Magazin-Artikel
07.12.2021 | Autor/in: Johanna Heidrich

Im Rampenlicht: Strafrecht im Fokus der Öffentlichkeit

Als Strafverteidigerin ist Kerstin Stirner den großen Auftritt gewöhnt. Eine Pressekonferenz im Frühjahr dieses Jahres allerdings war etwas Besonderes. Vor den Augen der Welt stellte sie ein viel beachtetes Gutachten vor. Das Erzbistum Köln hatte es wegen Fällen von sexuellem Missbrauch in Auftrag gegeben.

Alle Kameras sind auf Dr. Kerstin Stirner (35) gerichtet. Sie steht am Pult auf der Bühne, mit fester Stimme und ernstem Gesichtsausdruck fasst sie die Ergebnisse eines Gutachtens zusammen, das die Öffentlichkeit mit Spannung erwartet. Gemeinsam mit ihrem Kollegen beantwortet sie die Fragen der Journalisten, die in corona-konformen Abständen vor ihr sitzen. Im Livestream schaut die Welt ihr dabei zu. Am nächsten Tag wird das Bild der blonden Frau im schlichten, dunklen Hosenanzug und weißer Bluse in der New York Times zu sehen sein.

Die Pressekonferenz im März 2021 ist eines der wichtigsten Ereignisse ihrer Karriere. Stirner und ihre Kollegen aus der Kölner Strafrechts­boutique Gercke Wollschläger mussten in dem Gutachten herausfinden, ob es im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln zu Pflichtverletzungen gekommen ist – und wenn ja, wer dafür die Verantwortung trägt. Das Mandat war gleich aus mehreren Gründen eine Herausforderung. 

Beim Gutachten zu den Missbrauchsfällen liest die ganze Welt mit.

Gerade einmal fünf Monate hatte das Team Zeit. 900 Seiten sind es am Ende geworden. Die Frist war deshalb so kurz, weil das Erzbistum einer ursprünglich mandatierten Kanzlei den Auftrag wegen „erheblicher Mängel“ wieder entzogen hatte. Dadurch ging viel Zeit verloren. Gleichzeitig mussten die Anwälte sich mit dem komplexen Kirchenrecht in eine Materie einarbeiten, mit der sie als Wirtschaftsstrafrechtler in der Regel nicht in Berührung kommen. Ein Gutachten zu erstellen, ist per se zwar nichts Ungewöhnliches. Allerdings werden diese normalerweise nicht veröffentlicht – ganz anders in diesem Fall. „Hier stand von vornherein fest: Es wird ins Internet gestellt, sodass es die ganze Welt aufrufen kann, es wird in andere Sprachen übersetzt und an den Vatikan geschickt“, erzählt Stirner. Der Druck war immens.

Den Druck der Öffentlichkeit kennt sie aber zum Glück bereits aus früheren Mandaten. Gefragt nach dem prägendsten bisher, überlegt sie kurz und antwortet: „Das war der Loveparade-Prozess. Das war das Verfahren, in das ich die meiste Zeit und Energie gesteckt habe.“ Das erste Mal war sie während der Wahlstation ihres Referendariats damit in Berührung gekommen, die sie 2012 bei Gercke Wollschläger absolvierte. Anschließend begleitete es sie ihre gesamte Karriere, bis es 2019 gegen ihren Mandanten eingestellt wurde. In dem Verfahren, das mit 184 Sitzungstagen zu den aufwendigsten der Nachkriegszeit zählt, vertrat sie einen der Veranstalter des Events, das mit 21 Toten und Hunderten Verletzten endete. 

„Für mich war es das erste Verfahren, in dem ich den medialen Druck wirklich zu spüren bekam“, erinnert sich Stirner. Am Anfang habe noch ihr Mentor und Namenspartner der Kanzlei, der angesehene Strafrechtler Prof. Dr. Björn Gercke, die Presseinterviews gegeben. Irgendwann sei sie jedoch auf sich allein gestellt gewesen. „Das war einerseits schön, weil es sein Vertrauen in mich gezeigt hat. Andererseits bedeutete es eine enorme Nervosität.“

Ein eigenes Netzwerk ebnet den Karriereweg.

Im Rückblick war dies einer der vielen Momente, in denen Gercke sie auf ihrem Karriereweg gefördert hat. Er half ihr auch, sich ein Netzwerk aufzubauen und sich unter Wettbewerbern einen Namen zu machen: „Er hat mich von Beginn an auf viele Veranstaltungen mitgenommen und mich überall vorgestellt.“ Mittlerweile eilt Stirners Ruf ihr voraus, Wettbewerber loben sie als „fachlich exzellent“ und „durchsetzungsstark“. 

