Magazin-Artikel
28.04.2021 | Autor/in: Johanna Heidrich

Die Welt retten: Pro-Bono-Arbeit von Kanzleien

Wirtschaftskanzleien sind profitorientiert und werden für gewöhnlich nicht mit gemeinnützigem Engagement in Verbindung gebracht. Mit Pro-Bono-Arbeit, der kostenlosen Tätigkeit für den guten Zweck, geben sie der Gesellschaft jedoch etwas zurück – auch weil Mandanten und Nachwuchsjuristen das immer lauter fordern.

M&A gepaart mit Mitgefühl: So könnte man das ‚Pro-Bono-Referendariat‘ beschreiben, das Kimberly Fischer Anfang September 2020 bei DLA Piper begann. Die ersten fünf Wochen ihrer neunmonatigen Anwaltsstation unterstützte die 26-Jährige das internationale Pro-Bono-Team in Brüssel. Danach lernte sie in der Corporate-Praxis am Frankfurter Standort den Alltag des Transaktionsgeschäfts kennen. „Dabei habe ich gesehen, dass es möglich ist, beides miteinander zu verbinden“, sagt Fischer. Ohne M&A gehe es natürlich auch nicht, denn damit verdiene die Kanzlei Geld, von dem am Ende einiges in die Pro-Bono-Arbeit fließe. ‚Pro bono publico‘ – so lautet die lateinische Wendung für ‚zum Wohle der Öffentlichkeit‘ – und meint die kostenfreie Tätigkeit von Anwälten für Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Stiftungen oder Privatpersonen.

International vernetzt.

Für diese Art von Mandanten arbeitete auch Fischer. In Brüssel etwa verfasste sie gemeinsam mit einem DLA-Anwalt eine rechtliche Stellungnahme zum geplanten EU-Migrationspakt, die sie verschiedenen NGOs zur Verfügung stellten. Zudem unterstützte sie europäische Organisationen, die sich für den Schutz von Frauen einsetzen oder von Gefangenen, denen die Todesstrafe droht. Darüber hinaus spielte Netzwerken eine wichtige Rolle: „Ich habe sehr viel telefoniert“, erinnert sich Fischer. Denn in Brüssel laufen viele Fäden zusammen. Die DLA-Anwälte koordinieren von dort aus die Zusammenarbeit mit Pro-Bono-Teams in anderen Ländern.

Auch neue Pro-Bono-Mandate, wie die Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, stieß Fischer während des Referendariats an. „Da geht es manchmal nur um kleine Rechtsfragen, zum Beispiel ‚Wie beantrage ich einen Führerschein, wenn ich keinen festen Wohnsitz in Deutschland habe?‘“. Zusammen mit NGOs wie dem Migrantinnen-Netzwerk Bayern organisierte sie außerdem die Seminarreihe ‚Know Your Rights‘, bei der Migranten die Grundlagen des deutschen Rechts kennenlernen. Dafür können sie an Kursen von DLA-Anwälten zu Themen wie Arbeits- oder Wohn- und Mietrecht teilnehmen.

Pro Bono bei DLA Piper: Referendarin Kimberley Fischer und Mathias Schulze Steinen wünschen sich, dass noch mehr Juristen den guten Zweck unterstützen.

Genau wie DLA Piper setzen sich auch andere Kanzleien für das Gemeinwohl ein, indem sie auf Honorare verzichten. „Pro-Bono-Arbeit gewinnt in Deutschland enorm an Bedeutung“, sagt Dr. Peter Braun (49), Partner der Praxisgruppe Öffentliches Wirtschaftsrecht bei Dentons und Vorstandssprecher des Vereins Pro Bono Deutschland. Das Konzept stammt aus den USA, denn anders als hierzulande kann dort niemand auf staatliche Beratungs- oder Prozesskostenhilfe zurückgreifen. Das bedeutet, dass viele Menschen und Organisationen ihre Rechte wegen hoher Anwaltskosten nicht geltend machen können. In den USA hat es sich über die Jahre entwickelt, dass Kanzleien diese Mandate kostenlos übernehmen. Es gehört dort mittlerweile zum guten Ton.

