Magazin-Artikel
21.05.2019 | Autor/in: Helena Hauser

Wo bitte lern ich Legal Tech?

Die Rechtsberatungsbranche arbeitet daran, sich zu digitalisieren. Junge, technikaffine Nachwuchsjuristen spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein Legal-Tech-Lehrbuch gibt es (noch) nicht, dafür aber viele unterschiedliche und spannende Angebote, um die digitale Zukunft mitzugestalten.

Bringen Legal Tech an die Uni: Maria Petrat (li.) und Leah Becker gründeten MLTech in München.

Ravn (8), Leverton (7) und Evana (4) heißen die Kleinen. Wer jetzt an Kinder denkt, deren Eltern ein bisschen zu kreativ bei der Namensgebung waren, liegt falsch. Es sind drei unter vielen Legal-Tech-Anwendungen, die die Rechtsberatung revolutionieren wollen: Mittelfristig sollen sie die Arbeit von Anwälten ganz oder zumindest teilweise übernehmen.

Selbst wenn der digitale Anwalt noch Zukunftsmusik sein mag, ist schon jetzt klar: Rechtsrat wird immer mehr zum ­industrialisierten Prozess, der sich in kleine Schritte zerlegen und digitalisieren lässt. ­Managementaufgaben, Rechnungsstellung und Due Diligences bei Immobilientransaktionen – Legal-Tech-Programme wie Leverton können das übernehmen und tun es bereits: Ihr Einsatz gehört in vielen Kanzleien und Rechtsabteilungen schon heute zum Alltag. Das hat auch finanzielle Gründe: Dadurch, dass ein Computer die Arbeit erledigt, können die Kanzleien eine kostengünstigere Gesamtleistung anbieten.

Künstliche Intelligenz

Doch die Möglichkeiten von Legal Tech hören nicht bei der Digitalisierung von Standardarbeiten wie Rechnungsstellung oder Due Diligence auf, sondern fangen dort erst richtig an: Ravn, Leverton oder Evana bauen bereits auf künstlicher Intelligenz auf. Auch wenn die Programme von Menschen angelernt werden müssen, können sie selbst Sinnzusammenhänge feststellen und sind lernfähig.

Allerdings steckt der Einsatz von künstlicher Intelligenz noch in den Kinderschuhen. Das Potenzial ist längst nicht gehoben – und das Angebot an Legal-Tech-Experten mehr als überschaubar. Denn als Digitalisierungsexperte verlassen die wenigsten angehenden Juristen die Universität. Und auch während des Referendariats steht Legal Tech nur selten auf dem Ausbildungsplan. Das Zukunftsthema ist nicht examensrelevant und wird deshalb weder von Unis noch von Studenten mit viel Aufmerksamkeit bedacht.

Daran muss sich etwas ändern, finden die Jura-Studentinnen Maria Petrat (23) und Leah Becker (23). „Legal Tech ist in der Kanzleiwelt bereits ein wachsendes Thema – in der Uni bekommt man davon aber so gut wie nichts mit“, erzählt Becker. Becker und Petra sind beide Vorsitzende und ­Mitglieder der ersten Stunde von MLTech in München. Die 2017 gegründete studentische Vernetzungsinititative will mit Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops rund um Legal Tech den interdisziplinären Austausch fördern.

„Wir waren damals eine kleine Gruppe von Studenten, die das Thema Legal Tech interessant fanden. Die Uni hatte dazu aber nichts im Angebot – deshalb haben wir MLTech gegründet“, ­berichtet Petrat. „Wir wollen Studenten die Möglichkeit geben, sich mit Legal Tech auseinanderzusetzen, zu verstehen, was es ist und wie es funktioniert“, ergänzt Becker. Stolz sind die beiden auch darauf, dass sie fast ebenso viele weibliche wie männliche Mitglieder haben. „Informatik und Programmieren ist oft noch eine Männerdomäne – Legal Tech als Ganzes aber nicht“, finden die beiden.

Die Angebote von MLTech sollen Studenten auch auf ihren Start ins Berufsleben vorbereiten: „Legal Tech hat sich in den letzten Jahren sehr schnell entwickelt. Wenn wir als Studenten in ein paar Jahren ins Berufsleben starten, wird der Einsatz von Legal Tech noch viel stärker zum Arbeitsalltag gehören – und wir müssen damit umgehen können“, meint Petrat. Dabei gehe es nicht zwangsläufig darum, selbst programmieren zu können. Viel wichtiger sei interdisziplinäres Denken und Kommunizieren. „Verstehen, wo und wie man Legal Tech einsetzten kann, um dann den Informatikern erklären zu können, wie die Legal-Tech-Anwendung aussehen soll – das ist wichtig“, sagt Petrat. Momentan arbeiten die Studenten von MLTech an einem Thesenpapier, in dem es darum geht, dass das Studium an die Digitalisierung angepasst werden sollte.

