Bucerius-Studie warnt vor Leistungslücke im Rechtsmarkt durch KI und Nachwuchsmangel

KI beschleunigt die Transformation von Kanzleien und Rechtsabteilungen in beispiellosem Tempo. Eine neue Studie der Bucerius Law School zeigt: Steigende Rechtskomplexität, fehlender Nachwuchs und die bevorstehende Rentenwelle führen zu einer wachsenden Leistungslücke. Auf der heute in Köln stattfindenden SIGNALE-Tagung des JUVE Verlags wurden die Ergebnisse erstmals vorgestellt.

Die mit rund 200 Gästen ausgebuchte Veranstaltung eröffnete Dr. Florian Skupin, Executive Director Legal Technology an der Bucerius Law School. Er präsentierte exklusiv die Studie „Legal Market Economics“, in der die Bucerius Law School die Folgen der Digitalisierung für den deutschen Rechtsmarkt umfassend untersucht hat.

Florian Skupin

Die Studie zeichnet ein besorgniserregendes Bild: Während die Rechtskomplexität in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 20 Prozent gestiegen sei, stagnierten die Zulassungszahlen für Anwältinnen und Anwälte. Hinzu komme die bevorstehende Rentenwelle. Die Folge: Ein Leistungsgap, also eine wachsende Leistungslücke auf dem Rechtsmarkt. Wirtschaftskanzleien überdenken bereits ihre Geschäftsmodelle, heißt es in der Studie, und die juristische Ausbildung stehe vor einem Umbruch.

Wirtschaftskanzleien passen Geschäftsmodell an

Künstliche Intelligenz wirkt als Differenzierungs-Booster, erläutert die Studie. Wirtschaftskanzleien überdenken demnach ihre Geschäfts- und Pricingmodelle und passen ihre Organisationsstruktur sowie Rollenprofile an. Das verändere auch das Recruiting: Es werde spezifischer, es gebe weniger First-Year-Associates, erklärte Skupin. Klassische Senioritätsstrecken entwickelten sich darüber hinaus zu einer Herausforderung für die Personalentwicklung. Weniger Juniors ohne den gewohnten Personalpuffer zu erfahrenen Seniors entwickelt werden. Dafür seien spezifische Weiterbildung und eine erhöhte Bindung an den Arbeitgeber notwendig.

Neue Rollenprofile entstehen

Die Arbeitsteilung werde in großen Rechtsorganisationen zunehmend wichtiger. Neue Rollenprofile mit Schnittstellenkompetenzen entstünden – sogenannte Legal Connectors, also Fachkräfte, die juristische und technische Kompetenzen verbinden. Ihre Integration in Rechtsorganisationen sei eine Frage des Mindsets und eines professionellen Change-Managements. Allerdings blieben die Aufstiegschancen dieser Schnittstellenrollen aufgrund der Größe und Organisationsstruktur von Kanzleien herausfordernd. Die Studie identifiziert dies als eines der zentralen Probleme für die Zukunftsfähigkeit von Rechtsorganisationen.

Mindset als größte Hürde

Mindset und Marktspezifika der Rechtsbranche gehörten weiterhin zu den größten Herausforderungen einer effizienten Technologie- und KI-Adaption, warnt die Studie. Vier Faktoren erschwerten die Adaption: regulatorische Rahmenbedingungen („nicht dürfen“), fehlende Kompetenzen („nicht wissen“), ein derzeit noch erfolgreiches traditionelles Geschäftsmodell („nicht müssen“) und Angst vor Veränderung („nicht wollen“). Zudem befeuere KI die Zweiklassengesellschaft auf dem Rechtsmarkt. Die Größe der Rechtsorganisation habe entscheidenden Einfluss auf die Nutzung von KI-Tools, KI-Strategie und Implementierungsmöglichkeiten.

Rechtsabteilungen werden zum strategischen Asset

Auch die Rolle von Rechtsabteilungen in Unternehmen verändere sich grundlegend, so Skupin. Früher habe die Rechtsabteilung als anlassbezogener Schutzschild fungiert. Durch automatische Routineprozesse im Hintergrund ändere sich diese Rolle nun.

Juristinnen und Juristen würden zu Navigatoren in unsicheren Zeiten, die dank technischer Monitoring- und Risikosysteme frühzeitig strategisch eingreifen könnten. Rechtsabteilungen entwickelten sich damit vom Schutzschild zum strategischen Aktivposten für Unternehmen.


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