Exportschlager.

Kanzleien mit angloamerikanischen Wurzeln wie DLA Piper haben Pro-Bono-Arbeit längst auch in Deutschland etabliert. Im Frankfurter Büro arbeitet mit Dr. Mathias Schulze Steinen (54) ein zentraler Pro-Bono-Partner. Er koordiniert die Mandatsanfragen mit seinen internationalen Kollegen und delegiert die Arbeit in die entsprechenden Praxisgruppen. „Eine Angelegenheit, bei der es um Steuerfragen geht, sollte auch bei einem Steuerrechtler landen“, sagt Schulze Steinen.

Die Aufgaben als Pro-Bono-Partner erledigt er allerdings nicht hauptberuflich, sondern neben seiner Tätigkeit als Partner in der Corporate-Praxis. Wegen ihrer Spezialisierung auf Corporate-Themen beim zweiten Teil ihrer Anwaltsstation stand er dort auch Fischer zur Seite.

Aber es sind nicht nur die US-Kanzleien, die sich Pro Bono engagieren. Deutsche Sozietäten wie Friedrich Graf von Westphalen (FGvW) setzen sich ebenfalls schon lange für das Gemeinwohl ein. „Wir haben uns schon immer gesellschaftlich engagiert und betrachten das als Selbstverständlichkeit“, sagt Dr. Barbara Mayer (56), Partnerin am Freiburger Standort der Kanzlei. Ob man das Pro Bono nennen und in großem Umfang bewerben wolle, sei jedoch eine andere Frage.

So arbeitet die Fachanwältin für Handels- und Gesellschaftsrecht bereits seit 27 Jahren bei FGvW und engagiert sich genauso lange bei der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Freiburger Barockorchesters. Das Orchester berät sie außerdem gesellschaftsrechtlich. „Bei uns ist das Engagement breit gefächert, Schwerpunkte sind Politik, Soziales und Kultur“, sagt Mayer. FGvW unterstützt Projekte und Veranstaltungen oder nutzt ihr Netzwerk anderweitig, um den Organisationen zu helfen. Zum Beispiel stehe FGvW der Initiative Futur F, die Frauen in Start-ups fördert, mit Kontakten und guten Ideen zur Seite. Im Gegensatz zu DLA Piper beschäftigt die Kanzlei jedoch keinen zentralen Ansprechpartner, der die Pro-Bono-Mandate ins passende Team weiterleitet. Stattdessen kümmern sich die Partner einzeln darum, dass die Arbeit jeweils bei der richtigen Person landet.

Schranken im Berufsrecht.

Dass die Arbeit zum Wohle der Öffentlichkeit in Deutschland häufig weniger koordiniert geschieht als bei den Kanzleien in Übersee, hat verschiedene Gründe. Einerseits setzen die Bundesrechtsanwaltsordnung und das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz der unbezahlten Tätigkeit von Anwälten hierzulande berufsrechtliche Grenzen. Das soll Mandanten vor Dumpingpreisen und einem Qualitätsverfall schützen, der damit einhergehen kann. Andererseits bietet der deutsche Staat Beratungs- und Prozesskostenhilfe, die sicherstellen sollen, dass sich jeder Rechtssuchende einen Anwalt leisten kann.

Pro Bono salonfähig machen: Mit dem Verein Pro Bono Deutschland hat Dentons-Partner Peter Braun eine Plattform für Austausch und Lobbyarbeit geschaffen.

