Magazin-Artikel
27.04.2021 | Autor/in: Anika Verfürth

Die Zeit läuft: Die Rolle von Kanzleien in der Klimakrise

Der Klimawandel könnte die Welt in eine epochale Klimakrise stürzen. Deren wirtschaftliche Folgen sind Grund genug, dass Kanzleien auf den Wandel reagieren. Doch die Klimakrise löst auch einen Konflikt der Generationen aus. Immer mehr junge Juristen wollen wissen, wie ihr Arbeitgeber mit dem Thema Nachhaltigkeit umgeht.

Ein Gletscher schmilzt langsam, für die kurzzeitige Beobachtung nahezu unbemerkt. Erst beim Vergleich über mehrere Jahre fällt auf, dass immer mehr Eis, das jahrhundertelang im Gletscher gefroren war, schon als Wasser ins Meer geflossen ist – und stetig weiter fließt. Bei der Gletscherschmelze gibt es sogenannte ‚Kipppunkte‘. Ist ein solcher einmal erreicht, ist die vollkommene Schmelze nicht mehr aufzuhalten, sie verstärkt sich sogar von selbst. Kipppunkte gibt es auch in sozialen Systemen. Die gute Nachricht: Anders als bei Klimakipppunkten können sie positive Wendungen mit sich bringen. Ist eine kritische Masse erstmal erreicht, nimmt eine Bewegung immer mehr an Fahrt auf, bis sie selbstverständlich ist. Viele Klimaforscher legen große Hoffnung auf diesen Effekt, damit wir den Klimawandel noch in den Griff bekommen.

Auch Anwälte und Kanzleien spielen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft und können maßgeblich beeinflussen, in welche Richtung sie sich bewegt, wenn es um klimagerechte und nachhaltige Wirtschaft geht. Und beim genauen Hinschauen zeichnen sich dort viele kleine Veränderungen ab, die jene Masse in Bewegung setzen und klimagerechte Wirtschaft selbstverständlicher machen. Ist hier ein Kipppunkt in Sicht? Eine zentrale Rolle spielt dabei die kommende Anwaltsgeneration. Was sie fordert, hat schon in der Vergangenheit zu massiven Veränderungen geführt. Ein gutes Beispiel ist die Work-Life-
Balance in Wirtschaftskanzleien: Schon im Vorstellungsgespräch fragen junge Anwälte ganz offen danach und setzen sie dadurch auf die Agenda. Damit hätte vor dem Einzug der Generation Y in den Arbeitsmarkt niemand gerechnet.

Der Klima-Score.

Doch wie sieht es aus mit klimagerechter Arbeit? Wie engagieren sich Kanzleien dafür oder setzen Klimafolgen sogar als Maßstab in der Mandatsarbeit? Die amerikanische Studentenvereinigung ‚Law Students for Climate Accountability‘ der Yale-Universität hat 100 Kanzleien im US-Markt auf den Klimaprüfstand gestellt. Anhand von Daten zur Mandatsarbeit analysierten die Studenten, wie viel Umsatz die Kanzleien durch Litigation, Transaktionen und Lobbyarbeit gemacht haben und markierten, ob ein Mandat die Klimakrise verschlimmert oder sie verlangsamt. Die Forderung der daraus entstandenen ‚Law Firm Climate Change Scorecard‘ ist deutlich: Kanzleien müssen ihre Rolle in der Klimakrise ernst nehmen.

Die meisten internationalen Einheiten, die auch in Deutschland Büros unterhalten, haben einen schlechten Score. Spitzenreiterin im Transaktionsgeschäft für Mandate der fossilen Brennstoffindustrie ist demnach Allen & Overy. Sie führt die  Liste derjenigen Kanzleien an, die den Klimawandel durch Transaktionsberatung etwa beim Bau von Gas-Pipelines oder Kohlekraftwerken verschlimmerten. Hier genannt sind auch Latham & Watkins, Clifford Chance, Milbank und andere.

Eine weitere Kategorie ist Lobbyarbeit, die Kanzleien für Unternehmen leisten und die zur Verstärkung der Klimakrise führt. Hogan Lovells hat so viel ‚klimaschädliche‘ Lobbyarbeit geleistet wie kaum eine andere Kanzlei. Auch Squire Patton Boggs, Greenberg Traurig, Covington & Burling und DLA Piper sind unter den Spitzenreitern. Wenn es um Prozesse geht, die die Klimakrise verstärken, indem Unternehmen etwa Umweltvorschriften umgehen können, haben Gibson Dunn, Sidley Austin, Latham & Watkins oder auch Hogan Lovells es auf besagte Liste der Studenten geschafft.

