Der Sportsmann in der Private-Equity-Beratung

Benjamin Leyendecker ist Private-Equity-Spezialist aus Leidenschaft. Der Kirkland & Ellis-Partner zählt zu den Transaktionsanwälten, die gerufen werden, wenn es um milliardenschwere Deals geht. Öffentliche Übernahmen haben es ihm besonders angetan.

Mit Mitte 20 taugte Benjamin Leyendecker nicht immer zum Vorbild. „Ich war von Montag bis Mittwoch am Lehrstuhl und den Rest der Woche in den Bergen.“ Der passionierte Freestyle-Skifahrer hatte es von seinem Studienort aus nicht weit in die Alpen. „Konstanz war ein Traum“, sagt der 43-Jährige, der in Herdecke in der Nähe von Dortmund geboren wurde und heute seinen Morgenkaffee beim Brenner in München trinkt.

Zu Kirkland & Ellis kam er über Umwege. Als Leyendecker sein erstes Staatsexamen in der Tasche hatte, empfahl ihm ein Habilitand, sich bei Hengeler Mueller für das Mentorenprogramm zu bewerben. „Damals kannte ich nur wenige Großkanzleien“, gesteht er. Hengeler Mueller und Freshfields Bruckhaus Deringer wären für ihn in Frage gekommen. „Die US-Kanzleien hatten für mich aus Bewerbersicht damals noch keine vergleichbar hohe Präsenz.“ Er entschied sich für Hengeler und blieb mit Unterbrechungen dort bis 2016. Dass Leyendecker nicht nur seine Staatsexamina, die Promotion und eine Prüfung zum Steuerfachanwalt absolvierte, ­erfährt man nur nebenher. Hinzu kam eine Summer Law School in Oxford, er ging für einen ­Forschungsaufenthalt nach Michigan und für den LL.M. erneut in die USA, an die New York ­University School of Law.

Leyendeckers Berufseinstieg erfolgte aber zunächst bei einem Family Office in Hamburg. Zwei Jahre später wurde dann Hengeler Mueller in München ­seine berufliche Heimat. Das Team bereitete damals Börsengänge vor sowie unterschiedlichste Firmenübernahmen. Die Tage bei Hengeler waren lehrreich und lang – das lag dem ambitionierten Gesellschaftsrechtler, der in dieser Zeit Gefallen an der Private-­Equity-Szene fand. Hengeler beriet damals etwa Kabel Deutschland zur ­öffentlichen Übernahme durch Vodafone oder Madison ­Capital Partners beim Verkauf des deutschen Kunststoffmaschinenherstellers Krauss­Maffei. Mit diesem Rüstzeug ausgestattet wechselte der Senior Associate Leyendecker 2016 zusammen mit dem erfahrenen Corporate-Partner Dr. Achim Herfs zu Kirkland & Ellis.

Auszeit in Alaska

In der US-Kanzlei mit Wurzeln in Chicago stieg er als Partner ein und konnte sein Netzwerk mit internatio­nalen Large-Cap-Investoren ausbauen. Zuvor nahm er sich aber eine mehrmonatige Auszeit, die ihn unter anderem wieder auf die schmalen Bretter brachte. „Das Heli-Skiing in Alaska war ein langersehnter Traum, den ich mir erfüllt habe“, berichtet er. Dabei lassen sich Skifahrer in Kleingruppen mit einem Helikopter auf Gletscher fliegen und fahren von dort kilometerweit durch die unberührte Schneelandschaft ins Tal.

Leyendecker, der mit vier Schwestern aufgewachsen ist, fuhr schon in seiner Kindheit gerne Skirennen. Er machte auch beim Tennis und Turnen eine gute ­Figur. „Ich kann sehr gut mit Drucksituationen um­gehen, dann liefere ich die besten Resultate,“ sagt er. Im Gespräch kommt er schnell auf den Punkt. „Ich verbinde Private Equity mit langjähriger Erfahrung für öffentliche Übernahmen“, sagt er knapp. Das konnte er schon selbstbewusst von sich sagen, als er als frisch gebackener Partner Mandanten akquirierte. Öffentliche Übernahmen gelten als Königsdisziplin. Angesiedelt zwischen Aktien- und Kapitalmarktrecht existieren für die Übernahmen börsennotierter Unter­nehmen unterschiedliche Angebotsverfahren, die der BaFin-Wertpapieraufsicht unterliegen. Leyendecker hatte mit diesen komplexen Abläufen Erfahrung.

Trotzdem war es nicht einfach, als neuer Kirkland-Vertreter im Wettbewerb mit den etablierten Corporate-­Praxen zu bestehen: „Ich habe viele Tage in Londoner Cafés verbracht – das war weit effektiver als lang geplante Pitches“, erzählt Leyendecker. Von dort aus rief er potenzielle Mandanten an und gab vor, gerade zufällig in der Nähe zu sein. Ob man sich kurz für einen Kaffee treffen wolle … ?

2017 schaffte er den Durchbruch mit einer mehr als 5 Milliarden Euro schweren Transaktion: Finanzinvestoren wollten den Arzneimittelhersteller Stada, einen MDax-Konzern, übernehmen. „Für die Stada-­Transaktion habe ich nicht wenige Tage im Büro ­geschlafen“, sagt Leyendecker im Rückblick. Denn bei diesem Deal – bis dato einer der größten in Deutschland – fehlte es der Kanzlei schlicht an Associates.

Leyendecker fühlt sich bei Kirkland heute für den Nachwuchs verantwortlich. Er ermuntert die jungen Anwälte unter anderem, die Alternativen am Kanzleimarkt zu analysieren und sich sehr genau zu überlegen, was sie erreichen wollen und in welches Rechtsgebiet sie als Typ passen. „Wir wollen die Besten, und wir wollen sie besser ausbilden als andere“, sagt er. Auch wenn seine Tage vollgepackt sind, bespricht er noch spät die Due-Diligence-Berichte, sofern die ­Associates es möchten. Denn er hat sich ein hohes Ziel gesteckt: „Ich will, dass jeder erfolgreich wird bei uns.“ Die Kanzlei zählt mittlerweile rund 40 Berufsträger in Deutschland und bewältigt riesige Mandate. Zusammen haben sie etwa für das große Konsortium ge­arbeitet, das vor zwei Jahren für 17,2 Milliarden Euro die Aufzugsparte von Thyssenkrupp erwarb.

Ikone der Filmindustrie

Kirkland beriet zuletzt auch TPG Real Estate, die An­teile am Studio Babelsberg erwarb. „Diese Studio­anlage ist eine Ikone der Filmindustrie“, schwärmt Leyendecker von den berühmten Ateliers in Potsdam. „Die Verträge zu so einem Target zu verhandeln, ist schon eine coole Sache!“

Obwohl Leyendecker seine Dissertation zum rechtsvergleichenden Gesellschaftsrecht verfasste, fand er im Private-Equity-Geschäft seine Passion: „Meine Mandanten sind häufig so alt wie ich, unfassbar clever, kommerziell, schnell und dynamisch“, so Leyendecker. „Wir sind eine Peergroup, die etwas erreichen will und die immer wieder voneinander lernt.“ Für ihn, der mit dem Fahrrad zur Arbeit radelt, gibt es wenig Wichtiges neben dem Beruf – außer: „Meine Familie und meine Tochter. Wenn ich mit ihr am Skihang stehe, gehe ich auch nicht ans Telefon.“


Teilen:

azur Mail abonnieren