Magazin-Artikel
25.06.2021 | Autor/in: Markus Lembeck

Ans Eingemachte: Der Weg zur Promotion

Eine Promotion verlangt den Kandidaten einiges ab. Viele Kanzleien bieten dafür ihre Unterstützung an. Aus Eigennutz, um gute Juristen an sich zu binden, aber auch aus Überzeugung.

„Geld sollte nicht die einzige Leitlinie sein, nach der man seinen Beruf auswählt.“ Für Fritz Stenger (28), der mit einem zivilrechtlichen Thema bei Prof. Dr. Wolfram Buchwitz in Würzburg promoviert, stehen die beruflichen und finanziellen Möglichkeiten seines Fachs gerade nicht im Vordergrund, ihn reizt das wissenschaftliche Arbeiten. Er teilt seine Zeit zwischen seiner Promotion und einer halben Stelle an Buchwitz‘ Lehrstuhl auf. Zum Pensum gehört pro Semester auch eine Lehrveranstaltung. Damit ist Stenger ganz zufrieden: „Anfang des Jahres war ich stark in die Lehre eingebunden. Die Gruppe von Studenten war relativ groß, und die Vorbereitung meiner Zoom-Vorlesung war mit einem hohen Aufwand verbunden.“ Die reinen Lehrstuhltätigkeiten wie Rechercheaufträge oder Korrekturlesen sind in der Regel nicht so zeitraubend, erzählt Stenger.

Zeit und Geld – das sind die beiden Faktoren, die viele Juraabsolventen im Blick haben, wenn sie über den Dr. jur. nachdenken. Zu viel Zeit zu investieren ist durchaus ein Problem für den Lebenslauf. Wenn man schon für Studium und Referendariat, selbst im Schnelldurchlauf, sieben Jahre aufbringt, wird die Strecke bis zum Geldverdienen lang. Wer dann zwei weitere Jahre mit einer Doktorarbeit verbringt, hätte in der Zeit vielleicht schon 200.000 Euro oder mehr verdienen können. Aber immerhin gewähren manche Arbeitgeber, speziell Wirtschaftskanzleien, Gehaltsaufschläge für promovierte Einsteiger.

Arbeit mit wissenschaftlichem Ertrag

Hält Kontakt: Wolfram Buchwitz betreut seine Doktoranden per Mail oder Videotelefonat, solange persönliche Treffen nicht möglich sind.

Und was ist eigentlich mit der Wissenschaft? Zeit und Geld, hin oder her. Für Buchwitz (41), den man vor etlichen Jahren auch als Anwalt Dr. Buchwitz bei der Kanzlei DLA Piper in Köln hätte erleben können, liegt in der wissenschaftlichen Tiefe die eigentliche Priorität: „Jede Doktorarbeit ist eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit, die Doktoranden müssen sich ernsthaft darauf einlassen und viel Zeit investieren. Auch für den Betreuer ist es viel Arbeit. Diesen Aufwand betreibe ich nur für interessante und wichtige Themen.“ Buchwitz hält regelmäßig Kontakt zu seinen Kandidaten, persönlich oder coronabedingt per Videotelefonat.

Er tippt auch schon mal eine freundliche E-Mail, wenn die Pausen im Austausch mit ihnen zu groß werden. „Mir ist sehr bewusst, dass es für die Doktoranden das erste Buch ist, das sie schreiben. Keiner ist dabei vor Durchhängern und inhaltlichen Fehlansätzen gefeit. Es gehört zur wissenschaftlichen Arbeit dazu, auch einmal Irrwege einzuschlagen, die man dann erkennt und korrigiert.“ Die von Buchwitz betreuten Promotionen haben ein gewisses Spektrum, auch die Rechtsgeschichte gehört zu seinem Lehrstuhl.