„Informatik und Programmieren ist oft noch eine Männerdomäne - Legal Tech als Ganzes aber nicht.“

Das Thesenpapier erarbeiten die Münchner zusammen mit anderen studentischen Initiativen. Mit dabei ist auch das Frankfurter Legal Tech Lab. Ähnlich wie bei MLTech können Studenten hier mit neuen Technologien experimentieren, sich austauschen und an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen. Mitgegründet hat den Frankfurter Tech Lab Lara Hucklenbroich (22), Jura-Studentin an der Uni Frankfurt. Auch für sie ist der interdisziplinäre Ansatz wichtig: „Bei uns im Legal Tech Lab engagieren sich nicht nur Jura-Studenten, sondern auch Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler“, erzählt sie. Und das sei wichtig, weil Legal Tech so viel mehr Komponenten habe als Jura.

Hat das Frankfurter Legal-Tech-Lab mit ins Leben gerufen: Lara Hucklenbroich, Jura-Studentin an der Uni Frankfurt.

Wie in München ist auch das Verhältnis von Männern und Frauen im Frankfurter Tech Lab ziemlich ausgeglichen. Bei den meisten Legal-Tech-Veranstaltungen oder Wettbewerben sei das leider noch nicht so, erzählt Hucklenbroich. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die hohe Männer­quote im IT-Bereich auch dazu beiträgt, dass sich manche Frauen von der technischen Legal-Tech-Komponente nicht besonders angesprochen fühlen“, meint sie. „Das ist schade, zumal es ein Vorurteil ist, dass jeder, der sich mit Legal Tech beschäftigt, auch programmieren können muss.“ Umso wichtiger sei es deshalb, dass Studenten schon an der Uni die Möglichkeit haben, mit dem Thema Digitalisierung in Berührung kommen, findet Hucklenbroich.

Legal Tech kommt langsam an die Unis

Ganz so rar gesät wie vor ein paar Jahren sind auch die originären Legal-Tech-Angebote der Unis mittlerweile nicht mehr. Immerhin haben einige Hochschulen damit begonnen, Vorlesungen oder Veranstaltungen zu dem Thema anzubieten, teils in Kooperation mit den Legal-Tech-Initiativen vor Ort. An der Uni Frankfurt gibt es ‚Legal Tech für Einsteiger‘ und sogar ein Tutorium ‚Coding for law students‘, die beide von dem Frankfurter Legal-Tech-Lab initiiert wurden. An der Uni Magdeburg gibt es eine Veranstaltung zu ‚Digitalisierung der Rechtswissenschaft: Studium, Examen und Beruf‘ und in Passau eine Ringvorlesung zu Legal Tech.

Und auch in manchen Law Clinics – das sind meist an die Unis gekoppelte Einrichtungen, in denen Studenten pro bono und unter der Anleitung von Professoren oder Praktikern an konkreten Fällen arbeiten können – wird der Einsatz von digitalen Tools geprobt. Wie alltagstauglich und hilfreich der Einsatz von Legal-Tech-Software ist, testen momentan die Studenten der Berliner Law Clinic: Sie binden die Software Bryter ein, um mehr Fälle gleichzeitig bearbeiten zu können. Mit Bryter lässt sich unter anderem ein Fragenkatalog für Mandanten erstellen, um Teile der Rechtsberatung zu standardisieren – das spart Zeit.

Auf die Plätze, fertig, los!

Legal-Hackathons veranstalteten im letzten Jahr u.a. Baker & McKenzie, Freshfields und Hogan Lovells.

Die Teilnehmer: Jura- und IT-Studenten, Referendare und Doktoranten. Programmierkenntnisse müssen nicht alle haben.

Die Teams: Die Teilnehmer treten in kleinen Teams an. In den Teams sind neben Studenten meist auch Programmierer, erfahrene Anwälte oder Inhouse-Counsel.

Die Software: Es gibt verschiedene Programme, die bei einem Hackathon genutzt werden können. Bei dem Freshfields-Hackathon entwickelten die Teilnehmer die Apps unter anderem mit den Drag-and-drop-Werkzeugen des Softwareentwicklers Neota Logic.

Die Aufgabe: Die Teilnehmer haben ein bestimmtes Zeitfenster, um eine eigene Idee für ein Legal-Tech-Tool oder eine Legal-App zu entwickeln, sie dann zu programmieren und der Jury zu präsentieren. Bei Hogan Lovells hatten die Studenten 30 Stunden Zeit, bei Freshfields zwei Tage.

