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31.10.2019 | Autor/in: Eva Flick

Revisionsexperte im Strafrecht – Ali Norouzi im Porträt

Revisionsrecht gilt als juristisches Hochreck, an das sich die meisten Strafrechtler nicht herantrauen. Ganz anders Ali Norouzi. Er hat sich seinen Namen als Einzelkämpfer ­gemacht, ganz gegen seinen Willen. 

Dr. Ali Norouzis berufliches Leben besteht aus einem Davor und einem Danach. Dazwischen, der große Einschnitt, war ein Unfall. Heute, sagt Norouzi, wäre er ohne diesen Unfall ein anderer. Dabei stürzte nicht er selbst im September 2012, sondern sein Kanzleipartner Prof. Dr. Gunter Widmaier. Der Sturz ging tödlich aus. Er passierte an dem Tag, an dem die Kanzlei Widmaier Norouzi ihre neuen Büroräume in Berlin bezogen hatte. 250 Quadratmeter altehrwürdiger Altbau am Ku’damm, im Herzen des alten West-Berlins, eine Wagenladung Umzugskartons stapelte sich noch unausgepackt in den hohen, stuckverzierten Räumen. Weg aus Karlsruhe, dem alten Kanzleistandort, hinein in die Hauptstadt. Das hatte Norouzi aus privaten Gründen so gewollt. Als er Widmaier den Umzug vorschlug, rechnete er nicht damit, dass dieser zustimmen würde. Tat er aber.

Ali Norouz von Widmaier Norouzi

Experte im Revisionsrecht: Ali Norouzi von Widmaier Norouzi

Die  Kanzlei Widmaier Norouzi hat sich ganz dem Revisionsrecht verschrieben. Das heißt, die räumliche Nähe zum Bundesgerichtshof in ­Karlsruhe war kein Zufall. „Die Arbeitsweise des BGH hat sich aber verändert“, erzählt der 42-Jährige. „Früher ging viel mehr in die Revisionshauptverhandlung, heute entscheidet der BGH bei fast allen Angeklagtenrevisionen schriftlich.“ Revisionsanwälte wurden ortsunabhängiger, nach Karlsruhe müssen sie nur noch gelegentlich.
Norouzi kam während seiner Wahlstation 2008 in die Spezialkanzlei für Strafrechtsrevision von Gunter Widmaier, sie war damals noch Teil von Redeker Sellner Dahs & Widmaier. Zwei Jahre später machten sich Widmaier und Norouzi gemeinsam selbstständig. Norouzi wurde mit gerade einmal 33 Jahren Partner. „Aus heutiger Sicht war das zu früh“, meint er selbst dazu. Widmaier hatte eigentlich geplant, mit 75 Jahren langsam aufzuhören. Er verunglückte mit 73. In Revisionssachen galt er als Grandseigneur, genoss einen Ruf wie Donnerhall. Dass er einen so jungen Kollegen zum gleichberechtigten Partner machte, sorgte damals für Aufmerksamkeit. Für Norouzi selbst war Widmaier mehr als nur ein berufliches Vorbild. „Er war eher eine Vaterfigur, ein charismatischer Mentor“, beschreibt er den Mann, der ihn prägte.

Den Kostenberg drücken.
Aus dieser Konstellation ergab sich für Norouzi zwangsläufig, dass er in der zweiten Reihe stand – und dass ihm ohne Widmaier in der frisch eröffneten Kanzlei jegliche Unterstützung fehlte. Die Zeit nach dem Unfall war hart für ihn. Das ist dem Vater von drei Kindern heute noch anzumerken, wenn er davon spricht. „Ich habe einen Teil des Büros untervermietet, um den Kostenberg zu drücken“, erzählt er, „und gespart, wo es eben ging.“
Gottvertrauen hatte er damals und seelische Unterstützung durch seine Berufskollegen, die dem Einzelkämpfer wider Willen zur Seite standen. Beistand konnte er gut gebrauchen, denn im Revisionsrecht ist vieles anders als in den gewohnten Fachbereichen. Üblicherweise sind es die Kollegen aus den Instanzen, die die Fälle schicken. Mit Revisionsfällen will und kann sich längst nicht jeder beschäftigen, der Kreis der anerkannten Experten ist sehr überschaubar. Bei einer Revision geht es nämlich nicht darum, einen Fall neu aufzurollen, Beweise neu zu bewerten, sondern er spielt sich rein auf der juristischen Ebene ab, nach dem Motto: Finde den Fehler. Revi­sionsrechtler suchen nach juristischen Fehlern im Verfahren.

