Magazin-Artikel
14.10.2020 | Autor/in: Markus Lembeck

Insolvenzrecht: Nicht Word, sondern Excel

In der Wirtschaftskrise zeigt sich, dass ein professionell geführtes Insolvenzverfahren Unternehmen rettet und nicht zerstört. Die Kanzlei Anchor schwört schon Berufseinsteiger auf die Kunst der Betriebsfortführung ein. Insolvenzrecht ist ‚nur‘ der Rahmen.

Es ist keine angenehme Wahrheit, aber: Manche Unternehmen haben auf dem Markt keine Chance. Die Kosten sind zu hoch und die Einnahmen zu niedrig, manchmal über Jahre, manchmal aber reichen ein paar schlechte Monate für das Aus. Aus Geldgebern werden Gläubiger, die kein Geld mehr geben und kein Wort mehr glauben. Das Unternehmen muss einen Insolvenzantrag stellen, das Insolvenzgericht legt eine Akte an, die Juristen sollen ans Ruder.

Der Gesetzgeber hat allerdings in der Coronakrise den Insolvenzprofis ins Geschäft gepfuscht – Insolvenzanträge mussten ein halbes Jahr lang nicht gestellt werden, wenn eine Firma ihre Krise ausschließlich dem Virus zu verdanken hatte. Trotz einiger großer Fälle wie Karstadt-Kaufhof, Esprit oder Vapiano wurde es bei den Insolvenzgerichten immer stiller. Die Insolvenzverwalter berichteten über sommerlichen Leerlauf. Das wird sich in diesem Herbst vermutlich vehement ändern. Ein Festmahl für spezialisierte Juristen?

Qualität unter Zeitdruck: Für Florian Harig von Anchor steht immer das Ziel Fortführung im Vordergund.

„Die Schlacht um eine Unternehmensrettung gewinnt man nicht mit Jura“, widerspricht Vincenz von Braun (47), Partner der Insolvenzkanzlei Anchor. „Man gewinnt sie mit klarer Kommunikation, effizientem Projektmanagement mit interdisziplinären Teams und einem hohen Verständnis für Zahlen. Nur so lassen sich die erheblichen Werte für die Gläubiger heben, die in den Geschäftsmodellen der Unternehmen selbst liegen.“ Das Ziel, Geld zu heben, würde auch ein Insolvenzverwalter der alten Schule bestätigen – dem Grundsatz nach strebt das Insolvenzrecht nach der gemeinschaftlichen Befriedigung aller Gläubiger. Doch wie man dieses Ziel erreicht, darüber gehen die Meinungen auseinander.

 Alles hört auf mein Kommando.

Lange waren Verwalter Reinkarnationen des Sonnenkönigs – ‚l’état c’est moi‘, das Verfahren bin ich, alles hört auf mein Kommando. Ihre Bestellung durch ein Insolvenzgericht galt etwas pathetisch als ‚Schicksalsfrage‘ des betroffenen Unternehmens. Doch verschiedene Änderungen im Insolvenzrecht und eine neue Generation von Sanierungsexperten haben aus dem Absolutismus zumindest eine parlamentarische Monarchie gemacht. Heute zählt etwas anderes: „Die Vernetzung all unserer betriebswirtschaftlichen und juristischen Berufsträger und vor allem unserer gesamten Partnergruppe bei den verschiedenen Stakeholdern ist der Schlüssel für unseren Erfolg“, sagt von Braun. „Die großen und wichtigen Fälle gewinnen wir als Team.“ Schon die Akquise neuer Mandate ist eine Teamanstrengung, und die Bewältigung der folgenden Auf­gaben erst recht.

 Viele Schlachten geschlagen.

Anchor zählt knapp 40 Juristen und rund 70 weitere Mitarbeiter. Für die Kanzlei gab es in den vergangenen Jahren mehrere schlagzeilenträchtige Fälle, um sich als Team zu beweisen: Den Küchenhersteller Alno zum Beispiel, der 2017 Insolvenz anmeldete und zuvor zu einem Spielball von Gesellschaftern, Vorständen, Lieferanten und Geldgebern geworden war. Die Aufarbeitung dauert an, in diesem Sommer reichte Anchor-Partner Prof. Dr. Martin Hörmann als Alno-Verwalter Klage ein gegen ehemalige Vorstände. In der Spitze waren gut ein Dutzend Anchor-Experten gleichzeitig mit Alno beschäftigt. 2019 folgte die Insolvenz des Buchgroßhändlers KNV, dessen Fortbestand für die deutschen Buchverlage als auch für den Buchhandel ein Segen war.

