Magazin-Artikel
20.10.2021 | Autor/in: Norbert Parzinger

Viele Kanzleien verzeichnen ein Umsatz-Plus im Corona-Jahr

Die großen Wirtschaftskanzleien melden Rekordumsätze. Von einer Krise ist bei ihnen nichts zu spüren, im Gegenteil. Ein Blick auf das Geschäftsjahr der 100 umsatzstärksten Wirtschaftskanzleien in Deutschland. 

Corona-Maske, Schiff segelt mit UmsätzenBruttoinlandsprodukt 2020: minus 4,6 Prozent. Umsätze im produzierenden Gewerbe: minus 8,4 Prozent. Umsätze im Gastgewerbe: minus 38,5 Prozent. Gesamtumsatz der 100 größten Wirtschaftskanzleien: plus 6,4 Prozent. So sehr das Corona-Jahr 2020 die deutsche Wirtschaft insgesamt beutelte, so gut sind die Anwälte durch das gekommen, was sie anfangs Krise nannten.

Über 7,8 Milliarden Euro setzen die 100 umsatzstärksten Kanzleien im deutschen Markt gemeinsam um, wieder ein Stück mehr als der bisherige Rekord von knapp 7,4 Milliarden Euro im Vorjahr. Das Ende der längsten Boomphase, die der deutsche Anwaltsmarkt bisher erlebt hat, ist allen Unkenrufen zum Trotz immer noch nicht in Sicht.

Das Bemerkenswerteste am Geschäftsjahr 2020/21 war die Schnelligkeit, mit der sich eine befürchtete Rezession in eine Sonderkonjunktur verwandelte. Denn die schwierige Situation vieler Wirtschaftszweige führte dazu, dass die Krisenbewältiger im Kreis der Wirtschaftsanwälte reichlich zu tun hatten. Arbeits- und Vertragsrechtler waren auf dem besten Weg, die neuen Rainmaker zu werden. Auch Experten für Unternehmensfinanzierung waren gefragt wie selten zuvor, nicht nur dort, wo es um die Möglichkeit ging, staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Krise dauerte für Wirtschaftskanzleien nur einen Tag             

Gleichzeitig sprang der Transaktionsmarkt schnell wieder an, und zwar richtig. Dass zeitgleich mit der Krisenbewältigung das Geschäft mit Private-Equity- und Venture-Capital-Deals brummte, klingt widersinnig, war aber die große Besonderheit der Corona-Zeit. Nach einer ausgedehnten Schrecksekunde gingen die Finanzinvestoren umso energischer daran, Kapital in zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen unterzubringen.

Das zweite Halbjahr 2020 dürfte zu den heißesten Private-Equity- und Venture-Capital-Phasen aller Zeiten zählen, mit weitgehend nahtloser Fortsetzung in den ersten Monaten 2021. An den Kräfteverhältnissen im Markt hat die Krise, die keine war, nur wenig Grund­legendes geändert. Schaut man auf den Jahresumsatz, sind die vordersten fünf Ränge genauso besetzt wie im Vorjahr.

Die Top 20 der Kanzleiumsätze

Die Mehrheit der Kanzleien kann ein ordentliches Umsatzplus verbuchen.

Platz Kanzlei Umsatz 2020/21 in Mio € Veränderung zum Vorjahr
1 Freshfields Bruckhaus Deringer 442,5 -2,4%
2 CMS Hasche Sigle 376,2 +9,5%
3 Hengeler Mueller 293,4 +8,0%
4 Hogan Lovells 268,0 +5,8%
5 Noerr 253,0 +9,3%
6 Gleiss Lutz 227,5 +4,6%
7 Linklaters 202,1 -8,6%
8 Flick Gocke Schaumburg 191,0 +21,7%
9 Taylor Wessing 190,5 +0,8%
10 Heuking Kühn Lüer Wojtek 189,9 -2,5%
 11  Clifford Chance  188,0  -1,1%
12 White & Case 182,0 +11,7%
13 Luther 176,0 -5,9%
14 Latham & Watkins 163,0 +7,9%
15 Baker McKenzie 153,0 +12,0%
16 Allen & Overy 150,0 +3,4%
17 Görg 149,0 +2,1%
18 Rödl & Partner 136,2 +8,2%
19 KPMG Law * ** 130,0 +4,8%
20 DLA Piper 118,1 +0,6%

*) Kennzahlen prognostiziert, da das Geschäftsjahr erst zum 30.09.2021 endet.
**) Aufgrund neuer Rechercheergebnisse haben wir den Umsatz des Vorjahres korrigiert.

Auf den folgenden Plätzen gab es zwar einige Verschiebungen, doch insgesamt setzen sich vor allem Tendenzen fort, die schon ein paar Jahre älter sind: Breit aufgestellte Top-Kanzleien wie Noerr, Hogan Lovells, Gleiss Lutz oder Baker McKenzie, die ihre Markt­position schon länger kontinuierlich ausbauen, legten weiter zu. Stär­ker fokussierte US-Kanzleien wie White & Case oder Latham & Watkins meldeten Rekordzahlen.

