Der Wegbereiter: Arbeitsrechtler Michael Kliemt im Porträt

Wenn Deutschlands Spitzenmanager Angst um ihren Job bekommen, rufen sie Michael Kliemt an. Denn der erfahrene Kanzleigründer zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Anwälten seines Fachgebiets. Das liegt auch daran, dass Kliemt früh erkannt hat, woher der Wind im Arbeitsrecht weht.

Prof. Dr. Michael Kliemt ist einer von der ganz schnellen Truppe. Mit knapp 30 Jahren war er bereits Partner bei Taylor Wessing, kurz darauf folgte der Wechsel zu Clifford Chance. Und mit Mitte 30 hatte Kliemt bereits seine eigene Kanzlei. In diesem Alter nehmen viele Anwälte heute den Karrieresprung in eine Partnerschaft oder die Selbstständigkeit überhaupt erst in Angriff. Kliemt war schon am Ziel. Oder auch nicht. Denn der heute 55-Jährige ist jemand, der Herausforderungen liebt.

Gründung einer Arbeitsrechtsboutique

Deshalb hat es ihn nicht allzu lang bei Taylor Wessing gehalten. Schon zwei Jahre nach seinem Einstieg, 1997, zog es ihn weiter zu Clifford Chance, die damals als Clifford Chance Pünder firmierte. Dort befand er sich in einer Art Gründungssituation, weil die britische Kanzlei Clifford durch die Fusion mit der deutschen Sozietät Pünder damals den Eintritt in den deutschen Markt meistern musste. Und somit gab es in der neu entstandenen Kanzlei kaum jemanden, der wirklich Ahnung vom deutschen Arbeitsrecht hatte. „Obwohl der Aufbau einer arbeitsrechtlichen Beratung in dieser Fusionssituation eine besondere Herausforderung war, die Spaß gemacht hat, wurde doch relativ schnell deutlich, welchen Stellenwert das Arbeitsrecht innerhalb der Gesamtkanzlei einnimmt“, sagt Kliemt. Nämlich keinen allzu hohen. Heute wie damals sind für international ausgerichtete Großkanzleien Beratungsfelder wie Gesellschaftsrecht, Finanzierung und Konfliktlösung zentral für ihre Geschäftsentwicklung. Doch die zweite Reihe ist nichts für Kliemt. Deshalb wagte er 2002 mit der Gründung seiner eigenen Boutique einen für damalige Marktverhältnisse revolutionären Schritt.

Als Vorbild voran

Kanzleiabspaltungen von großen, oft internationalen Einheiten sind heute gang und gäbe. Doch damals war Kliemt einer der ersten, wenn nicht der Erste. Die Erfolgsgeschichte seiner eigenen Kanzlei belegt, dass er mit seiner Idee richtig lag. Und er war ein Vorbild. Seitdem hat es etliche solcher Gründungen gegeben, insbesondere im Arbeitsrecht. Doch vor knapp 20 Jahren wurde die Boutique-Gründung von der Konkurrenz durchaus kritisch beäugt. Das bereitete Kliemt allerdings keine allzu großen Kopfschmerzen. „Schon bei meinem Wechsel zu Clifford habe ich nicht nur Lob und Zuspruch für meinen Schritt, sondern auch den ein oder anderen durchaus unfreundlichen Kommentar geerntet“, erinnert er sich.

Kopfschmerzen hat er bis heute nicht. „Unser Ziel ist es, zu den führenden Arbeitsrechtskanzleien Deutschlands zu gehören“, hatte Kliemt 2003, ein Jahr nach Kanzleistart, angekündigt und damit die Messlatte denkbar hoch gelegt. Heute kann er behaupten: ,Mission erfüllt‘. Seine Kanzlei zählt mehr als 70 Berufsträger und berät zu allen Aspekten des Individual- und Kollektivarbeitsrechts. Ihr Mandantenstamm kann sich sehen lassen: Adidas, Axel Springer und Nordsee – um nur ein paar zu nennen – vertrauten ihr bei Restrukturierungen, für Airbus verhandelt sie den Stellenabbau. Der Namenspartner selbst geht in den Vorstandsetagen deutscher Konzerne ein und aus. Kliemt ist heute einer der bekanntesten Vertreter von Führungskräften. Er war unter anderem für Andreas Renschler, CEO von Traton und Vorstandsmitglied von VW, MAN-CEO Joachim Drees und Ex-Wirecard-Vorstand Markus Braun im Einsatz.

