Prof. Dr. Marc-Philippe Weller

Universität Freiburg / Gesellschaftsrecht und IPR

JUVE: Welche Vorstellungen hatten Sie von Ihrer  Karriere, als Sie Ihr Studium absolviert hatten?
Marc-Philippe Weller: Das Schöne an Jura ist, dass man sich für vieles begeistern kann. Nach dem Studium schwankte ich zunächst zwischen der Wissenschaft, internationalen Organisationen und dem Anwaltsberuf.

Warum entschieden Sie sich für den Einstieg bei Shearman & Sterling in Mannheim?
Mich beeindruckten eine Reihe von Persönlichkeiten, die wissenschaftlich interessiert und zugleich persönlich sympathisch waren. Bereits während meiner Studienzeit in Heidelberg lernte ich „Mannheimer“ kennen: meinen späteren Mentor Jochem Reichert, den leider viel zu früh verstorbenen Martin Winter, ferner Stephan Harbarth und Marc Löbbe. Und natürlich die of Counsel Peter Ulmer und Uwe Hüffer.

Haben Sie besondere Erinnerungen an diese Zeit?
Unvergessen bleibt ein Großmandat, das Jochem Reichert und mich regelmäßig an den Lago Mag-giore und nach Marbella führte. Neben der juristischen Arbeit haben wir auch einigen Lokalkolorit genießen können. Hochachtung habe ich ferner für die gerade auch von deutschen Anwälten gelebten „US-Tugenden“ wie Dedication und Commitment, aber auch Responsiveness.

Warum sind Sie an die Universität zurückgekehrt?
Die anwaltliche High-End-Beratung bereitet Freude; für mich persönlich sorgt sie jedoch nicht für das Hochgefühl, das sich in der Diskussion nach einem wissenschaftlichen Vortrag oder in einer interaktiven Vorlesung einstellt. Es ist ungemein inspirierend, mit wissbegierigen und aufgeweckten Studierenden zusammenzuarbeiten, die einen jeden Tag aufs Neue mit erfrischenden Sichtweisen konfrontieren.

Was begeistert Sie an Ihren wichtigsten ­Forschungsgebieten?
Die Praxisrelevanz der Grundlagenforschung: Als ich mich in Köln zur „Vertragstreue“ habilitierte, konnte ich nicht ahnen, dass das Thema Jahre später in den Diskussionen um Stuttgart 21, dem Atomausstieg oder dem Berliner Großflughafen hochkochen würde. Ferner fasziniert mich die Schnittstelle zwischen Gesellschafts- und Insolvenzrecht einerseits und Internationalem Privatrecht und Europarecht andererseits. Die Wirtschaft wird immer globaler. Das Recht muss mitziehen, idealerweise gar vorspuren. Dass Air Berlin oder eine Traditionskanzlei wie Noerr in Auslandsrechtsformen organisiert sind, wäre vor wenigen Jahren undenkbar gewesen; ebenso, dass ein in Luxemburg gewährtes 80-Millionen-Euro-Gesellschafterdarlehen in einem deutschen Insolvenzverfahren zur Masse gezogen wird, wie bei der PIN-Insolvenz. Sensationell!

Gibt es Möglichkeiten, Studenten besser auf die ­Praxis vorzubereiten?
Die beste Vorbereitung auf die Praxis ist das Vermitteln des juristischen Handwerkzeugs. Wer kein Jura kann, den machen weder Soft Skills noch Englisch zu einem guten Anwalt. Aber natürlich sollte man die Studierenden schon früh für die Praxis begeistern. Wir machen das in Freiburg – unter Einbeziehung verschiedener Kanzleien – durch zahlreiche Workshops etwa zur Vorstandshaftung und MootCourts. Gleichwohl: Bevor man von der Großkanzlei schwärmt, muss man vom BGB träumen.

Das Gespräch führte Aled Griffiths.

Homepage des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht

Aus: JUVE Rechtsmarkt 09/2012