Internationale Moot Courts: Erbitterte Debatte um russische Delegationen

Der Krieg in der Ukraine erfasst auch die akademische Welt: Immer mehr Teams russischer Studierender ziehen ihre Teilnahme an internationalen Schiedsrecht-Moot-Courts zurück. Zuvor waren die Veranstalter der wichtigsten Moot Courts heftig dafür kritisiert worden, dass sie russische Universitäten nicht von sich aus ausschließen wollten.

Die Debatte betraf drei der international wichtigsten Veranstalter simulierter Schieds- und Gerichtsverhandlungen: den Frankfurt Investment Arbitration Moot Court, den Willem C. Vis Arbitration Moot Court und Philip C. Jessup International Law Moot Court.

Nun teilte der Willem C. Vis Moot Court über LinkedIn mit, dass die Teams aus sieben russischen Universitäten ihre Teilnahme an der Anfang April stattfindenden 29. Auflage des Wettbewerbs abgesagt haben. Darunter finden sich auch die Moskauer Elite-Universitäten Lomonosov und Moscow State Institute of International Relations (MGIMO), die als besonders staatsnah gelten.

Über die Motive des Rückzugs machte der in Wien ansässige Moot Court Willem C. Vis keine Angaben. Allerdings waren dem Schritt heftige Debatten in den sozialen Medien vorausgegangen. Denn die Moot-Court-Veranstalter hatten unabhängig voneinander erklärt, dass sie für ihre Veranstaltungen nicht planen, russische Studierende auszuschließen.

Diese Entscheidung wurde teilweise harsch kritisiert. So sei es ungerecht, wenn russische Teams an den Moot Courts teilnehmen könnten, während ukrainische Studierende durch den Krieg faktisch daran gehindert seien. Auf den Krieg Russlands müssten die Moot-Court-Veranstalter in derselben Weise reagieren wie die EU oder die USA mit ihren Sanktionen, die großen Sportverbände oder sogar die Veranstalter des European Song Contest, die russische Teilnehmende ausgeschlossen hatten.

Stefan Kröll, Direktor des Willem C. Vis Arbitration Moot Court

Die Veranstalter der Moot Courts sehen sich indes zu Unrecht am Pranger. So erklärte der Wiener Moot Court auf seiner LinkedIn-Seite, es sei zentral, „russischen Teams nicht wegen des unakzeptablen Vorgehens der russischen Regierung mit Voreingenommenheit zu begegnen“.

Der Direktor von Willem C. Vis, Prof. Dr. Stefan Kröll, will das Konzept von internationalen Schiedsrecht-Moot-Courts nicht auf Momentaufnahmen beschränken, sondern stellte sie gegenüber JUVE in einen größeren Zusammenhang. „Wir stehen für die Idee der Rechtsstaatlichkeit und der friedvollen Streitlösung in der heutigen Zeit, aber vor allem auch mit Hinblick auf die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft von morgen.“ Was würde passieren, wenn man Studierende aus Ländern wie Russland, dem Iran oder China ausschließt, weil deren Regierungen nicht der westlichen Auffassung von Rechtsstaatlichkeit entsprechen? Für Kröll ist die Antwort klar: „Wir würden eine Wagenburg-Mentalität fördern statt diese abzubauen.“

Zugleich stellt Kröll klar, dass die Veranstalter die ukrainischen Teams, die zum Wiener Moot Court angemeldet sind, auf verschiedenen Wegen unterstützen. „Das haben wir auch 2014 schon so gehandhabt, als im Zuge der Krim-Annexion Sponsoren weggefallen sind.“ Nun werde man organisieren, dass so viele Studierende wie möglich aus der Ukraine ausreisen können und hier Unterstützung erfahren.

Sabine Konrad, Organisatorin des Frankfurter Moot Court

In einer E-Mail, die JUVE vorliegt, schreibt Kröll, der Professor an der Bucerius Law School ist: „Es sind bewundernswerte Studenten und Coaches, die selbst in diesen schrecklichen Zeiten noch nach vorne schauen und die Werte des Moots hoch halten. Wenn irgendwie möglich, wollen sie trotz des Krieges am Moot teilnehmen, der anscheinend für viele ein wichtiges Stück Normalität und Hoffnung in diesen Zeiten darstellt. Wir haben ihnen für dieses Vorhaben größtmögliche Flexibilität und Unterstützung jeder Art (finanziell-logistisch) zugesagt.“ Infrage komme auch, Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen, inklusive Kostenübernahme, oder die Unterstützung bei der Fortsetzung der Studien im Ausland.

Auch die Organisatorin des Frankfurter Moot Court, Dr. Sabine Konrad, verteidigte ihre Entscheidung, russischen Teams die Teilnahme am Wettbewerb nicht zu verwehren. „Der Frankfurter Moot Court hat das Ziel, den Respekt für das internationale Recht zu vermitteln und dessen Prinzip in Herz und Verstand auch der nächsten Generation, die die Verantwortung in der Welt tragen wird, zu fördern“, so die Partnerin der US-Kanzlei Morgan Lewis & Bockius gegenüber der Fachzeitschrift Global Arbitration Review.

Tatsächlich haben aber auch in Frankfurt die russischen Teams ihre Teilnahme am Moot Court zurückgezogen, der in der ersten März-Woche stattgefunden hat. Ein Mitglied des MGIMO-Teams begründete auf LinkedIn die Entscheidung damit, dass ihr Rückzug als „Akt der Solidarität mit unseren ukrainischen Kolleginnen und Kollegen“ gesehen werden sollte. „Der ungerechtfertigte und schreckliche Angriff Russlands auf die Ukraine“ solle „sofort gestoppt“ werden.


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