Das Thema: Unterscheidet sich von Hackathon zu Hackathon. Bei Baker & McKenzie war die Aufgabe, Legal-Tech-Tools zur Optimierung, Steuerung und Abwicklung von komplexen M&A-Prozessen zu entwickeln. Eine Anwendung, die anzeigt, in welchen Fällen Datenschutzverstöße den Behörden gemeldet werden müssen, gewann beim Hogan Lovells-Hackathon den 1. Preis.

Legal Tech als Türöffner

Ein Einstellungskriterium ist Legal Tech momentan noch bei den wenigsten Kanzleien, was auch daran liegen mag, dass kaum Berufseinsteiger Experten auf diesem Gebiet sind oder überhaupt sein können. Das könnte sich aber ändern, wenn Unis das Thema mehr und mehr in ihre Lehr­pläne aufnehmen. So oder so, wer bereits heute Legal-Tech-Erfahrung mitbringt und sich mit dem Thema beschäftigt, tut etwas für seine Zukunft. „Wer sich mit Legal Tech auskennt, hat einen Wettbewerbsvorteil“, findet Leah Becker. Und hat dadurch bei Bewerbungsgesprächen nicht selten einen Fuß in der Tür.

Neben Universitäten und universitätsnahen Initiativen gibt es für Studenten auch in einigen Kanzleien die Möglichkeit, etwas über Legal Tech zu lernen. Denn: Für Kanzleien sind der technik­affine Nachwuchs und die sogenannten ‚Digital Natives‘ wichtig, weil vielen älteren Partnern die Berührungspunkte und die Einsicht ins Thema fehlen. Indem Kanzleien schon bei den Studenten anfangen, das Thema Legal Tech zu platzieren, investieren sie in die Zukunft.

Um die begehrten technikaffinen Juristen möglichst früh für sich zu gewinnen, veranstalten Kanzleien wie Hogan Lovells, Baker & McKenzie und Freshfields Bruckhaus Deringer Legal-Tech-Wettbewerbe für Studenten – sogenannte Hackathons (Auf die Plätze, fertig, los!). Ziel solcher Wettbewerbe, die eigentlich aus der Finanz- und Informatikbranche bekannt sind, ist es, innerhalb einer bestimmten Zeit in kleinen Teams innovative digitale Tools zu entwickeln, um juristische Probleme zu lösen. Mit dabei und sogar unter den Gewinnern beim Hogan Lovells-Wettbewerb war auch Petrat von MLTech. „Es war spannend selbst auszuprobieren, wie Legal Tech in der Praxis funktioniert“, erzählt sie. „Das Schöne an Legal Tech ist auch, dass man kreativ sein kann, gerade weil noch unklar ist, was Legal Tech alles kann.“

Am Ende eines Hackathons gewinnt dann das Team mit dem überzeugendsten Ergebnis. Doch gewinnen ist dabei nicht alles. Es geht auch darum, sich zu vernetzten, die Kanzlei kennenzulernen und selbstständig eine Legal-App zu entwickeln. Bei Freshfields konnten im vergangenen Sommer 36 junge Juristen beim kanzleiinternen ‚Legal ­Hackathon‘ zwei Tage lang an ihren Legal-Service-Anwendungen basteln, die eine komplexe Rechtsfrage lösen sollten.

Dass das Konzept funktioniert, zeigten die Ergebnisse des Wettbewerbs: Eine App der Hackathon-Teilnehmer hilft zum Beispiel herauszufinden, ob eine Joint-Venture-Transaktion nach deutschem Fusionskontrollrecht anmeldepflichtig ist. Mit im Team für die Kartellrechts-App war auch Hucklenbroich vom Tech Lab in Frankfurt. „Beim Hackathon wurde es für uns noch mal deutlicher, wie wichtig und praxisrelevant Legal Tech ist,“ erzählt sie.

Sich gezielt mit Legal Tech beschäftigen können aber nicht nur Studenten, sondern auch ­Associates. Eine entsprechende Arbeitsgruppe hat mittlerweile fast jede größere und auch einige kleinere Kanzleien, keiner will den Anschluss verlieren. Oft sind es hier die jungen Anwälte, die den Ton angeben. Für den technikaffinen Nachwuchs bietet das die Möglichkeit, vorne mit dabei zu sein und die digitale Zukunft mitzugestalten.

Pionier-Arbeit: Als Innovation Ambassador bei Baker & McKenzie weiß Valesca Molinari, wie wichtig Legal Tech ist.

