Der Fels in der Brandung

Er war ein Mann der ersten Stunde im EDV-Recht. Heute ist kaum jemand in der IT-Szene so bekannt wie Peter Bräutigam. Der Noerr-Partner hat vielen Mandanten den Weg zur Digitalisierung geebnet.

Wer mit Prof. Dr. Peter Bräutigam, IT-Partner bei Noerr, am Verhandlungstisch sitzt, kann sich auf eine lange Nacht ­gefasst machen. „Er hat mich quasi unter den Tisch verhandelt“, erinnert sich ein IT-Rechtler der Gegenseite an ein unvergessliches Marathon-Meeting. „­Topfit war er, als ich schon schnarchend fast vom Stuhl rutschte.“ Heute noch schüttelt er ungläubig mit dem Kopf, wenn er daran denkt. Bräutigam selbst, auf die Situation ­angesprochen, lacht laut, und er lacht gerne laut. Zu den stillen Gesellen gehört er nicht. Für besagte Szene hat er ­eine einfache, wenn auch ­bescheidene Erklärung parat. „Ich bin ein Nachtmensch“, sagt er von sich. „Je später es wird, desto ­wacher ­werde ich.“

Dabei ist das nur die halbe Wahrheit. Sein Erfolg beruht nicht nur auf seinem Faible für die späte ­Stunde. Andere ­beschreiben ihn als „begnadeten ­Kommunikator“, als „sehr ehrgeizig“ und „strategisch schlau“, dazu gesellen sich Charme und Witz in bester bayerischer Manier – auf diese Weise nimmt er sein Gegenüber schnell für sich ein. Und er brennt für ein Thema: ­Digitalisierung. Dafür ist er „Feuer und Flamme“, wie er ­selbst sagt. Den größten Teil seines Lebens, nämlich 30 Jahre bis heute, hat der 57-jährige Oberbayer bei Noerr verbracht und hautnah miterlebt, wie sich das IT-Recht und im gleichen Fahrwasser auch die Digitalisierung entwickelte. Irgendwie hat er es dabei immer geschafft, vor der Welle zu schwimmen.

Frankfurt? Unvorstellbar!

Dazu gehörte auch eine Portion Glück in Gestalt von Dr. Alfred Stiefenhofer. Bis 2010 hieß die Kanzlei noch Nörr Stiefenhofer Lutz, und mit dem Namenspartner hatte Bräutigam einen einflussreichen Anwalt im ­Rücken, der sein Interesse für das, was heute als IT-Recht etabliert ist, immer unterstützte. Hengeler Mueller wäre für Bräutigam ebenfalls eine mögliche Option gewesen, wenn doch nur Hengeler damals ein Büro in München gehabt hätte. Ein Umzug nach Frankfurt? Unvorstellbar für den ­gebürtigen Traunsteiner: „Ich wollte die Berge in der Nähe haben.“ Nörr Stiefenhofer Lutz war damals in München der unan­gefochtene Platzhirsch und für Bräutigam schon deswegen die erste Wahl fürs Referendariat und später für den Berufseinstieg.

Nach seiner Promotion im Franchiserecht beriet er zu Beginn seiner Karriere, Mitte der Neunzigerjahre, fachlich breit. Dazu gehörte eine Reihe von Filmdeals, die er damals an der Seite für den Fernsehsender Premiere abwickelte. Die US-Filmstudios waren immer involviert und die Verhandlungen fanden – sehr zum Vorteil von Bräutigam – häufig zu nachtschlafender Zeit statt. Die technologische Entwicklung nahm Fahrt auf. „Es herrschte Goldgräberstimmung“, erzählt Bräutigam. ­Eines der ersten Mandate in diese Richtung: die Webpräsenz für den Deutschen Anwaltverein bauen.

