Magazin-Artikel
01.06.2017 | Autor/in: Norbert Parzinger

Geld, bis der Arzt kommt: Was bedeuten die hohen Einstiegsgehälter?

AZ01/17

Ein Beitrag aus azur 1/2017.

Seit 2016 sind die Gehälter für Associates in vielen Wirtschaftskanzleien enorm gestiegen. Die höheren Personalkosten beflügeln allerdings auch die Suche nach anderen Anreizen – und nach Alternativen, die eines Tages die Anwälte selbst ersetzen könnten.

von Norbert Parzinger

Souverän klingt anders. „Was sollen wir denn machen“, seufzt ein Partner einer großen Wirtschaftskanzlei, die Ende 2016 die Associategehälter massiv angehoben hat. „Wenn alle anderen mehr bezahlen, müssen wir mithalten. Sonst können wir das Rekrutieren gleich bleiben lassen.“ Mit dieser zähneknirschenden Einsicht ist er nicht allein. Seit Hengeler Mueller im Sommer 2016 mit 120.000 Euro Einstiegsgehalt einen neuen Maßstab für Top-Kanzleien setzte, gibt es kaum eine namhafte Sozietät, die nicht innerhalb weniger Monate nachgezogen hätte. Manche Kanzleien bieten Berufseinsteigern heute glatte 25.000 Euro mehr als noch vor einem Jahr. Die Motivation ist fast immer dieselbe: Nur keinen Nachteil riskieren im Kampf um die besten Absolventen – auch wenn es richtig Geld kostet.

Die Associategehälter in den Top-Kanzleien haben sich in den letzten 15 Jahren scheinbar endgültig von der Entwicklung der Durchschnittslöhne in Deutschland abgekoppelt. Top-Absolventen, die Lust auf Karriere in einer Wirtschaftskanzlei haben, sind rar. Das treibt die Preise in die Höhe, nicht nur hierzulande. Die letzte Welle der Gehaltserhöhungen brach praktisch zeitgleich über New York, London und die deutschen Anwaltsmetropolen herein. In den Wall-Street-Kanzleien ist nun ein Einstiegsgehalt von 180.000 statt 160.000 US-Dollar üblich.

In Deutschland hat sich der Standard im Top-Segment mit einem Schlag von 100.000 auf 120.000 Euro erhöht. So viel zahlen heute die Kanzleien, die in ihrem Heimatmarkt London zum sogenannten „Magic Circle“ gehören – Allen & Overy, Clifford Chance, Freshfields Bruckhaus Deringer und Linklaters – sowie ihre engsten Wettbewerber im deutschen Markt. Einige kleinere Kanzleien, insbesondere mit US-amerikanischem Mutterhaus, bieten noch mehr Geld.

Alles beim Alten

Einen echten Vorsprung haben dadurch die wenigsten Kanzleien gewonnen. Wenn jeder die absoluten Gehälter anhebt, bleibt relativ gesehen alles beim Alten. Manche Sozietäten aber, von denen keiner so massive Steigerungen erwartet hätte, sorgten tatsächlich für Überraschungen. So etwa Görg, die viele Wettbewerber immer noch vor allem mit Insolvenzverwaltung und Mittelstandsgeschäft verbinden. Dass die Kanzlei längst in anderen Marktsegmenten mitspielt, zeigt sie nicht nur seit ein paar Jahren mit einem schicken Glaspalast, der am Stammsitz Köln das Rheinpanorama prägt, sondern inzwischen auch mit einem sechsstelligen Einstiegsgehalt.

Fortsetzung

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