Drogendealer und Spargelbauern.
Das Revisionsrecht gilt als der anspruchsvollste Bereich des Strafrechts, als eine juristische Feinziselierung. „Das muss man mögen“, kommentieren Strafrechtler diese Spezialisierung gerne. Auf Norouzis Schreibtisch landen entsprechend Fälle, die unterschiedlicher kaum sein können. „Vom Drogenhändler bis zur Mutter, die ihren Säugling getötet hat“, sagt er. „Vom Spargelbauern, der die Versicherung betrogen hat, bis zum Dax-Vorstand oder Landesminister.“
Als Revisionsrechtler gehört Norouzi zu der kleinen Anwaltsgruppe, die ohne BGH-Zulassung trotzdem dort auftreten darf. Aber da das heute nur noch selten nötig ist, verbringt Norouzi den allergrößten Teil seiner Zeit in seinem Büro. Und so sieht es dort auch aus: Zwei Sofas über Eck, ein Kuhfell-Teppich liegt unter dem Glastisch, Parkettboden, die Flügeltüren zum kleinen Balkon Richtung Ku’damm sind weit geöffnet, Bücher stapeln sich auf dem Boden, im Regal und auf den Tischen, an den Wänden hängen Bilder.
Das Titelbild von Charlie Hebdo mit Mohammed und dem Schild „Je suis Charlie“ ist dabei und ein gerahmtes, großes Plakat mit der Aufforderung „Use your fucking brain“. Und genauso wenig wie dieses Büro aussieht wie ein übliches Anwaltsbüro entspricht Norouzi einem Anwaltsklischee. Mit seinem kurzärmeligen Hemd über der Hose, dem Armreifen aus Silber und den nackten Füßen sieht er vielmehr aus wie ein Schriftsteller, der an diesem heißen Sommertag über seinem neuesten Werk brütet.
Und so ähnlich ist auch das, was er tut. Denn es ist das Wissenschaftliche, das Norouzi, dessen Eltern aus Persien stammen und der in Darmstadt aufgewachsen ist, an seiner Arbeit mag. „Ich kam vom Lehrstuhl“, erzählt er. „Der Übergang von der Wissenschaft zum Revisionsrecht ist fließend.“ Immerhin fünf Jahre – von 2003 bis 2008 – war er am Lehrstuhl für Europäisches Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Tübingen. 2007 wurde er promoviert mit einer Arbeit zum transnationalen Beweis im Strafverfahren.
Dann verbrachte er die Anwaltsstation bei Michael Rosenthal, einem früheren Sozius Widmaiers, und so nahm die Karriere Richtung Revisonsrecht ihren Lauf. „Sie war von vielen Zufällen abhängig“, sagt Norouzi. Denn üblicherweise bleiben die meisten nur zwei oder drei Jahre in einer Revisionsrechtskanzlei, weil Hauptverhandlungen so selten sind und es die Jüngeren entsprechend schwer haben, sich einen Namen zu machen.

Enthusiastische Studenten.
Norouzi hat das heute längst geschafft. Berufskollegen singen wahre Lobeshymnen auf ihn. Sie beschreiben ihn als „herausragend“, als „den Besten“ und seine Revisionen als „brillant“. Der Wissenschaft blieb er trotzdem treu. Er hat einen Lehrauftrag an der Humboldt-Universität in Berlin und hält Vorlesungen zum Strafprozessrecht. „Mir gefällt die Diskussion mit den Studenten“, meint er. „Sie sind oft noch so enthusiastisch. Bei mir selbst stelle ich nach zehn Jahren durchaus eine gewisse Ernüchterung fest.“
Für den Einstieg bei Widmaier – vom ihm hängt heute ein großes Porträt in der Bibliothek – ist Norouzi dankbar, auch weil die Fälle häufig so hochkarätig waren. „Ich hatte Sachen als wirklich junger Anwalt auf dem Tisch, mit denen manche in ihrem gesamten Berufsleben nicht in Berührung kommen“, resümiert er. Es sei eine Art Aufwachsen mit dem goldenen Löffel gewesen, der Unfall Widmaiers dagegen ein Schlag für sein eigenes Leben. Doch im Rückblick auch stärkend. Wie ein Bad im Drachenblut. Und wenn er so erzählt, klingt er tatsächlich wie ein Schriftsteller.

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