Boomjahre für Wirtschaftskanzleien
Die 100 umsatzstärksten Wirtschaftskanzleien in Deutschland erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2021/22 einen Rekordumsatz von über 8 Milliarden Euro. Die Aussichten für den Nachwuchs sind gut – nie arbeiteten mehr Anwältinnen und Anwälte in dieser Branche. Besonders die US-Kanzleien spielen eine besondere Rolle bei der Entwicklung des Marktes.
So seltsam es klingt: Weder Corona noch der Ukraine-Krieg, weder die hohe Inflation noch schwache Kapitalmärkte scheinen das stetige Bergauf der Wirtschaftskanzleien in Deutschland stoppen zu können. Das gilt auch für die meisten Kanzleien, die ihre Bücher nicht bereits zum 31.12.2021 schlossen, sondern erst im Laufe des Jahres 2022 – und die damit Russlands Angriff numerisch bereits in ihrem Zahlenwerk haben. Unterm Strich steht ein summiertes Ergebnis von 8,35 Milliarden Euro. Es bleibt dabei: Die Branche boomt. So ist es auch keine Überraschung, dass der Bedarf nach Nachwuchskräften anhaltend hoch bleibt. Das bietet besonders gute Berufschancen für junge Juristinnen und Juristen.
Der Markt in Zahlen
Nie zuvor haben in den 100 umsatzstärksten Wirtschaftskanzleien in Deutschland so viele Juristinnen und Juristen gearbeitet wie im Geschäftsjahr 2021/22. Über 15.000 Köpfe beschäftigte diese Gruppe an Kanzleien. Umgerechnet in Vollzeitstellen (Full Time Equivalent = FTE) sind das 14.136 Vollzeitstellen. Dieser Wert wird interessant für die Produktivität einer jeden Vollzeitstelle. So erwirtschaftete nämlich durchschnittlich jeder Berufsträger ganze 591.000 Euro Umsatz (Umsatz pro Berufsträger = UBT).
Die drei umsatzstärksten Kanzleien in Deutschland sind Freshfields Bruckhaus Deringer mit einem Umsatz von 467,3 Millionen Euro, gefolgt von CMS Hasche Sigle mit 400,5 Millionen Euro und Hengeler Mueller, die zuletzt 304,7 Millionen Euro erwirtschaftete. Freshfields und CMS sind zahlenmäßig auch auf personeller Ebene die größten Kanzleien hierzulande. 586 Vollzeitstellen hat CMS, 526,3 sind es bei Freshfields. Hengeler Mueller hingegen erwirtschaftete ihren Umsatz zuletzt mit 322 Vollzeitstellen und belegt damit Platz 10 der Liste nach Berufsträgerzahlen.
| Kanzlei | Umsatz 2021/22 (in Mio Euro) | Umsatz pro Berufsträger (UBT), (in Euro) | Berufsträger (FTE) |
| Freshfields Bruckhaus Deringer | 467,3 | 888.000 | 526,3 |
| CMS Hasche Sigle | 400,5 | 683.000 | 586,0 |
| Hengeler Mueller | 304,7 | 946.000 | 322,0 |
| Hogan Lovells | 292,6 | 742.000 | 394,2 |
| Noerr | 277,3 | 699.000 | 396,4 |
Das Geschäftsmodell macht den Unterschied
Auch für Berufseinsteiger sind diese Kennzahlen interessant, um zu erkennen, nach welchem Geschäftsmodell eine Kanzlei wirtschaftet. Im Mittelpunkt steht dabei der UBT. Zwar lässt sich nicht per se sagen, dass ein höherer Umsatz pro Berufsträger immer auch gleich mehr Leistungsdruck und Arbeit bedeuten. Ein hoher UBT ist aber sicherlich ein Indiz dafür, denn weniger Anwälte erwirtschaften gemeinsam mehr Umsatz. Treiber für einen hohen UBT können aber nicht nur die Arbeitsleistung, sondern auch die Qualität des Geschäfts und hohe Stundensätze sein.
Erfolgsrezept aus Amerika
Gerade die US-Kanzleien spielen in dieser Hinsicht eine besondere Rolle im deutschen Markt und gaben in den vergangenen Jahren das Tempo vor. Sie konnten ihren Umsatz pro Berufsträger zuletzt deutlicher steigern als andere Kanzleigruppen. Geprägt vom US-Geschäft rufen sie ebenfalls deutlich höhere Stundensätze bei Mandanten ab.
Vereinfacht gesagt gehört zum Geschäftsmodell der US-Sozietäten auch, praktisch ausschließlich in Beratungsfeldern tätig zu sein, die hohe Profite abwerfen: Private-Equity- und M&A-Transaktionen, Fondsstrukturierungen, Konfliktlösung, Restrukturierungen und Compliance.
In Zahlen zeigt sich dies am Beispiel von King & Spalding oder Kirkland & Ellis. Sie erwirtschafteten pro Berufsträger einen Umsatz von 1,4 Millionen Euro. Das gelingt mit gerade einmal 18 Vollzeitstellen bei King & Spalding und 46 FTE bei Kirkland.
Karriereperspektiven abwägen
Für Berufseinsteiger und junge Associate ist es umso wichtiger, sich vor dem Einstieg in einer Kanzlei einen Überblick über deren wirtschaftliche Entwicklung zu verschaffen. Dies gibt einen Eindruck über Leistungserwartungen, Fachbereiche und Mandatsstrukturen. Vor allem aber die Ausbildung und die Karriereaussichten unterscheiden sich teils deutlich je nach Geschäftsmodell. So zahlen zwar die US-Kanzleien seit Jahren die höchsten Einstiegsgehälter. Die Partnerchancen laufen dafür teilweise gegen null.
Alle ausführlichen Analysen und Kennzahlen der JUVE 100 Kanzleiumsätze 2021/22 finden sich in der Oktober-Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt.
Methode
Die Darstellung und Analyse von Umsatz-, Berufsträger- und anderen Kennzahlen in der Rechtsberatung von Kanzleien basieren auf Recherchen der Redaktion. Diese stützt sich auf offizielle Mitteilungen der Kanzleien, Geschäftsberichte sowie nicht offiziell zugängliche Zahlen. Die Redaktion recherchiert bei allen verfügbaren qualifizierten Marktkontakten inner- und außerhalb der Kanzleien. JUVE macht keine Angaben dazu, welche der gelisteten Kanzleien vollständige Unterlagen zur Verfügung gestellt und welche Kanzleien sich nicht offiziell beteiligt haben. Die Angaben zur Personalstärke erfolgen in Full Time Equivalents (FTE). Mehr Informationen zum Rechercheumfang sowie zum Umgang mit Umrechnungskursen und Rundungen unter: www.juve-plus.de/methodik-umsatzrecherche-2022.