Unternehmensnachfolge beraten
Konflikte in Unternehmerfamilien bewegen sich gerne im magischen Dreieck aus Geld, Macht und Liebe. Mark Binz ist mittendrin. Als einer der bekanntesten Experten für Unternehmensnachfolge und Familienzwist braucht er weit mehr als juristische Kenntnisse.
Der Fall seines Lebens kam mit Anfang 70: Nach dem Verschwinden des früheren Tengelmann-Chefs Karl-Erivan Haub in den Alpen stand Prof. Dr. Mark Binz dessen Sohn Christian zur Seite im Streit mit den anderen Erben. Es drohte eine US-Erbschaftsteuer von 800 Millionen US-Dollar. Während die meisten Kollegen in seinem Alter den Ruhestand genießen, arbeitete Binz über ein Jahr lang Tag und Nacht, schreibt in dieser Sache über 3.000 Mails. Mit 74 wirkt er fit wie ein Turnschuh, ist braun gebrannt und hält sich mit Langlauf, Stand-up-Paddling, Tennis und Segeln in Form.
Wenn einer nach viereinhalb Jahrzehnten noch derart vor Energie sprüht, glaubt man ihm sofort, dass er schon als Teenager ein Tausendsassa war: vom Schulsprecher, Turniertänzer mit goldenem Abzeichen, Messdiener, Jungscharführer und Cembalospieler im Schulorchester bis zum Organisten im Jugendgefängnis. „Ich habe nicht nur die Schülerzeitung für das humanistische Dilthey-Gymnasium erstellt, das ich selbst besuchte, sondern für neun weitere Gymnasien“, berichtet der gebürtige Wiesbadener. Außer der Chefredaktion übernahm er gleichzeitig den Anzeigenverkauf und gestaltete die Annoncen selbst. „Jede Schülerzeitung brachte mir rund 1.000 DM ein und so konnte ich mit 18 mein erstes Auto kaufen, einen gebrauchten Fiat 600 mit vier Türen.“
Als Schüler liebäugelt der Sohn eines Beamten noch mit den Berufszielen Journalist oder Jesuitenpriester, zweifelt ab 17 aber an der Existenz Gottes und einem Leben nach dem Tod. Ein gewisser missionarischer Eifer sei geblieben, räumt er verschmitzt mit Blick auf seine Klage gegen die Lufthansa ein, mit der er ein Rauchverbot auf Inlandsflügen durchsetzen wollte – lange bevor dies gang und gäbe wurde.
Zum Studium nach Berlin
Die Liebe führt den frisch gebackenen Abiturienten vom Journalismus zur Juristerei: Statt eine Stelle als Volontär anzutreten, bricht er mit seiner Freundin nach Berlin auf. Ihr Vater, ein Bau-Tycoon, verhilft beiden über einen befreundeten Juraprofessor zu einem Studienplatz an der Freien Universität Berlin, nachdem sie die Einschreibefrist verbummelt hatten. Sein späterer Doktorvater Peter Hanau empfiehlt Binz der Studienstiftung des Deutschen Volkes. „Der Auswahlprozess war kein Spaziergang“, erinnert sich Binz. Bei einem der vier Vorstellungstermine entgeht ihm die Schilderung des Sachverhalts, den er rechtlich beurteilen soll. Er ist von der Bibliothek des Gesprächspartners fasziniert und nimmt an, der pensionierte Senatspräsident erzähle nur eine Begebenheit aus der U-Bahn. Was ihn rettet? „Die Theorie über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden nach Heinrich Kleist.“ Er bekommt das Stipendium für sein weiteres Studium an den Universitäten Berlin, Hamburg, Genf und Köln aufgrund geschickter Gegenfragen und Assoziationen, ohne die unbekannt gebliebene Ausgangsfrage nach der Rechtslage zu beantworten.
