Magazin-Artikel
10.11.2017 | Autor/in: Stephan Mittelhäuser

Robe statt Dreiteiler: Der wenig glamouröse Arbeitsalltag der Staatsanwälte

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Bierkartell, Dieselskandal, Insiderhandel: Die Liste ­spektakulärer Fälle, die Staatsanwälte derzeit beschäftigen, ist lang und glamourös. Der Arbeitsalltag sieht oft anders aus: Aktenberge und niedrigere Bezahlung als in Kanzleien. Doch wer sich berufen fühlt, hat einen krisenfesten Job mit Abwechslung und Eigenverantwortung.

Von Stephan Mittelhäuser

Die Berufung kann auch den Anwalt einer Wirtschaftskanzlei ereilen. So ging es Arne von Boetti­cher. Der 34-Jährige, seit gut zwei Jahren bei der Staatsanwaltschaft Köln tätig, war zweieinhalb Jahre Associate in einer internationalen Großkanzlei. In der Zeit beschäftigte er sich mit Fragen des Vergabe- und Öffentlichen Wirtschaftsrechts, mit Korruptions- und Compliance-Themen – bis er sich entschied, in die Justiz zu wechseln. Nach acht Monaten in der allgemeinen Abteilung der Staatsanwaltschaft übernahm er die Sonderzuständigkeit für illegale ­Autorennen. Weitere zwei Monate später wechselte er in die Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen mit Fokus auf Korruptionsfälle.

Früh selbstständig

In seinem Anwaltsberuf habe er bei der ­Arbeit vor allem Eigenverantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten vermisst, erzählt von ­Boetticher in seinem Büro im fünften Stock der Staatsanwaltschaft – nur einen Steinwurf von Land- und Amtsgericht in Köln entfernt. Dies hat sich mit dem Wechsel zur Staatsanwaltschaft geändert: „Mit Ausnahme der ersten drei Monate, in ­denen ein erfahrener Kollege jede Verfügung gegengezeichnet hat, habe ich meine Fälle selbstständig bearbeitet. Bereits relativ früh konnte ich auch große Verfahren übernehmen“, betont er. Im Vergleich zur Kanzlei gestaltet sich die tägliche Arbeit abwechslungsreicher, findet er. „Als Staatsanwalt habe ich ständig mit unterschied­lichen Akteuren zu tun. Vor allem natürlich mit den Gerichten, Polizeidienststellen, Verteidigern und Sachverständigen, dem Zoll oder der Steuerfahndung.“

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Überzeugt vom Wechsel: Arne von Boetticher, Staatsanwalt in Köln, kehrte der Kanzleiwelt den Rücken.

Über laufende Verfahren kann von Boetticher selbstredend nicht sprechen. Zu den öffentlich bekannten Fällen gehört der Prozess gegen Rolf Bietmann. Der ehemalige Kölner Bürgermeister und Bundestagsabgeordnete stand wegen umstrittener Beraterverträge und Untreuevorwürfen in Millionenhöhe vor dem Landgericht. Der Strafprozess, der in der hiesigen Wirtschafts- und Politikszene für viel Aufsehen sorgte und bei dem von Boetticher die Anklage vertrat, wurde im Sommer diesen Jahres gegen Zahlung einer Geldauflage von 100.000 Euro eingestellt.

Deutliche Gehaltsunterschiede

Der Vielfalt in der täglichen Arbeit steht eine relativ starre Regelung bei der Bezahlung gegenüber. Der Verdienst von Richtern und Staatsanwälten bemisst sich nach der Besoldungsordnung R, in der die Besoldungsgruppen vorgegeben sind. Unterschiede gibt es dennoch. Seit der Föderalismusreform 2006 können die Bundesländer die Höhe der Bezahlung selbstständig festlegen. Daher hängt der Verdienst eines Staatsanwalts nicht nur von der Besoldungsgruppe, sondern auch vom Arbeitsort ab.

So erhält ein junger Staatsanwalt in Bayern mit rund 4.235 Euro im Monat fast 900 Euro oder 26,5 Prozent mehr als ein Berufsanfänger im Saarland. Selbst im ­benachbarten, vergleichsweise finanzstarken Baden-Württemberg bleibt die Bezahlung knapp 500 Euro hinter der Vergütung im Freistaat zurück. Beim Deutschen Richterbund (DRB) stößt dies auf scharfe Kritik. Die Besoldungs­unterschiede wirkten sich negativ auf die ­Nachwuchsgewinnung aus.

Vor allem in den Ländern, die bei der Besoldung hinten liegen, sei die Gefahr groß, bei der Werbung um qualifizierten juristischen Nachwuchs gegenüber Wirtschaft und Kanzleien ins Hintertreffen zu geraten. „In einigen Bundesländern droht die Justiz als Arbeitgeberin abgehängt zu werden“, mahnt Sven Rebehn, Bundesgeschäftsführer des DRB. Schon länger fordert der Verband deshalb die Rückkehr zu einer bundeseinheitlichen Besoldung.

Während Associates in Großkanzleien im ersten Berufsjahr 100.000 Euro und mehr im Jahr verdienen können, fällt der Verdienst eines Staatsanwalts vergleichsweise bescheiden aus. Aus der Sicht von Boettichers relativiert sich der Unterschied jedoch: „Um auf ähnliche Altersbezüge zu kommen, wie sie ein pensionsberechtigter Staatsanwalt erhält, muss ein Rechtsanwalt einen erheblichen Teil seines Einkommens in die private Altersvorsorge investieren“, betont er. Zudem müsse das Monatsgehalt auf den Stundenlohn umgerechnet werden, denn die Arbeitsbelastung in einer Großkanzlei liege nach wie vor höher als in der Justiz.

Hohe Belastung, schmale Budgets

Aber auch die Arbeitsbelastung von Staatsanwälten hat es durchaus in sich. Der Schleswig-Holsteinische Richterverband führte zu Jahresbeginn eine Umfrage unter rund 900 Richtern und Staatsanwälten durch. Das Ergebnis: Bei einer Regelarbeitszeit von 41 Wochenstunden kommen die Juristen im nördlichsten Bundesland pro Jahr auf mehr als 200.000 Überstunden. Bei der Stellenbesetzung klafft eine große Lücke. Rein rechnerisch fehlen in der Staatsanwaltschaft aktuell rund 40 Stellen, präzisiert ein Sprecher des Richterverbands die Situation.

Schleswig-Holstein ist kein Einzelfall, in vielen Bundesländern sieht es ähnlich aus. Ein Grund hierfür dürften die schmalen Ressortbudgets sein. Gemessen am Gesamthaushalt geben die Länder vergleichsweise wenig Geld für die Justiz aus – laut Berechnung des Deutschen Anwaltvereins (DAV) weniger als fünf Prozent. Die höchsten Anteile weisen Brandenburg und Nordrhein-Westfalen mit jeweils 4,7 Prozent aus. Am Ende finden sich Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Bremen.

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