Dabei ging es vor allem darum, Content zu produzieren. So entstand eine Homepage mit Textwüsten – aus heutiger Sicht kaum lesbar, aber damals galt eine eigene Website als kleine Revolution. Zumal Such­maschinen nicht existierten. „Stattdessen gab es quasi Telefonbücher voll mit Links“, berichtet Bräutigam, der so ein historisches Exemplar aus dem Jahr 1998 noch in seinem Büro aufbewahrt. Auch Noerr bot damals für seine Mandanten einen besonderen Service. Auf ihrer eigenen Homepage veröffentlichte sie die so genannten ‚Rechtslinks‘, also alle Webadressen mit Rechtscharakter.

Abschied vom Rechner im Keller

Als Quantensprung für den IT-Markt bezeichnet Bräutigam im Rückblick die Trennung von Hard- und Software. Zuvor – da hatte sich der Begriff EDV-Recht eingebürgert – bestimmten Großrechner, die physisch meist noch im Keller der Unternehmen standen, das Bild. Bestückt waren sie mit Lochkarten. Mit besagter Trennung begann die Zeit der IT-Outsourcings, und Bräutigam avancierte zum Spezialisten. Er veröffentlichte sogleich ein Buch dazu, das Aufsehen erregte und noch heute erhältlich ist – in vierter Auflage.

Aus dem Thema Outsourcing entwickelte sich ­Anfang der Zehnerjahre das Cloud Computing. Und wieder schwamm der Noerr-Anwalt vor der Welle, ­beriet mit Microsoft einen der wichtigsten Player im Markt. „Cloud Computing war die Demokratisierung der Digitalisierung“, erklärt er. „Jeder konnte es sich ­finanziell leisten.“ Riesenrechner im Keller gehörten damit endgültig der Vergangenheit an. Und entstanden sei das Ganze, das erzählt er nebenbei, weil Amazon zum Black Friday gigantische Rechnerkapazitäten beanspruchte, die für den Rest des Jahres mehr oder weniger ungenutzt vor sich hin dümpelten. Was lag also näher, als eben diesen Speicherplatz anderen zur Verfügung zu stellen?

Das Buzzword ‚Industrie 4.0‘, das dem Cloud-Hype folgte und vor etwa fünf Jahren die IT-Praxen elektrisierte, ist mittlerweile auch schon wieder Geschichte. Heute reden alle von Digitalisierung, und Anwälte wie Peter Bräutigam begleiten Mandanten aus nahezu allen Branchen auf dem Weg dorthin. Am Ende, sagt er, tue die Digitalisierung auch etwas für die Ökologie. „Die Digitalisierung führt dazu, dass Teile des energieverzehrenden analogen Lebens durch energiesparsameres digitales Leben ersetzt werden“, sagt er. „Analoges und digitales Leben verschmelzen immer mehr miteinander: Virtual Reality, Augmented Reality, NFTs und Metaverse sind nur einige Stichworte.“ Den Menschen werde nicht einfach nur Gewohntes aus der analogen Welt genommen, sondern digital etwas ­Neues gegeben. Bräutigam ist sich sicher: „Das wird ­einer der vielen Wege sein, die Erde mit den Menschen zu versöhnen.“

Die Pandemie hat ihm und seinem Denken in die Karten gespielt. Und auch Noerr profitiert heute ­davon, dass sie ihre IT-Praxis nie als lästigen Annex behandelt hat, wie es manche US-Kanzlei lange ­praktizierte. Beim Thema Digitalisierung waren die IT-Partner von Noerr wichtiger Antreiber und e­nt­wickelten das Beratungsfeld in alle anderen Praxisgruppen hinein. Für Berufseinsteiger, die sich für ­Digitalisierung interessieren, bedeutet das ein breites Spielfeld. Worauf es aber wirklich ankommt, bringt Bräutigam, der selbst aus einer Juristenfamilie stammt, aber auf einen ganz simplen Punkt: „Du musst happy sein“, sagt er. Er jedenfalls ist eindeutig happy mit dem, was er macht – vor allem zu später Stunde.


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