Überraschender wirkten daneben die vergleichsweise schwachen Bilanzen, die die deutschen Büros der Magic-Circle-Kanzleien vorlegten – umso mehr, als diese international durchweg spürbares Wachstum erzielten. Freshfields Bruckhaus Deringer und Clifford Chance meldeten bei allen Kennzahlen in Deutschland leichte Rückgänge, der Linklaters-Umsatz sackte sogar spürbar ab. Lediglich Allen & Overy, die im Vorjahr noch stagnierende Zahlen gemeldet hatte, konnte 2020/21 den Umsatz und die Teamgröße wieder nennenswert steigern.

Unter anderem lag die Magic-Circle-Flaute daran, dass der Transaktionsmarkt zweigeteilt ist: auf der einen Seite die Finanzinvestoren, auf der anderen die strategischen M&A-Mandanten. „Gerade die großen Konzerne, die in normalen Jahren etliche umfangreiche, grenzüberschreitende Transaktionen anschieben, haben sich in den letzten zwölf Monaten spürbar zurückgehalten“, erläutert der M&A-Praxisleiter einer Magic-Circle-Kanzlei.

Kanzleien waren produktiver und effizienter

Letztlich kommt niemand daran vorbei, dass gerade die Deal-Anwälte im Frühjahr 2020 ein paar Monate lang weitgehend Pause hatten. „Die Projekte, die damals verschoben wurden, kamen zwar zum Teil im Herbst wieder auf den Tisch“, berichtet der Managing-Partner einer kleinen, auf PE fokussierten US-Kanzlei. „Aber ganz aufholen kann man so eine Lücke nicht mehr, egal, wie schnell und effizient das Team arbeitet.“

Zugleich gab es einige größere Einheiten, die ihren Umsatz vor allem durch personelles Wachstum steigerten, allen voran EY Law. Auch Kanzleien wie Deloitte Legal, Redeker Sellner Dahs und wiederum McDermott Will & Emery sowie Lutz Abel setzten ihr Personalwachstum fort.

Insgesamt sind die Kanzleien ein Stück produktiver und effizienter geworden, nicht nur im Verlauf der vergangenen fünf Jahre, sondern gerade in der Corona-Zeit. Die Rekordumsätze 2020/21 wurden im Verhältnis von weniger Anwälten erwirtschaftet als im Vorjahr.

Was bedeutet der UBT?

Der Umsatz pro Berufsträger (UBT) zeigt auf, wie produktiv eine Kanzlei arbeitet, wie viel Geld also jeder ihrer Anwälte im entsprechenden Finanzjahr durchschnittlich erwirtschaftet hat. Dabei spielt nicht nur das Honorarniveau eine Rolle. Zwar liegt der UBT höher in Kanzleien, die besonders anspruchsvolle und lukrative Mandate bearbeiten. Der UBT kann aber auch dadurch steigen, dass die Anwälte schlicht mehr Stunden am Schreibtisch verbringen.

Meist spielen beide Faktoren zusammen. Eine weitere Größe, die den UBT beeinflusst, ist das zahlenmäßige Verhältnis von Partnern und angestellten Anwälten: die sogenannte Leverage. Eine Kanzlei mit hoher Leverage, also vielen Associates pro Partner, wird wegen der niedrigeren Beratungshonorare für Associates tendenziell weniger Geld pro Berufsträger umsetzen als eine Kanzlei, in denen jeder Partner nur mit einem oder zwei Associates arbeitet. Das bedeutet allerdings nicht, dass Associates in Kanzleien mit hoher Leverage weniger arbeiten müssen.

 

Die Folgen für den Anwaltsalltag im Corona-Jahr waren allerdings umstritten. Mehr Stress erlebten die meisten, ganz unabhängig von Rolle, Rang und Dienstalter. Während aber viele Partner mit leuchtenden Augen von perfekt durch­getakteten Arbeits­tagen ohne Park­platzsuche oder Smalltalk auf dem Büroflur berichteten, waren die Associates oft weniger begeistert von der Organisation des Remote-Mandatsbetriebs.

Dass Corona für die Personal­arbeit in den Kanzleien ganz neue Herausforderungen mit sich bringt, ist dagegen eine gesicherte Erkenntnis. Doch beim Blick auf die nächste Gewinnbilanz dürften die meisten Partner den zusätzlichen Stress schnell vergessen. Die Phase, in der manche Kanzleien sicherheitshalber die Ausschüttungen reduzierten oder gleich ganz einfroren, ist längst vorbei.

Auch die aktuellen Konjunkturprognosen für das laufende Jahr zeigen schon wieder ein viel sonnigeres Bild. Bruttoinlandsprodukt: plus 3,0 bis 4,5 Prozent, je nachdem, welches Wirtschaftsinstitut man fragt. Sogar die Restaurants und Bars, die überlebt haben, sind wieder offen. Eigentlich gute Vorzeichen für ein weiteres Rekordjahr.