Wer ein rechtshistorisches Thema auswählt, braucht im Allgemeinen ein Jahr länger als die anderen, weil er sich in die spezielle Methodik einarbeiten muss. Wer sich nicht Vollzeit auf die Promotion einlassen kann, der sollte mit anderthalb bis zwei Jahren rechnen. CMS Hasche Sigle zum Beispiel hat in Stuttgart ein lange erprobtes Doktorandenprogramm für Absolventen nach dem Zweiten Examen. Das CMS-Programm veranschlagt bis zum Abschluss der Dissertation 18 bis 24 Monate bei zwei Tagen Rechtsanwaltstätigkeit pro Woche. Zahlreiche Partner der Kanzlei haben das Programm absolviert und sind danach bei CMS geblieben.

Zwölf Monate reichen?!

Doch das Promovieren geht mitunter schnell. Das verspricht zumindest die Stuttgarter Kanzlei Oppenländer, die seit rund 15 Jahren Volljuristen in ein Promotionsmodell aufnimmt. Es ist kühn auf zwölf Monate Dauer angelegt ist – dann, so der schon oft eingehaltene Plan, ist die Doktorarbeit fertig. Mit der gleichen Intensität promovieren, mit der ein Anwalt arbeitet, das ist der Kern dieses Plans: „Die Teilzeit-Promotion in Kanzleien ist vermutlich häufiger anzutreffen“, meint Dr. Florian Schmidt-Volkmar, Kartellrechtspartner bei Oppenländer. „Aber unsere Doktoranden sind Vollzeit mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt. Nichts soll sie ablenken, es wäre ein Tabubruch, sie während dieser Zeit auf Mandate anzusetzen.“ Oppenländer in Stuttgart zählt mehr als 40 Anwälte. Früher war eine abgeschlossene Promotion sogar eine formale Einstellungsvoraussetzung.

Schlüssel-Entscheidungen bei der Promotion

Zeitpunkt – Nach dem Ersten Examen? Oder nach dem Zweiten Examen, als Volljurist?

Thema – Karriereförderliches Thema suchen? Oder nach Neigung und wissenschaftlichem Interesse vorgehen?

Tempo – Teilzeit (mit Geldverdienen) oder Vollzeit (ohne Zeitverluste)?

Umfeld – Am Lehrstuhl arbeiten oder in einer Kanzlei/
Rechtsabteilung?

Obwohl das länger schon nicht mehr gilt, ist der Doktortitel dort hoch angesehen. Dr. Christina Koppe-Zagouras, Partnerin mit Schwerpunkt Gewerblicher Rechtsschutz, beschreibt den Wert einer Promotion: „Man beweist seine Ausdauer, kniet sich richtig in ein Thema hinein, und schafft so eine ganz besondere Vertiefung. So wird die eigene Arbeitsweise geprägt, und sicherlich schafft der Titel einen Vertrauensvorschuss bei Mandanten.“ Apropos Arbeitsweise: Die Teilnehmer des Promotionsprogramms sind als Rechtsanwälte angestellt, erläutert Koppe-Zagouras: „Sie arbeiten jeden Tag so lange und so gründlich wie ihre Kollegen – nur eben nicht in Mandaten, sondern an der Doktorarbeit. Das erzeugt eine gute, arbeitsame Atmosphäre, und die meisten schaffen es in einem Jahr.“

Und das ohne Qualitätsverluste für das Endprodukt. Denn zusätzlich zum akademischen Betreuer an der Hochschule stellt Oppenländer einen eigenen Betreuer ab. „Der Tutor im Promotionsmodell ist ein Sparringspartner und nimmt sicherlich Einfluss darauf, in welche Richtung ein Thema entwickelt wird.“ Laut Koppe-Zagouras kommen so fruchtbare Verbindungen zwischen Wissenschaft und Anwaltspraxis zustande: „Im Kartell- oder Vergaberecht zum Beispiel haben wir immer aktuelle, praxisnahe Fragestellungen vorschlagen können, die den Wert der Arbeit gesteigert haben.“

Konkurrenz der Betreuer

Etliche der Doktoranden, die Wolfram Buchwitz im Jahr 2021 an der Universität Würzburg betreut, sind für Kanzleien tätig, allerdings nicht bei Oppenländer. Buchwitz sieht die Universitäten und die Kanzleien durchaus in einer Art Konkurrenz um die Doktorarbeiten, obwohl natürlich die endgültige Betreuung der Projekte zwangsläufig an der Uni stattfinden muss. „Früher kannte man das vielleicht nur aus den naturwissenschaftlichen Fächern, dass es bei Promotionen eine Konkurrenz gibt zwischen der Universität und Unternehmen. Mittlerweile gibt es das auch bei uns Juristen.“