Erfolg ist eine Teamleistung: Vincenz von Braun ist Jurist, er übernimmt in Krisen aber auch die Managementrolle.

Damit diese Schlachten geschlagen werden können, setzt Anchor auf eine sogenannte schnelle Eingreiftruppe, die in den großen Fortführungsfällen von Anfang an vor Ort ist. Fortführung heißt: Nicht abwickeln – nicht den Stecker ziehen und das Auktionshaus anrufen, um den Fuhrpark und die Büroeinrichtung zu Geld zu machen. Rasch und mit geballter Kompetenz sorgen Anwälte, Betriebswirtschaftler und Wirtschaftsjuristen dafür, dass ein genaues Bild der Unternehmenskrise und der Sanierungschancen entsteht – gesättigt mit Zahlen. „Die wichtigen Informationen gewinnen wir eher aus Pivot-Tabellen als aus Verträgen, weil es am Ende immer um Geld, oder besser um die möglichst gerechte Verteilung von zu wenig Geld für zu viele Gläubiger geht“, erklärt von Braun. „Deshalb sind für uns alle Teammitglieder gleichwertig, unabhängig davon, ob sie eine juristische oder wirtschaftliche Qualifikation einbringen.“

Das gilt auch für die Bezahlung – die Struktur für Gehälter und Boni bei Anchor ist transparent und für alle Berufe gleich. Unter den Partnern ist die Vergütung nach einem sogenannten Lockstep-System geregelt. Hierbei sind die Gewinne zwar an unterschiedlich hohe Punktwerte der Partner gekoppelt, aber sie werden deutlich gleichmäßiger ausgeschüttet, als es für viele Insolvenzkanzleien üblich ist – vielfach lässt dort der Sonnenkönig grüßen. Anchor setzt auf die Gesamtverantwortung aller Partner, erklärt von Braun: „Wir sind von der unternehmerischen Initiative aller Partner abhängig. In unserer Branche gibt es kaum Dauermandate, unsere Feuerwehr-Einsätze sind nicht langfristig planbar.“

Allerdings soll der Kanzleiaufbau nachhaltig sein. Dazu setzt Anchor jetzt auf ein dreijähriges Ausbildungsprogramm für Berufseinsteiger – eine Art Fortführungs-Akademie, denn auch bei den geplanten Trainingsmodulen ist Fortführung das Schlüsselwort. „Das Ziel ist, neben dem fachlichen Wissen ganz nah an die Praxis heranzugehen und den gesamten Zyklus einer Unternehmenskrise und ihrer Bewältigung abzubilden“, beschreibt der Hannoveraner Partner Dr. Florian Harig (37) das Konzept.

Damit grenzt sich die interne Anchor-Fortbildung von rein juristisch orientierten Kursen ab, die etwa die Grundlage sind für den Fachanwaltstitel im Insolvenzrecht. „Wir bieten den jungen Kollegen allerdings auch im Alltag an, Praxiserfahrung zu sammeln und Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Harig. „Sie sollen schon zu Beginn lernen, externe Kontakte wahrzunehmen oder in größeren Runden vorzutragen.“ Harig hat sich auf Krisenberatung, Eigenverwaltung und Insolvenzpläne spezialisiert. Nach erster Berufserfahrung in der Verwalterkanzlei Eckert kam er vor sieben Jahren zu Anchor und fühlte sich wohl mit seiner Rolle als angestellter Anwalt. Die Kanzlei bietet sowohl eine dauerhafte Anstellung als auch den Partnertrack an – aus Harigs Lebensplanung heraus war die Entscheidung zunächst für die Angestelltenposition gefallen. Aber die Partner sprachen ihn an, ob er angesichts seines Einsatzes nicht lieber in den Partnerstatus wechseln wolle. Das passierte Anfang 2020.

 Lieber ablehnen als schlecht machen.

Die Durchlässigkeit gewährt Anchor übrigens nicht nur zwischen Partner- und Angestelltenstatus, sondern auch zwischen Anwaltskanzlei und dem Anchor-Management-Zweig: Sollte sich ein Jurist vorrangig für die Managementberatung interessieren, könnte er dorthin wechseln – und würde am Ende doch wieder in dem selben interdisziplinären Team arbeiten. Falls die Coronafolgen im Herbst tatsächlich das Mandatsvolumen sprunghaft ansteigen lassen, gibt es trotzdem eine Grenze, so Harig: „Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch und können daher gegebenfalls nicht alles annehmen, was kommt.“