Neben Freshfields sind es Kanzleien wie Link­laters, Baker & McKenzie oder Clifford Chance, die sich intensiv mit dem Thema befassen. Eine der jungen Anwältinnen, die bei Legal Tech vorn mit dabei ist, ist Dr. Valesca Molinari (34), Associate im Bereich M&A bei Baker & McKenzie. „Nach meinem Einstieg bei Baker war schnell klar, dass ich mich auch als Associate mit Legal Tech und Innovation einbringen kann“, erzählt sie. „Zum Beispiel hatte ich mich mit verschiedenen Legal-Tech-Tools beschäftigt und gemeinsam mit einer Kollegin eine Lecture in unseren Büros durchgeführt: Wir haben verschiedene Technologien und Anwendungsfälle vorgestellt und diskutiert.“ Wer bei Baker als Associate Interesse an Legal Tech hat, kann sich mit seiner Idee zum Beispiel als Mitglied im ‚Associate Innovation Incubator‘ oder als ‚Innovation Ambassador‘, eine Art Innovationsbotschafter für das Thema Legal Tech, engagieren.

Dass Legal Tech jungen Anwältinnen die Möglichkeit gibt, die Zukunft mitzugestalten, hat auch Molinari erlebt: Sie ist mittlerweile unter anderem als ‚Associate Co Head of Innovation‘ bei Baker, hat den ‚Associate Innovation Incubator‘ mit ins Leben gerufen und bei der Entwicklung von ‚ReInvent‘ eine tragende Rolle gespielt. Seit dem Sommer 2018 arbeiten in dieser digitalen Ideenschmiede mit Start-up-Charakter Juristen, Technologiespezialisten und Unternehmen gemeinsam an praxisorientierten Ideen für digi­tale Lösungen und Arbeitsprozesse.

„Wer sich jetzt mit Legal Tech beschäftigt, kann schnell Verantwortung übernehmen. Der Bereich ist allgemein noch nicht so etabliert und entwickelt sich schnell. Er bietet jungen Anwälten die Chance, mit Partnern, General Counsel und wichtigen Mandaten auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen, unabhängig von der Seniorität und Berufserfahrung im klassischen Anwaltsbereich“, erzählt Molinari. Der Arbeitsalltag wird sich mit Legal Tech weiter verändern, da ist sich auch Molinari sicher. Vor allem für angehende Anwälte sei es deshalb wichtig, nicht die Augen davor zu verschließen: „Legal Tech ist das Thema der Stunde. Von Anfang an dabei zu sein, ist eine Chance, die Nachwuchsjuristen unbedingt nutzen sollten.“

Juristen, keine Programmierer

Auch bei Freshfields gibt es seit mehr als einem Jahr eine internationale Gruppe von Associates, die mit Ideen rund um das Thema Legal Tech und Digitalisierung experimentieren. Programmierkenntnisse braucht man dafür nicht – nur wenige Anwälte, die mit dem Thema befasst sind, können auch selbst programmieren. In der ‚Associate Innovation Group‘ von Freshfields arbeiten die jungen Anwälte an neuen Prozessen, um kanzleiinterne Arbeitsabläufe zu optimieren. Neben der Digitalisierung der eigenen Arbeit entwickeln die Associates auch Tools und Apps, die die Mandanten nutzen können. Zum Beispiel basteln die ­Associates gemeinsam mit den Programmierern an einer digitalen Datenbank für Mandanten.

Aber auch abseits von Legal-Tech-Arbeitsgruppen haben junge Anwälte in Kanzleien viele Möglichkeiten zu experimentieren: Bei Linklaters etwa steht für alle Interessierten ‚Coding for Lawyers‘ auf dem Ausbildungsplan. Die Anwälte erarbeiten sich Grundkenntnisse im Programmieren und können dabei Ideen für mögliche Legal-Tech-Anwendungen entwickeln.

Baker hat mit ‚ReInvent‘ sogar einen extra Raum für kreative Ideen geschaffen. Hier gibt es für die Associates auch regelmäßig interne Seminare zu Legal-Tech-Tools, ihren Anwendungsfällen und den Marktentwicklungen, wie Molinari berichtet: „Im Legal Innovation Hub Reinvent können alle neue Ideen einbringen und gemeinsam neue Produkte entwickeln.“

Ähnliche Initiativen haben Clifford Chance und Freshfields gestartet: Freshfields steigt bei dem Technologie- und Innovationszentrum ­Factory Berlin ein, um dort mit einem Team aus Juristen und Technologieexperten an Ideen zur digitalen Entwicklung zu arbeiten. Clifford ­Chance hat eine Tochtergesellschaft gegründet, um mit Softwareanbieter Evana neue technologische Lösungen zu erarbeiten. Auch hier arbeiten junge Juristen an vorderster Front mit.

Associates sind einfach die besseren Legal-Tech-Anwälte, hört man nicht selten von Partnern. Möglichkeiten und gute Chancen, etwas zu bewegen, gibt es viele für den interessierten Nachwuchs. Wer sie nutzen will, muss aber ­Eigeninitiative zeigen. Denn ein Legal-Tech-Lehrbuch gibt es noch nicht.