Wie wird man zu einem der bestverdienenden Anwälte in Deutschland, dem Familien mit Milliardenvermögen die Nachfolgeplanung anvertrauen? Binz kann aus dem Stegreif mindestens 50 wichtigste Eigenschaften nennen, die dafür nötig sind. Sie fangen bei Allgemeinbildung und Charisma an, reichen über Biss, Begeisterungsfähigkeit und Kampfgeist bis hin zu Kritikfähigkeit, Körpersprache, Empathie und Demut. All das brauche man, um verschiedene Perspektiven einnehmen zu können – auch die des Verlierers. Dass die FAZ ihn als ‚Familienflüsterer‘ tituliert, verdankt er unter anderem seiner Kommunikationsstärke: „Man muss mit einem 80-Jährigen genauso gut verhandeln können wie mit dem Enkel mit 20 und wissen: Welche Argumente überzeugen jeweils? Und welche Lösung wird als fair empfunden?“ Verhandlungen bereitet er akribisch vor, erstellt Steckbriefe der Akteure und erforscht ihre Interessen: „Die ist immer der Schlüssel, um sein Verhalten vorhersagen zu können. Eine Stunde Besprechung kann zehn Stunden Vorbereitung erfordern.“
Wie im Fernsehen
„Mein erster großer und scheinbar unlösbarer Fall war der Streit der Familienstämme Hermann und Hanns Voith um die Zukunft des gleichnamigen Papiermaschinenkonzerns“, erzählt Binz. In Anspielung auf eine Fernseh-Soap aus den 80er-Jahren über Liebe und Intrigen einer Öl-Dynastie titelte die Stuttgarter Zeitung: „Dallas auf der Ostalb“. Kolportiert wurde ein Honorar für den damals Anfang 40-Jährigen von rund 17 Millionen DM. Es dauerte zwei Jahre, bis sich die beiden Familienstämme auf eine Realteilung einigen konnten.
Die Papiermaschinen-Aktivitäten fielen den Nachkommen von Hanns Voith zu. Der Familienstamm Hermann Voith, den Binz berät, erhielt die gesamten Finanzbeteiligungen im Gesamtwert von mehr als einer Milliarde DM. „Dies aufgrund einer ausgeklügelten Konstruktion steuerfrei und obwohl wir keinerlei Rechtsanspruch auf eine Realteilung hatten oder auf ein Abfindungsguthaben, das dem Wert des operativen Unternehmens entsprach“, so Binz. Sein Erfolgsrezept: Eine geniale Verhandlungsstrategie und auch eine Mischung aus Chuzpe, Poker und Glück. Dazu gehört, dass der Anwalt sehr geschickt die Klaviatur der Medien bespielt. Im Fall Tengelmann erweisen sich beispielsweise Know-how und Kontakte aus dem Aufsichtsrat der Werbeagentur Jung von Matt als nützlich, zu deren Kunden damals auch die Bild-Zeitung zählte. Seine Fähigkeiten als PR-Profi stoßen im Markt auch auf Kritik. Wettbewerber räumen aber ein, dass diese Strategie auch Teil seines Erfolges ist.
Berater für Familienunternehmen
Nach Promotion im Jahr 1976 und zwei mit ‚gut‘ bewerteten Staatsexamen wollte der 27-Jährige zunächst gar nicht als Anwalt reich werden. Stattdessen hatte er mit seinem Doktorvater vereinbart, dass er spätestens mit 30 habilitiert ist, um als Hochschullehrer in Köln zu arbeiten. Ein Test seines Marktwerts ändert die Weichenstellung: Binz schreibt drei erfolgreiche Bewerbungen, unter anderem an die Kanzlei Böttcher Beinert in Stuttgart. Die Mandantschaft dort besteht aus großen Familienunternehmen wie Kühne & Nagel, Robbe & Berking, Faber Castell und Festo.
Binz entschließt sich, zunächst für ein Jahr als Anwalt Erfahrungen zu sammeln. „Das ebnete den Weg in zahlreiche Aufsichtsräte, unter anderem bei der Optikerkette Fielmann“, erinnert sich Binz. In der Kanzlei arbeitet auch Brun-Hagen Hennerkes, ebenfalls ein prominenter Anwalt für Unternehmen in Familienhand. Zunächst habe er von ihm viel gelernt in puncto Akquise, unternehmerisches Denken und selbstbewusster Verhandlung sieben- und achtstelliger Honorare. Beide begleiten den Modehersteller Hugo Boss beim Börsengang 1985, einem der ersten eines Familienunternehmens, bevor sie zwei Jahre später jeweils mit eigenen Kanzleien als Wettbewerber getrennte Wege gehen.
Aus dem ursprünglich geplanten einem Jahr als Anwalt wurden bis heute 46 Jahre. Seit Gründung der Anwaltsboutique Binz Freudenberg Sorg mit 38 Jahren habe sich für ihn die Lebensweisheit erfüllt: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.“ Das sei für ihn die perfekte Work-Life-Balance.