Sind Kanzleipraktika noch zeitgemäß?

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, als ambitionierter Jurastudent ein Praktikum in einer renommierten Kanzlei zu absolvieren. Doch was bringt das eigentlich dem Praktikanten und der Kanzlei? Die US-Kanzlei Latham & Watkins kam zu dem Schluss: Nicht so viel – und hat klassische Praktika abgeschafft.

„Vier Wochen Praktikum reichen nicht für echte Praxiserfahrungen“

Dr. Tobias Larisch ist Corporate- und Deputy-Managing-­Partner bei Latham & Watkins in Düsseldorf. Dort lernen Studierende künftig außerhalb eines klassischen Praktikums den Beruf des Wirtschaftsanwalts kennen:

Tobias Larisch (Foto: Latham & Watkins)

„Während eines Praktikums sollen Studierende das erlernte Wissen anwenden und erste berufliche Erfahrungen sammeln können. Wer sich dies nüchtern und ehrlich vor Augen führt, muss eingestehen: Dieser Zweck wird in aller Regel nicht erreicht, wenn jemand vor dem ersten Staatsexamen vier Wochen in einer globalen Wirtschaftskanzlei verbringt. Die Mandate sind zu komplex und langwierig, als dass Praktikanten sinnvoll eingearbeitet werden – oder gar wirklich mitarbeiten könnten. Viele Mandanten sehen eine Einbindung von Praktikanten in die Mandatsarbeit auch kritisch – das Vertraulichkeitsinteresse des Mandanten überwiegt das Ausbildungsinteresse der Sozietät. Viele Kanzleien wollen dies nicht zugeben, sind aber dazu übergegangen, die Praktikumszeit mit allerlei Entertainment für die Praktikanten aufzufüllen.

Bei Latham haben wir uns für einen anderen Weg entschieden – und uns vom konventionellen Praktikumsmodell verabschiedet. An seine Stelle haben wir ein auf zwölf Monate ausgerichtetes Curriculum mit Workshops, Networking und Schulungen gesetzt, das junge Talente einlädt, unsere Latham Family umfassend kennenzulernen. Diese Plattform bietet mehr als die klassischen Praktika. Wir sind davon überzeugt, dass dies die besten Talente anspricht – und wir sie so für uns gewinnen können.“

„Auch die Kanzleien lernen etwas von ihren Praktikanten“

Dr. Thomas Broichhausen ist Corporate- und Recruiting-­Partner bei Linklaters in München. Für ihn kommt die Abschaffung des klassischen Praktikums nicht infrage:

Thomas Broichhausen (Foto: Linklaters)

„Die Ausbildung des juristischen Nachwuchses ist uns ein großes Anliegen. Der Markt wird immer kompetitiver, und wir sehen, dass sich Talente immer früher für einen Arbeitgeber entscheiden. Deshalb ist das Talent Management zu einem sehr wichtigen Faktor für die Nachwuchsgewinnung unserer Kanzlei geworden. Während des Praktikums gewinnen die jungen Talente einen breiten Einblick in die Arbeit in einer Großkanzlei und erfahren, was eine Anwaltspersönlichkeit ausmacht.

Wir möchten durch unser Praktikantenprogramm so früh wie möglich nah an den Kollegen von morgen sein. Dies hilft uns auch, deren Bedürfnisse besser zu verstehen, wir lernen dadurch, was sich die zukünftigen Top-Juristinnen und Juristen wünschen und was ihnen wichtig ist. Und das zahlt sich am Ende ganz klar für beide Seiten aus. Viele unserer ehemaligen Praktikantinnen und Praktikanten kommen im Anschluss an das Studium für eine wissenschaftliche Mitarbeit oder das Referendariat zurück. Einige von ihnen sind mittlerweile Teil unserer Partnerschaft.
Wir sind nach wie vor von unserem Praktikantenprogramm überzeugt, entwickeln es kontinuierlich weiter und werden es auch in Zukunft anbieten. Klar ist das Aufwand, aber mal ehrlich: It’s a people’s business – so why would you ignore a generation?“

Die Rubrik „on the record“ erscheint monatlich im JUVE-Rechtsmarkt.


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