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01.03.2018 | Autor/in: Mathieu Klos

OLG-Präsidentin: „Junge Juristen müssen ihr Wissen besser vermitteln“

Niemand steht so lange an der Spitze eines Oberlandesgerichts wie Anne-José Paulsen. Vor 16 Jahren wurde die heute 65-Jährige Präsidentin des OLG Düsseldorf – nun geht sie in den Ruhestand. azur sprach mit ihr über Karrieren und Reformen in der Justiz, die Vorteile der Schiedsgerichtsbarkeit und Hausaufgaben für junge Juristen.

azur: Frau Paulsen, neun von 24 OLG-Präsidenten sind Frauen, das ist keine berauschende Quote.

Paulsen_Anne-JoséAnne-José Paulsen: Naja, das ist doch mehr als ein Drittel und gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass das Kollegium der OLG-Präsidenten vor nicht allzu langer Zeit noch eine reine Männerrunde war! Schnellere Veränderungen sind auch nicht zu erwarten, denn um OLG-Präsident oder OLG-Präsidentin zu werden, bedarf es schließlich eines gewissen Lebensweges. Die Entwicklung weist aber in die richtige Richtung: In den meisten OLG-Bezirken liegt heute der Anteil der Richterinnen zwischen 50 und 60 Prozent, auch hier in Düsseldorf. Dieser Frauenanteil wächst durch die verschiedenen Beförderungsstufen mittelfristig auch in die Führungsebene. Aber auch bei den Führungskräften liegt der Frauenanteil hier im OLG-Bezirk schon bei 40 Prozent. Insoweit bietet die Justiz Frauen Karrierechancen, die in Wirtschaft und Gesellschaft durchaus nicht selbstverständlich sind. Kurzum: Ich finde neun Frauen im Kollegium der OLG-Präsidenten eigentlich schon ganz beachtlich.

Zwar studieren heute mehr Frauen Jura, doch insgesamt hat die Richterschaft nicht mehr den Zulauf wie noch vor zehn Jahren. Warum?

Natürlich merken auch wir, dass nicht mehr so viele Bewerber und Bewerberinnen auf dem Markt sind. Wir haben insgesamt weniger Juristen – und vor allem weniger Juristen, die das zweite Staatsexamen ablegen. Das sind heute rund 30 Prozent weniger als vor zehn Jahren. Gleichzeitig konkurrieren wir mit den großen Wirtschaftskanzleien um das oberste Drittel eines Jahrgangs mit zwei mindestens vollbefriedigenden Examina. Und auch wenn Geld nicht alles ist: Die Großkanzleien sind bereit, hohe Gehälter für ihren Nachwuchs zu zahlen.

Auch in puncto Internationalität der Arbeit kann ein deutsches OLG den großen Wirtschafts­kanzleien nicht das Wasser reichen.

Doch, das können wir sehr wohl! Nehmen Sie zum Beispiel unsere Patentstreitkammern und -senate. Weltumspannende Sachverhalte und der Kontakt mit internationalen Konzernen sind gang und gäbe. Das gilt entsprechend auch für die Richter der Kammern und Senate, die mit Kartellschadensersatzverfahren befasst sind. Es ist außerdem durchaus üblich, dass Kollegen internationale Konferenzen besuchen. Zuletzt reisten einige Kollegen – auch ich – nach China, um in mehreren Großstädten Gerichte für den Schutz geistigen Eigentums zu besuchen. Wir haben also eine Menge internationaler Berührungspunkte. Ich denke außerdem, dass wir künftig auch Richter benötigen, die Verfahren auf Englisch führen können.

Ein Internationalisierungsprojekt könnte ein Commercial Court sein, den die Anwaltschaft kürzlich ins Spiel gebracht hat. Dabei würden Eingangskammern an großen OLGs eingerichtet, letzte Rechtsmittelinstanz wäre der BGH. Eine gute Idee?

Aktuell müssen die Parteien selbst bei sehr hohen Streitwerten und sehr komplexen Verfahren bei den Landgerichten beginnen, um dann im Rechtsmittelweg über das Oberlandesgericht zum BGH zu gelangen. Für solche Verfahren könnte es sinnvoll sein, eine erstinstanzliche Zuständigkeit bei einigen wenigen großen Oberlandesgerichten mit wirtschaftserfahrenen Richtern zu schaffen. Der BGH wäre dann die letzte Instanz, um eine Rechtsvereinheitlichung zu schaffen. Das könnte auch im Hinblick auf die Verfahrensdauer im Vergleich zur Schiedsgerichtsbarkeit ein attraktives Angebot sein.

Was können staatliche Gerichte von den privaten lernen?

Eine ganze Menge. Zum Beispiel die Art und Weise, wie gute Vorsitzende große Verfahren vorstrukturieren, mit den Parteien in zeitlicher Hinsicht abstimmen und Weichen für die Verhandlung stellen. In Schiedsverfahren ist es zum Beispiel selbstverständlich, große Beweisaufnahmen in einer Woche am Stück zu verhandeln.

Was würden Sie in der Juristenausbildung ändern?

Ich glaube gar nicht, dass man da viel ändern muss. Wichtig ist, dass der deutsche Volljurist, von dem ich sehr viel halte, die „Grundrechenarten“ beherrscht. Wir brauchen, ebenso wie die Anwaltskanzleien, junge Leute mit einem großen Grundwissen, die darauf aufbauend alles andere lernen können.

Es fehlt Ihnen wirklich nichts?

Doch. Die jungen Leute könnten früher lernen, über ihr Fachgebiet interessant und allgemeinverständlich zu sprechen, um andere neugieriger zu machen. Diese wertvolle Fähigkeit beherrschen viel zu wenige.

Das Gespräch führte Mathieu Klos. Das vollständige Interview in der Ausgabe 4/2018 von ‚JUVE Rechtsmarkt‘.