Grüner Arbeitgeber gesucht.

Ein Ziel des Rankings ist es, eine Orientierungs- und Entscheidungshilfe für Berufseinsteiger zu bieten, die auf der Suche nach einem geeigneten Arbeitgeber sind. „Die Sinnhaftigkeit der Arbeit ist für junge Anwälte zunehmend wichtiger, die sehr gute Vergütung spielt nicht unbedingt die Hauptrolle“, sagt Björn Heinlein. Der 49-Jährige leitet bei Clifford Chance eine der größten Energierechtspraxen hierzulande. Zwar ist ihm noch nicht untergekommen, dass ein Bewerber wegen der Beratung von Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie nicht in seinem Team arbeiten wollte, aber „Bewerber fragen nach, welche Schwerpunkte wir in unserer Mandatsarbeit im Energiesektor setzen und ob dazu auch die erneuerbaren Energien gehören“, so Heinlein. Clifford Chance hat mit ihrer Tätigkeit in den USA einen schlechten Score von den Yale-Studenten verpasst bekommen. In Deutschland steht sie regelmäßig Energieriesen wie RWE zur Seite. Clifford berät das Unternehmen bei ‚schlechten‘ und ‚guten‘ Projekten, doch Heinlein sagt: „Eine solche Einordnung in Schwarz und Weiß im Sinne von klimafreundlich oder -schädlich ist oft nicht so einfach, wie man es gerne hätte.“

Die Yale-Studenten haben beispielsweise als maßgebliche Einheit den Wert der Beratung in Dollar gewählt. Doch ganz verschiedene Faktoren können eine Rolle spielen, etwa die Frage, ob ein Unternehmen sich in einem Wandlungsprozess befindet, um die Energiewende zu schaffen. Dafür braucht es viel Beratungsaufwand, um am Ende wirtschaftlich und klimagerecht zu werden. Auch die Umstände, wie eine Kanzlei ein Mandat bearbeitet, können relevant sein. Ein Mandat kann in seinem Kern noch so grün sein, wenn die Berater dafür zig Mal in den Flieger steigen, ist es mit der Nachhaltigkeit nicht weit her. Letztlich ist es auch eine persönliche Abwägung. „Mit einer gewissen ethischen Überzeugung hinter seiner Arbeit zu stehen, liefert am Ende auch die überzeugendsten Ergebnisse“, so Heinlein.

Die einzige Mandantin ist die Erde.

Mandantin Erde: Paul Benson von der gemeinnützigen Organisation ClientEarth nutzt das Recht, um die Erde zu schützen.

Deutlich klarer lässt sich eine Grenze ziehen, wenn die einzige Mandantin die Erde ist und jedes Mandat zu ihrem Schutz beiträgt. „Wir nutzen das Recht, um die Erde zu verteidigen“, sagt Paul Benson. Der 33-Jährige ist Anwalt bei ClientEarth, einer gemeinnützigen Organisation aus London, die inzwischen auch in Deutschland tätig ist. Finanziert durch Spendengelder setzt sie sich für den Erhalt der Erde ein. Da die Mandantin Erde nicht anruft, wenn es brennt, ist die Arbeit sehr proaktiv. So sucht ClientEarth Projekte und Wege, die der Erde nutzen. Bei dem geplanten Bau eines Kohlekraftwerks beispielsweise trug das Team dazu bei, Investments in ein nicht mehr nachhaltiges Projekt aufzuhalten. „Bei ClientEarth zu arbeiten, empfinde ich als großes Privileg. Es passt zu mir und zu dem, was ich in der Welt leisten möchte“, so Benson. Der gebürtige Engländer kennt auch die Arbeit in einer Wirtschaftskanzlei. Er war fast acht Jahre im Berliner Büro von Freshfields Bruckhaus Deringer im Litigation-Team tätig. Nach einer Station in der Boutique für Öffentliches Recht Posser Spieth Wolfers wechselte er im September 2020 in das Climate-Change-Team von ClientEarth in Berlin. „Die langjährige Erfahrung in Wirtschaftskanzleien hilft heute dabei, unsere Mandate erfolgreich zu führen“, sagt Benson. Denn durch seine langjährige Beratung von Unternehmen kennt er die andere Seite, er weiß, wie sie wirtschaften und wie ein Anwalt das Rechtssystem gezielt nutzen kann. „Der Zweck meiner juristischen Arbeit bei ClientEarth ist immer der gleiche: der Schutz der Erde. Früher waren es die Interessen meiner Mandanten, unabhängig davon, ob diese gut oder schlecht für die Umwelt waren.“

Grüne Kanzleikultur.

