Mahmoud Al-Khatib

Al-Khatib_MahmoudDass Mahmoud Al-Khatib als Personalchef der Universität Regensburg und Landespolitiker Karriere machen würde, war alles andere als vorprogrammiert. Seine Kindheit verbrachte der Jurist als Asylsuchender im Sammellager.

Wenn sich Mahmoud Al-Khatib an seine Kindheit im Libanon in den 1970er-Jahren erinnert, schießt ihm zuerst eine drastische Szene aus dem damals tobenden Bürgerkrieg durch den Kopf: Mit seinen älteren Brüdern besuchte er einen Friseursalon, als plötzlich Kampfflieger Bomben abwarfen. Eine Nachbarin brachte sie in einen Schutzkeller. Wo sich ihre Eltern aufhielten und ob sie noch am Leben waren, wussten die Brüder nicht. „Wir lebten in großer Angst und Unsicherheit“, sagt Al-Khatib heute.

Mit Prädikat

Sein Weg ging zunächst steinig weiter: Als Al-Khatib knapp vier Jahre alt war, suchte seine Familie Asyl in Deutschland, seine Kindheit verbringt er in einer Sammelunterkunft in Bayern. Ein frustrierendes Umfeld: Ohne Arbeitserlaubnis waren seine Eltern zum Nichtstun verpflichtet, ihre Perspektive war unklar. Nichts deutete damals darauf hin, dass Al-Khatib Abitur machen, ein Jurastudium und Referendariat jeweils mit Prädikat bestehen, in den öffentlichen Dienst gehen und Jahre später das Interesse der nationalen Presse wecken würde.

Denn ursprünglich wollte Al-Khatib für die SPD bei der bayerischen Landtagswahl im September antreten – als Herausforderer von Ministerpräsident Horst Seehofer im Wahlkreis Neuburg-Schrobenhausen. Und im Wahlkampfteam von SPD-Spitzenkandidat Christian Ude sollte er sich um das Thema Integration kümmern. Im Freistaat sorgte das für einen Riesenwirbel um den 38-Jährigen, der bis dato ein No-Name in der Landespolitik war. Erst wenige Monate vor seiner überraschenden Nominierung 2012 war Al-Khatib in die Partei eingetreten. Dafür hatte er sich anderweitig profiliert: zunächst als Anwalt, später als Abteilungsleiter für Soziales im Landratsamt Neuburg und schließlich als Personalchef der Universität Regensburg.

„Die Familie geht vor“

Parteibuch hin oder her, für die bayerische SPD war dieser Mix mehr als überzeugend. Aus persönlichen Gründen – seine Frau machte eine komplizierte Schwangerschaft durch – zog Al-Khatib seine Kandidatur aber überraschend im März zurück. „In dem Moment war die Entscheidung klar: Die Familie geht vor“, sagt Al-Khatib. „Aber ich habe mich keinesfalls endgültig aus der Politik zurückgezogen.“

Die Themen Integration und Asylpolitik bleiben für ihn ein wichtiges Anliegen. Seine Kindheit im Sammellager – die prägenden Erlebnisse kann und will er nicht zur Seite schieben. „1984 standen wir kurz vor der Abschiebung. Ein guter Verwaltungsrechtler hat uns in dieser Situation geholfen“, erinnert sich Al-Khatib. Ihm wurde damals klar: Mit Jura kann er anderen Leuten zu ihrem Recht verhelfen. Schon als Schüler setzte er sich gerne für Mitschüler und Freunde ein. „In unserer -Familie hatte ich den Beinamen ‚Das Gesetz‘“, sagt Al-Khatib lächelnd. 

Ziele verwirklichen

In der Praxis war es mit den Rechtswissenschaften dann aber keine Liebe auf den ersten Blick: Als Al-Khatib scheinfrei war, verabschiedete er sich knapp sieben Jahre von der Uni und arbeitete in verschiedenen Positionen im Vertrieb. Irgendwann zog es ihn aber zurück zum Studium, obwohl alle Freunde abrieten. Für ihn war es eindeutig der richtige Schritt: „Vorher mochte ich die Juristerei, hinterher war ich mit Herzblut dabei.“

Im Rückblick kann Al-Khatib genau die Faktoren benennen, die ihm trotz des schwierigen Umfelds in der Kindheit die Karriere ermöglicht haben: In erster Linie sind dafür seine Eltern verantwortlich. Die waren damals zwar Analphabeten, unterstützten und ermutigten ihren Sohn aber, seine Ziele zu verwirklichen. Und dann waren da noch ehrenamtliche Helfer bei der Caritas, die ihm bei den Hausaufgaben halfen. „Hätte es diese Menschen nicht gegeben, ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre“, sagt Al-Khatib. Heute glaubt er für viele Menschen – und zwar nicht nur solche mit Migrationshintergrund – ein Vorbild zu sein. Einige wenden sich hilfesuchend an ihn, etwa bei Fragen zum Umgang mit Behörden. Der Integrationsexperte versucht, allen zu helfen. Pro bono, versteht sich. (Katja Wilke)