Auf der Liste der Adjektive, die Stirner beschreiben, ließe sich noch „überzeugend“ ergänzen: „Ich habe meinen Arbeitsvertrag bei Gercke Wollschläger bekommen, bevor ich meine Examensnote hatte“, erzählt sie. Rund sechs Jahre später wurde sie mit ihrem Schwerpunkt Medizinstrafrecht Partnerin. Da war sie 33 Jahre alt. Der Weg dahin war viel Arbeit, wobei Stirner ihr Ziel immer vor Augen hatte: Früh stand fest, dass sie Jura studieren und ihren Schwerpunkt auf das Strafrecht legen will. Auch, dass sie die familiäre Atmosphäre einer Boutique der Großkanzlei vorzieht, war Stirner schnell klar.

Sie selbst beschreibt sich als eher rational und als diejenige, die einen kühlen Kopf bewahrt. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihre Mandate sie kalt lassen. „Beim Loveparade-Verfahren war allein das Lesen der Akte schon sehr emotional.“ Die Bilder habe sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen: „Insbesondere, weil ich in einem Alter war, in dem ich selbst so eine Veranstaltung besucht hätte und Leute kenne, die vor Ort waren“, erinnert sie sich.

Der richtige Umgang mit existenziellen Fragen und Konflikten.

Dass sie die Schicksale ihrer Mandanten nach Feierabend nicht mit nach Hause nimmt, musste Stirner erst einmal lernen. Dies sei umso schwerer, da es im Strafrecht häufig um die gesamte Existenz eines Mandanten gehe. „Ich tue für jeden Mandanten mein Bestes, aber ich muss die nötige Distanz bewahren, sonst wird es zu nervenaufreibend.“ Daneben sei Selbstbewusstsein eine der wichtigsten Eigenschaften eines Strafverteidigers. Stirner braucht das auch, um mit den verdutzten Reaktionen umzugehen, die manche Mandanten ihr gegenüber bis heute zeigen: „Ich erlebe immer wieder eine Art Zusammenzucken, wenn ich einen Besprechungsraum betrete oder ich höre, wie jemand es ausspricht: ‚Oh, das hätte ich nicht erwartet, noch so jung!‘“

Und auch einen weiteren Charakterzug sollte eine angehende Strafrechtlerin mitbringen: Man sollte nicht konfliktscheu sein. Auf Stirner trifft das zu: „Ich gehe sehr gerne in Hauptverhandlungen. Auch wenn der Fokus bei einer Verteidigung natürlich immer darauf liegen sollte, sie zu vermeiden.“ Was fasziniert sie daran? „Ich bin ein Freund davon, sich auch mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.“ Normalerweise telefoniere man zwar mit der Staatsanwaltschaft oder mit dem Gericht, aber man sei nie in di­rekter Konfrontation miteinander. In einer Hauptverhandlung habe man durch die Mittel der Strafprozessordnung die Möglichkeit, das Verfahren anders zu steuern als man das im Ermittlungsverfahren könne.

Strafrecht zwischen Hauptverhandlung und Straßenkriminalität.

Wie man ein Verfahren steuert, hat Stirner in Pflichtverteidigungen gelernt, die eigentlich nicht zum Alltagsgeschäft ihrer Kanzlei gehören: Betäubungsmitteldelikte, kleine Betrugsgeschichten, Körperverletzung. „Straßenkriminalität“, wie die Anwältin es nennt. Denn im Gegensatz zu großen Hauptverhandlungen werden diese nicht vor dem Landgericht, sondern vor dem Amtsgericht verhandelt. Und dort herrscht ein anderer Umgang: „Beim Landgericht läuft üblicherweise alles sehr strukturiert ab“, sagt Stirner. Beim Amtsgericht sei das anders. Um sich dort durchzusetzen, müsse man die Strafprozessordnung gut beherrschen – und das helfe wiederum bei großen Haupt­verhandlungen.

Ob Pflichtverteidigung, große Hauptverhandlung oder international beachtetes Gutachten – in ihrer gesamten Karriere hat vor allem ­eines Stirner angetrieben: „Ich habe einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.“ Für sie ist wichtig, dass jeder, der in seinem Leben Fehler gemacht hat, eine gute Verteidigung bekommt. „Denn jeder Mensch hat eine Vorgeschichte, und Straftaten werden in der Regel nicht aus dem Nichts begangen.“