. Ein Herzensprojekt für die gestaltungsfreudige Anwältin. Und so war sie mit vollem Einsatz dabei, als die Kanzlei mit Architekten zusammen besagtes Stockwerk plante.
… und die erste Partnerin
Auch geht ihr Wunsch voll auf, neben der Arbeit ihren Hobbys nachzugehen und Sportangebote nutzen zu können. Ein zweimonatiges Sabbatical, das Graf noch vor der Beförderung zur Partnerin Juli 2023 machte, spricht ebenfalls für eine hohe Flexibilität der Hamburger Kanzlei. Der Schritt zur Partnerschaft war schließlich ein weiterer Meilenstein, war Graf doch auch die Erste, die in der Kanzlei zur Partnerin ernannt wurde. Ein Vorbild hatte Graf nie, auch wenn sie natürlich sehr viel von Deiß gelernt hat. Sie schaue zwar gerne links und rechts, meint sie. „Aber ich denke, jeder muss am Ende seinen eigenen Weg finden und gehen.“ Und den geht die Partnerin konsequent. Mal sehen, welcher Meilenstein als nächstes folgt.