Christina Koppe-Zagouras

 

Sogar einige der großen Rechtsabteilungen sind gezielt auf der Suche nach Doktoranden mit geeigneten Themen, wie die azur100-Recherche zeigt: Audi unterstützt Promotionsvorhaben „on the Job“, BMW ermöglicht Volljuristen die Aufnahme in ein Doktorandenprogramm, sofern das Thema einen „für das Unternehmen wichtigen Themenbereich“ abdeckt. Es zeigt sich: Die meisten Unternehmen und Kanzleien wollen die Arbeitskraft der Doktoranden anzapfen.

Volle Konzentration: Bei Oppenländer sind die Teilnehmer des Promotionsprogramms als Anwälte angestellt, fokussieren sich aber auf die Doktorarbeit, berichten Christina Koppe-Zagouras und Florian Schmidt-Volkmar.

Buchwitz empfiehlt, bei einer Kanzleitätigkeit den Status des wissenschaftlichen Mitarbeiters. Die Einbindung in den Beratungsalltag habe eine starke Eigendynamik: „Wenn man als Rechtsanwalt mit Zulassung arbeitet, dann wird der Druck oft sehr groß, dass man sich voll in Mandaten engagiert – dann wird aus den vereinbarten zwei Arbeitstagen pro Woche schnell mehr, und die Doktorarbeit dauert entweder länger oder gerät ganz aus dem Blickfeld.“

Kein Wunder also, dass Oppenländer ihre Doktoranden abschirmt von der Mandatsarbeit. Es kann aber auch vorkommen, dass der Sog der Anwaltsarbeit die Doktorarbeit beflügelt. Buchwitz betreut gleich zwei Doktorandinnen, die sich für Kanzleien entschieden haben. Eine der Frauen hat mit ihrer sehr bewussten Auswahl genau die Symbiose von Arbeitsumfeld und Promotionsthema gesucht. Svenja Schmidt (28) hat schon an der Privathochschule EBS einen Master im Immobilienrecht erworben (Master in Business mit Schwerpunkt Real Estate und Kontaktstudium Immobilienökonomie), aber den juristischen Vorbereitungsdienst noch vor sich. „Eine Promotion außerhalb des Immobilienwirtschaftsrechts hätte ich wohl nicht begonnen. Mein Ziel ist es, mich auf dieses Gebiet zu spezialisieren.“ Die Idee für das Dissertationsthema ist im Rahmen des Masterstudiengangs entstanden.

Impulse eines Marktführers

Zwei bis drei Tage pro Woche: Svenja Schmidt arbeitet parallel zur Promotion in Teilzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Clifford Chance.

Arbeitspensum sind zwei bis drei Tage die Woche. „Die Kanzlei habe ich gezielt gesucht“, sagt sie selbstbewusst. „Insbesondere wollte ich einen Marktführer im Immobilienwirtschaftsrecht kennenlernen.“ Die Immobilienpraxis von Clifford Chance zählt mehr als 30 Anwälte, das JUVE Handbuch verzeichnet die Immobilienrechtler der Kanzlei in der obersten Rankinggruppe. Schmidt: „So erhalte ich gute Einblicke in die Praxis und kann besser einschätzen, welche Aspekte meines Dissertationsthemas besonders relevant und nicht ausschließlich theoretischer Natur sind. Auch die Arbeitsinhalte passen zu meiner Spezialisierung und sind nicht nur Hilfstätigkeiten, sondern in der Regel mandatsbezogen.“

Sie lobt die Förderung, die sie für ihr wissenschaftliches Arbeiten erfährt: „Es wird mir ermöglicht, meinen Arbeitsplatz und die Bibliothek zu nutzen sowie an den Programmen der Clifford Chance Academy teilzunehmen. Und meine Mentorin fragt regelmäßig nach, wie ich vorankomme.“ Dr. Kristina Jaeger ist die genannte Mentorin im Frankfurter Büro. Mit dem Promotionsthema, das die Eignung des Mietrechts als Fördermittel für energetische Sanierungen von Gebäuden untersucht, ist Schmidt nah dran an wirtschaftlich bedeutenden Fragestellungen.

