Magazin-Artikel
06.01.2022 | Autor/in: Helena Hauser

Neuartige Wesen: An der Schnittstelle zwischen IT und Anwalt arbeiten Legal Engineers.

Legal Tech und Legal Operations sind aus der Rechtsbranche nicht mehr wegzudenken, da ist man sich einig. Doch wer soll eigentlich die technischen Prozesse dafür aufsetzen, ­Produkte ent­wickeln und zwischen Anwälten und Informatikern vermitteln? Immer mehr Kanzleien setzen auf Legal Engineers.

Bisher war klar: Anwälte machen Jura, Informatiker programmieren – dass beide Berufsfelder mit Legal Tech einmal so nah zusammenrücken, war vor ein paar Jahren noch unvorstellbar. Mittlerweile bastelt so manch ein Anwalt an Legal-Tech-Tools, lernt Grundkenntnisse einer Programmiersprache und besucht Legal-Design-Thinking-Kurse. Doch um die Welt der Softwareentwickler zu verstehen und zielführend zu kommunizieren, reicht das oft nicht aus. Eine große Herausforderung liegt darin, die Schnittstelle zwischen Recht und Informatik zu ­besetzen, zwischen Juristen, Marketingexperten, Business Development und Softwareentwicklern zu vermitteln und Ressourcen zu steuern. Immer mehr Kanzleien stellen deshalb sogenannte ‚Legal Engineers‘ ein, also Personen, die an der Schnittstelle zwischen juristischer Arbeit und Informatik tätig sind. Mit dem Legal Engineer ist ein relativ neues ­Berufsbild entstanden, dessen Arbeitsfeld längst noch nicht klar abgegrenzt ist.

IT-Abteilung mit Volljuristin.

Legal Engineers mit ihrem juristischen und technischen Know-how analysieren zum Beispiel juristische Arbeitsschritte, um diese zu automatisieren und danach zu vereinfachen, wirken an der Entwicklung von Tools mit und steuern Projekte. ­„Eine unserer Aufgaben ist es, Anwälte dabei zu beraten, wie sie ihre internen Arbeitsprozesse optimieren können“, sagt Nina Gramcko (37), eine von drei Legal Engineers bei Noerr. „Die Digitalisierungsthemen laufen bei uns zusammen – wir prüfen beispielsweise neue Tech-Tools und entwickeln im Zusammenspiel mit den Anwälten und der IT auch eigene.“ Besonders wichtig sei dabei die Übersetzerfunktion der Legal Engineers: „Wir müssen verstehen, was die Berater brauchen und wollen und das dann in technische Anforderungen übersetzen.“

Nina Gramcko ist eine von drei Legal Engineers bei Noerr.

Ebenso wie der Aufgabenbereich ist auch die fachliche Qualifikation von Legal Engineers verschieden, vom Anwalt mit IT-Kenntnissen bis zum Rechtswissenschaftler mit nur einem juristischen Staatsexamen, dafür aber Programmierkenntnissen, bis hin zum Rechtsinformatiker und Wirtschaftsjuristen. Gramcko ist, ebenso wie ihre zwei Legal-Engineer-Kollegen, Volljuristin mit Zusatzqualifikationen und einer Menge Arbeitserfahrung im Digitalisierungs- und Tech-Bereich. Als Legal Engineer und Teil des Digital Innovation Hubs ist sie bei Noerr an die IT-Abteilung angegliedert.

Weitere Kanzleien, die bereits auf Legal Engineers setzen, sind unter anderem CMS Hasche Sigle – bei ihr sind sie fester Bestandteil des Berliner Legal-Tech-Teams – sowie McDermott Will & Emery und FPS Fritze Wicke Seelig. Auch Taylor Wessing arbeitet in ihrem Kanzlei-Start-up TW Legal Tech in interdisziplinären Teams mit Legal Engineers zusammen. Schnittstellenexperten und Projektmanager sind in vielen Sozietäten schon tätig – oft unter den verschiedensten ­Titeln. Bei Oppenhoff & Partner etwa ist ein Legal Tech Officer das Bindeglied zwischen anwaltlicher und Tech-Arbeit. „Als Volljurist versteht unser Legal Tech Officer die Produkte rechtlich – das ist ungemein wichtig, weil er so die Entwicklung von Tools nicht nur auf der technischen, sondern auch auf der inhaltlichen Seite begleiten kann“, erklärt Jörg Overbeck (50), COO Business ­Services bei Oppenhoff.

Stellenangebote, die explizit für Legal Engineers ausgeschrieben sind, gibt es mittlerweile einige. Neben den Großkanzleien sowie Konzernen wie Daimler suchen danach bereits auch kleinere Kanzleien. Dass der Pool an Spezialisten noch überschaubar ist, mag auch daran liegen, dass viele Kanzleien am Konzept der Billables festhalten und nur langsam feste Karriere­optionen auch abseits der klassischen Anwaltstätigkeit schaffen.

Bis sich das ändert, könnte es noch dauern: Der Beruf des Legal Engineers dürfte sich erst etablieren und strategisch an Bedeutung ge­winnen, wenn Legal Tech und die Arbeit von interdisziplinären Teams für Kanzleien messbar rentabel werden. „Kanzleien erkennen zu­nehmend die Notwendigkeit, die Schnittstelle zwischen IT und Anwalt zu besetzen. Diese Funktion, mag sie nun unter Legal Engineer, Legal Tech Officer oder Legal-Tech-Projekt­manager laufen, wird immer wichtiger – ein Trend, an dem keine Kanzlei vorbeikommen wird“, ist Gramcko überzeugt.

Was macht ein Legal Engineer?

Aufgaben

• Schnittstelle zwischen juristischer Arbeit und Informatik
• Unterstützung bei der Entwicklung von Legal-Tech-­Produkten
• IT-Projektmanagement
• Modellierung von Workflows und digitalen Prozessen
• Unterstützung bei Legal-Tech-Projekten ­
(Softwareentwicklung, ­Daten­bankaufbau, Data Analytics)
• Standardisierung und Optimierung von juristischen Abläufen und ­Abbildung in Prozessmanagementsystem
• Unterstützung in der Konzeption und Umsetzung von
• Management-Dashboards zu juristischen Sachverhalten
• Design von Workflows, Interfaces etc.
• Recherchieren und Testen von neuen Legal-Tech-Tools

Profil

• Erfahrungen in einer Programmiersprache (z.B. Python, Java, ­JavaScript, C/C++) oder einer Markup-Sprache (z.B. HTML)
• Erster Kontakt mit Anwendungen wie: R, Signavio, UI Path, Python
• Sehr gute Microsoft-Excel-Fähigkeiten
• Erfahrung mit IT-Systemen und im IT-Projektmanagement
• Verständnis für juristische Prozesse, Informationstechnik und ­Datenanalysen
• Erstes juristisches Staatsexamen oder vergleichbarer
• Abschluss wie LL.M., Wirtschaftsjurist etc.
• Ausbildung als Diplomjurist, Volljurist oder Wirtschafts-/Informatiker
• Interesse an technischen Zusammenhängen und Problem­lösung mit technischen Mitteln
• Erfahrungen mit Workflow-Modellierung