Wenn es um einen nachhaltigen Arbeitsalltag geht, befinden sich inzwischen viele Kanzleien in einem Wandel. Dies trägt ebenso dazu bei, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit erhält und die kritische Masse bis zum Kipppunkt weiterwächst. Die Associates von McDermott Will & Emery in Düsseldorf wollten etwas ändern und Gewohnheiten hinterfragen. Sie gründeten das ‚Team Green‘ und überprüften zuerst den Büroalltag, danach nahmen sie an gemeinnützigen Events teil, zum Beispiel am ‚Rhein-Clean-up‘. „Manchmal sind es schon die kleinen Dinge, die die Rücksichtnahme auf die Umwelt ermöglichen. Als Teil unseres Arbeitsalltags wird Nachhaltigkeit selbstverständlich“, sagt Dr. Sebastian Keding (37). Er leitet das ‚Team Green‘ im
Düsseldorfer Büro.

Aufmerksamkeit erhöhen: Bei McDermott machen Jens Ortmanns (li.) und Sebastian Keding Nachhaltigkeit selbstverständlicher – in der Kanzlei und beim Mandanten.

Das Programm hat inzwischen Schule gemacht, und die Düsseldorfer stellten es weltweit den anderen Büros der Kanzlei vor. Aber damit soll noch nicht Schluss sein. „Wir wollen im nächsten Schritt etwas von dem Prozess, den wir intern gestalten, auch an die Mandanten weiterreichen“, so Keding. Dass eine Kanzlei die Mandatsauswahl gänzlich nach ‚gut‘ und ‚böse‘ trifft, wird auch künftig nicht der Fall sein. Aber die zahlenden Mandanten können nicht nur Diversity-Quoten vorgeben, sondern auch Forderungen zur Nachhaltigkeit an Kanzleien stellen. Und Kanzleien, die als Berater Einfluss auf Verträge und die rechtliche Ausgestaltung von Projekten haben, können ebenfalls Veränderungen anstoßen. „Wenn ich etwas bewirken möchte, sind die großen Einheiten auf Kanzlei- wie Unternehmensseite oft diejenigen, die auch die großen Hebel in Bewegung setzen können. Diese Möglichkeit möchten wir als Kanzlei aktiv nutzen“, sagt Dr. Jens Ortmanns. Der 47-jährige Immobilienrechtler ist Managing-Partner des Düsseldorfer Büros von McDermott. Er selbst hat schon mal ein Mandat abgelehnt, weil er mit bestimmten Aktivitäten des Unternehmens nicht einverstanden war. Dies war aber eine persönliche Entscheidung, die ein Partner treffen kann. Für einen jungen Anwalt, der noch vor dem Sprung in die Partnerschaft steht, ist dies kaum möglich. „Als Berater können wir die Umstände verbessern. Die Ablehnung eines Mandats hilft da nicht weiter“, so Ortmanns.

In der Energiebranche sieht Clifford-Partner Heinlein den Marktentwicklungen und der wirtschaftlichen Kraft positiv entgegen: „In Deutschland haben wir das Glück, dass mit einer Tätigkeit im Erneuerbare-Energien-Sektor Gutes und Nützliches aktuell Hand-in-Hand gehen.“ Dennoch sollte sich ein junger Jurist immer darüber im Klaren sein, dass in einer global tätigen Wirtschaftskanzlei immer Mandate anfallen können, die nicht der eigenen Überzeugung entsprechen.

Dem Kipppunkt entgegen.

„Die Klimakrise bekommt glücklicherweise immer mehr Aufmerksamkeit in der breiten Gesellschaft. Aber es fehlt immer noch die erforderliche Reaktion auf allen Ebenen“, betont Paul Benson von ClientEarth. Springen Politik und Wirtschaft auf den Zug auf, ändert sich das Umfeld, in dem Kanzleien ihr Geld verdienen, noch etwas mehr. Die Masse kommt in Bewegung. Und wenn im Rechtsmarkt die junge Anwaltsgeneration ihre Stimme genauso für Nachhaltigkeit einsetzt, wie sie es schon für mehr Gehalt, mehr Work-Life-Balance oder mehr Diversity getan hat, dann ist vielleicht ein Kipppunkt in Sichtweite.