Mandate mit Brisanz

Gereizt hat ihn das Arbeitsrecht von Anfang an. Es sei nicht nur rein juristisch anspruchsvoll und vielschichtig, sondern sehr dynamisch in der Entwicklung und stark durch Menschen geprägt. Denn gerade die Brisanz der Mandate, die auf seinem eigenen Schreibtisch landen, macht deutlich, dass es im Arbeitsrecht mehr braucht als exzellente Juristen. „Kolleginnen und Kollegen, die lieber im Hinterzimmer agieren und ohne Mandantenkontakt Gutachten schreiben, haben es bei uns schwer“, sagt Kliemt. „Was wir brauchen, sind echte Beratertypen.“ Gerade bei Tarifkonflikten, großen Stellen­abbaumaßnahmen oder eben in der Vorstände­beratung spielen Emotionen und persönliche Befindlichkeiten eine Rolle.

„Im Arbeitsrecht kommt man ohne Soft Skills nicht allzu weit.“

Entsprechend viel Wert legt Kliemt auf diese Aspekte bei der Ausbildung des Kanzleinachwuchses. In Verhandlungen kochen die Emotionen gerne hoch. Mit der Brechstange kommt man selten ans Ziel. „Ein guter Umgang mit Menschen, Empathie und Verständnis für die Interessenlage der Gegenseite sind entscheidend“, sagt Kliemt. Und Authentizität. „Man sollte in der Lage sein, unterschiedliche Rollen zu übernehmen. Manchmal ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren, selbst wenn das Gegenüber dieses Stadium schon lange verlassen hat. Und manchmal ist auch einfach der Bad Cop gefragt.“

Arbeitsrecht auf Expansionskurs

Die Suche nach geeigneten Köpfen hat die Expansionsgeschichte seiner Kanzlei geprägt. Bundesweite Präsenz lautete schon bei Gründung 2002 die Devise. Düsseldorf sollte nie der einzige Standort bleiben. Doch ging es damals wie heute weniger um Standorte als um Personen, so Kliemt: „Das tollste Büro in der schönsten Stadt nützt wenig, wenn es nicht mit guten Beratern besetzt ist.“ Nach Berlin 2003 kamen im Laufe der Jahre Frankfurt, München und Hamburg hinzu. Dabei setzte die Kanzlei auf durchaus unterschiedliche Strategien: In München stieß ein prominenter Quereinsteiger hinzu, in Hamburg ging die Kanzlei einen anderen Weg, indem sie einen jungen Anwalt aus den eigenen Reihen an die Alster schickte. Wie weit die Boutique insgesamt noch wachsen wird, ist unklar.

Schon länger tuscheln manche Konkurrenten, dass Kliemts Kanzlei ja längst die Größe seiner ehemaligen Einheiten erreicht habe und die Vorteile einer Boutique damit obsolet seien. Doch darüber kann der Namenspartner nur schmunzeln: „Eine Kanzlei mit 70 Leuten zu managen, ist vom Aufwand deutlich überschaubarer, als Teil eines Ganzen in einer internationalen Sozietät mit mehreren Hundert Anwälten zu sein. Die Flexibilität ist einfach wesentlich höher.“

Flexibel musste sich Kliemt zuletzt auch in der Freizeitgestaltung zeigen. In seiner Jugend war er im Zehnkampf aktiv, Jahre später hat er sich aufs Laufen beschränkt. Doch mittlerweile verbringt er sehr viel Zeit auf dem Tennisplatz. „Meine Frau und meine zwei Töchter haben vor ein paar Jahren Tennis zu unserem Familiensport aus­erkoren. Und mittlerweile spiele ich zwar nicht gut, aber sehr gerne“, sagt er. Vermutlich besteht aber auch hier noch Ausbaupotenzial. Denn Kliemt ist zwar grundsätzlich einer von der ganz schnellen Truppe, aber manche Dinge brauchen einfach Zeit.


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