Karriere in Asien

Interview

Eine individuelle Entscheidung

1985 gründete Dr. Sabine Stricker-Kellerer (Foto) als erste europäische Anwältin ein Büro für die ­Kanzlei Pünder (heute Clifford Chance) in Peking. Das Jahrzehnt nach dem Ende der Kulturrevolution ist mit der heutigen Zeit nicht vergleichbar, erklärt die Senior China Counsel von Freshfields Bruckhaus Deringer. 2013 stellen sich andere Anforderungen an junge Juristen. (Aus azur 2/13)

azur: Wie kann man sich als angehender Jurist auf China spezialisieren?

Sabine Stricker-Kellerer: Hochqualifizierte Absolventen, die Asien oder China völlig zu Recht attraktiv finden, sollten unter dem Karriere-Gesichtspunkt drei mögliche Optionen anschauen: Will man sich langfristig als Berufsziel auf ein bestimmtes Land wie etwa China und sein Rechtssystem konzentrieren, will man eher eine größere Region – zum Beispiel Asien – in den Blick nehmen, oder findet man ganz generell eine international ausgerichtete Tätigkeit für sich spannend? Nach China können heute alle drei Wege führen.

Die Gretchenfrage lautet: Sollte ich eine möglichst internationale Ausbildung anstreben oder bereits einen regionalen Fokus setzen? Denkbar wäre zum Beispiel, den Schwerpunkt der internationalen Ausrichtung von Westen nach Osten zu verschieben und einen LL.M. etwa in Singapur, Hongkong oder Schanghai zu erwerben statt in den USA, wie es bei Top-Juristen lange üblich war. Oder brauche ich bereits einen speziellen Know-how-Fokus auf ein bestimmtes Land?

Wie fällt Ihre Antwort auf diese Frage aus?

Wichtig scheint mir vor allem, bei der eigenen juristischen Qualifikation keine Kompromisse einzugehen. Eine Länderspezialisierung kann auf diese Qualität nur aufsetzen, aber sie nicht ersetzen. Schlägt dann das ­eigene Juristenherz für ein bestimmtes Land und seine wirtschaftliche Entwicklung, ist eine Zusatzausbildung in Recht und Kultur dieses Landes sicher das Richtige.

Will man flexibel bleiben und einfach spannende internationale Transaktionen betreuen, kann man sich in vielerlei Weise einbringen, über juristische Spezialkenntnisse und Branchenwissen ebenso wie durch wirtschaftliches Verständnis, Transaktionserfahrung oder auch interkulturelle Skills und Soft Skills. Den Erfolg bringen immer solche Vielfalt und gute Teamzusammensetzungen. Den eigenen Schwerpunkt kann und muss jeder für sich selbst finden. Ein bestimmter Länderbezug ist nur eine von vielen Optionen.

Aber eine asiatische Sprache zu lernen gehört sicherlich zum Paket einer Spezialisierung?

Auch das kann man nicht pauschal beantworten. Wenn man fast zu 100 Prozent und langfristig mit Bezug auf ein bestimmtes Land arbeitet wie ich mit China, dann kommt man um das Erlernen der Sprache nicht herum. Allerdings ist der Zeitaufwand enorm und die Konkurrenz durch mehrsprachige Anwälte groß. Andererseits arbeite ich auch in der China-Beratung nie allein, und in einer umfangreichen grenzüberschreitenden Transaktion oder bei der Beratung chinesischer Investoren außerhalb ­Chinas sind für den Teamerfolg wie gesagt auch viele andere Qualifikationen, Kenntnisse und Erfahrungen wichtig, nicht nur die Sprachkenntnisse.

Lohnt sich eine Referendarstation in Asien?

Eine Referendarstation im Ausland lohnt immer, und angesichts der Wirtschaftsentwicklung Asiens erst recht in dieser Region. Unabhängig von der Referendarzeit hat ein hochqualifizierter, brillanter Jurist aber oft das Dilemma, wie er seine Zeit für den Erwerb einer Zusatzqualifikation aufteilt. Vielleicht nimmt er eine Auszeit für eine Doktorarbeit. Vielleicht macht er lieber ein internationales Praktikum, ein Sprachstudium, oder investiert ein Jahr für einen LL.M.

AZ02/13Ich gebe als Mentorin bei Freshfields gerne meinen Rat, aber der bezieht sich immer auf die individuellen Bedingungen. Ob, wo und wie ich in so einem frühen Stadium meines beruflichen Lebens einen geographischen Schwerpunkt setzen will, muss am Ende jeder für sich selbst beantworten. Sicher ist: Für jemanden, der sich ganz und gern auf Asien konzentriert, bedeutet diese Spezialisierung heute kein Risiko mehr.

Das Gespräch führte Markus Lembeck