Dadurch ist der Zugang zum Recht zwar für viele Akteure gesichert, aber nicht für alle. Sogenannte Non-Profit-Organisationen wie Vereine, Verbände oder Stiftungen profitieren nicht von der kostenlosen Rechtshilfe. „Da sie über eigenes Vermögen verfügen, erfüllen sie die Voraussetzungen dafür nicht. Sie müssten ihr Kapital erst aufgeben und sich verschulden, bevor sie Prozesskosten- oder Beratungshilfe beantragen können“, erklärt Dentons-Partner Braun. Diese Lücke will der Verein Pro Bono Deutschland schließen. Braun hat ihn 2011 gemeinsam mit Vertretern aus anderen Wirtschaftskanzleien gegründet. Mittlerweile sind darin mehr als 40 Mitglieder organisiert, von kleineren, deutschen Einheiten wie Winheller bis zu großen, internationalen Playern wie Allen & Overy.

Den Verein nutzen sie, um die Pro-Bono-Arbeit hierzulande zu professionalisieren. „In der Gründungsphase haben wir mehrere Monate über eine Definition für Pro Bono nachgedacht, denn bisher gab es die in Deutschland nicht“, sagt Braun. In der Definition hat der Verein auch festgehalten, dass freiwillige oder ehrenamtliche Arbeit durch Juristen nicht unter den Begriff Pro Bono fällt. Denn dadurch werde keine Mandatsbeziehung begründet, die unter den besonderen Schutz des Anwalt-Mandanten-
Verhältnisses fällt. Zudem war es den Gründern des Vereins wichtig, dass sie Anwälten, die sich auf Prozesskostenhilfe spezialisiert haben, nicht das Geschäft streitig machen: „Der Fokus auf Non-Profit-Organisationen sorgt dafür, dass wir deren Arbeit nicht kompromittieren.“

Mittlerweile ist Pro Bono Deutschland eine funktionierende Plattform für gegenseitigen Austausch, Lobbyarbeit und die gemeinsame Organisation von Veranstaltungen. Rechtsberatung leistet der Verein selbst allerdings nicht. Dafür arbeitet er mit der Organisation UPJ e.V. zusammen, die als Clearing-Stelle funktioniert. Das bedeutet, dass Non-Profit-Organisationen, die Rechtsrat benötigen, sich zunächst bei UPJ melden. Über einen regelmäßigen Newsletter erfahren interessierte Kanzleien von den Anfragen und können sich anschließend auf die Mandate bewerben.

Zeit statt Geld spenden.

„Wir könnten auch Geld spenden, stattdessen spenden wir Zeit“, fasst Braun die Philosophie der Kanzleien, die sich bei Pro Bono Deutschland organisieren, zusammen. Aber wieso tun sie das? Laut Braun erwartet die Öffentlichkeit immer mehr, dass Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen. Der Fachbegriff hierfür lautet Corporate Social Responsibility (CSR). Er meint die Verpflichtung von Unternehmen, sowohl sozial als auch ökologisch nachhaltig zu handeln. So erklärte etwa Zalando, seine Treibhausemissionen bis 2025 signifikant senken zu wollen. Und Volkswagen hat sich erst kürzlich eine neue Sozialcharta verordnet, mit der sich der Autobauer strengere Regeln für die Einhaltung von Menschenrechten an seinen globalen Standorten setzt.

Pluspunkt im Lebenslauf: Barbara Mayer, Partnerin bei Friedrich Graf von Westphalen, sieht gesellschaftliches Engagement als Ausdruck von Persönlichkeit.

Diese Denke fordern die Firmen auch von den Kanzleien, die sie mandatieren. „Unternehmen wie BASF spendeten in der Corona-Pandemie über 100 Millionen Masken. Wenn man sich dort als Panel-Kanzlei bewirbt, fragen sie natürlich: ‚Und was macht ihr?‘“, berichtet Braun. Wer erfolgreich Mandate akquirieren will, muss somit zunehmend auch sein soziales Gewissen unter Beweis stellen.