Wirtschaftlich bedeutsam ist auch das, was Martina Buller (29) erforscht hat, die seit über einem Jahr als Vollzeit-Associate bei Shearman & Sterling in Frankfurt arbeitet. „Ich will in die Wirtschaft und nicht in die Wissenschaft“, erzählt sie. Nur: Ihre Promotion über sogenannte Mehrvertragsverfahren in der Schiedsgerichtsbarkeit passt inhaltlich so gar nicht zur anwaltlichen Beratungsarbeit im Bereich Akquisitionsfinanzierung/Leveraged Finance. „Im Moment macht mir Finance sehr viel Spaß“, sagt sie. Mehrere Finanzierungsdeals mit neunstelligem Euro-Volumen, die Shearman im vergangenen Jahr beraten hat, enthalten Bullers Namen in der Beraterliste. Die Doktorarbeit ist so gut wie fertig, zum Glück.

Promotion und Vollzeitjob

Wirtschaft statt Wissenschaft: Martina Buller von Shearman & Sterling promoviert zur Schiedsgerichtsbarkeit, obwohl sie anwaltlich im Bereich Akqusitionsfinanzierung tätig ist.

2019 hatte sie noch als Anwältin in Teilzeit gearbeitet und dabei drei Wochentage für Shearman reserviert. Die passende Sozietät hat sie proaktiv herausgefiltert: „Ich hatte selbst nach der richtigen Kanzlei gesucht, einfach einige angeschrieben und mit denen gesprochen. Die meisten wollten eher eine wissenschaftliche Mitarbeit, Shearman dagegen hat mir ein Modell geboten, bei dem ich als Teilzeit-Associate bereits als Anwältin arbeiten konnte, was mir sehr wichtig war. Ich wurde auch sofort voll eingebunden und es hat wunderbar funktioniert.“ Seit 2020 ist sie ‚normale‘ Associate mit vollem Arbeitspensum und vollem Verdienst. Sie stemmte die Promotion an den Wochenenden und im Urlaub. „Nach dem Ersten Examen zu promovieren kam für mich niemals infrage“, erzählt Buller, die 2018 ihr Zweites Staatsexamen ablegte. „Ich hatte die Befürchtung, viele Sachen bis zum Zweiten Examen schlicht zu vergessen und wollte deshalb erst das Pflichtprogramm hinter mich bringen.“ Doch sie sieht auch einen Nachteil ihres Zeitplans: „Wenn man anfängt, regulär zu arbeiten, ist es schon anstrengend, immer die nötige Disziplin aufzubringen für die Doktorarbeit.“

Doch auch eine enge Kanzlei-Einbindung hat ihre Vorteile. Für Buller ist die Unterstützung der Kanzlei viel wert – wie Svenja Schmidt lobt sie das Engagement der Mentoren aus der Partnerriege. Zuerst Dr. Esther Jansen und zuletzt Winfried Carli brachten sie dazu, die zur Verfügung stehende Zeit effizient und konzentriert zu nutzen. Nicht zu unterschätzen war das zwangsläufige Eintauchen in ein weitgehend englischsprachiges Arbeitsumfeld – so war auch die Lektüre der zahllosen Arbitration-Aufsätze in den internationalen Zeitschriften kein Problem.

Pluspunkte für die Uni

Buchwitz kennt einen wichtigen Pluspunkt für die Universität: „Ein Vorteil für Lehrstuhlmitarbeiter ist sicherlich unser enger Kontakt bei Rückfragen oder Hindernissen.“ Der Standort-Unterschied zwischen Kanzlei und Hochschule ist für die Doktoranden ansonsten nicht so groß. „Hier wie dort bekommt man einen eigenen Arbeitsplatz, hat seine Recherchemöglichkeiten und eine ordentliche Bezahlung. Die Ausstattung der Unis ist wirklich kein Nachteil – und wir haben auf jeden Fall die besseren Bibliotheken, würde ich sagen.“