Ein weiterer Grund, warum sich immer mehr Kanzleien für den guten Zweck einsetzen, ist die Erwartungshaltung von Bewerbern. Eine neue, kritische Generation, die Engagement von ihrem Arbeitgeber einfordert. Referendarin Kimberley Fischer engagierte sich bereits während ihres Studiums bei der studentischen Rechtsberatung Pro Bono Heidelberg, die unter anderem Geflüchtete berät, sowie in der Hochschulgruppe von Amnesty International.

Beim Engagement von Kanzleien sieht sie noch Luft nach oben. „Ich finde, dass sich deutsche Juristinnen und Juristen mehr für soziale Zwecke einsetzen sollten. Das sollte bereits im Studium und in der Ausbildung anfangen. Da spielt gesellschaftliches Engagement bisher noch gar keine Rolle.“ Das Pro-Bono-Referendariat bei DLA war für sie deshalb ein Aha-Erlebnis. „Die Arbeit dort war das, was ich in der Ausbildung bisher immer vermisst habe.“

Pro Bono als Karrieretreiber?

Dass sich Berufsanfänger in Vorstellungsgesprächen vermehrt nach den gemeinnützigen Projekten von Dentons erkundigen, stellt auch Braun fest. Außerdem kämen viele junge Associates mit Vorschlägen für neue Pro-Bono-Initiativen auf ihn zu. Bei Braun können sie damit punkten. „Im Zweifel sind diejenigen, die Empathie und Einsatz für Pro-Bono-Projekte mitbringen, die engagierteren Anwälte.“ Diese Einstellung teilt man bei Friedrich Graf von Westphalen: „Gesellschaftliches Engagement ist Ausdruck der Persönlichkeit und deshalb bei uns ein wichtiger Pluspunkt im Lebenslauf“, sagt Barbara Mayer.

Einen ähnlichen Stellenwert als Karrieretreiber wie in den USA hat Pro-Bono-Arbeit hierzulande zwar noch nicht. Dort fordern viele Kanzleien, wie zum Beispiel Mayer Brown, sich bei der ‚Law Firm Pro Bono Challenge‘ selbst heraus. Sie verpflichten sich, mindestens drei Prozent ihrer abrechenbaren Stunden für Pro-Bono-Arbeit einzusetzen. Im Gegensatz dazu basiert die Arbeit für den guten Zweck bei Dentons, DLA oder FGvW viel mehr auf Freiwilligkeit. Die Stunden, die die Anwälte in Deutschland pro bono arbeiten, zählen dort noch nicht einmal als ‚billable hours‘, also Stunden, die die Kanzleien ihren Mandanten in Rechnung stellen können.

Innerlich motiviert.

Dennoch setzen die Kanzleien ihrer Belegschaft Anreize, sich gemeinnützig zu engagieren. Dentons berücksichtigt die geleisteten Pro-Bono-Stunden, wenn es darum geht, wie hoch der Bonus ausfällt oder wer befördert wird. Auch bei DLA zählen sie zu den Faktoren, die die Höhe des Bonus beeinflussen. Und bei FGvW wirkt sich die kostenlose Tätigkeit für den guten Zweck auf den Partner-Track aus: „Wenn ein Anwalt zum Partner aufsteigen will, ist auch Pro-Bono-Arbeit ein Mosaikstein auf dem Weg dahin“, sagt Mayer.

Bessere Karrierechancen spornen die Anwälte zwar an, aber längst nicht jeder lässt sich dadurch zu gemeinnütziger Arbeit bewegen. „Pro-Bono-Arbeit ist ein Special für diejenigen wie Frau Fischer, die daran ein zusätzliches Interesse neben der Mandatsarbeit haben“, meint DLA-Partner Schulze Steinen. Braun sieht das ähnlich: „Die Motivation muss von innen kommen. Ich kenne auch Kollegen, die würden immer eher einen Scheck schreiben, bevor sie pro bono arbeiten.“