Plötzlich Partner: Karriere auf der Überholspur

Eine Karriere auf der Überholspur – das ist der Normalfall für Tassilo-Rouven König. Mit Anfang 30 bestreitet er als aufstrebender Arbeitsrechtler bundesweit zentrale Verfahren und ist Partner einer Boutique. Allerdings freut er sich auch über die kleinen Herausforderungen, zum Beispiel bei einer Partie Schach.

Keine vier Wochen lag sein erster Tag als Associate zurück, als Dr. Tassilo-Rouven König sich vor dem Bundesarbeitsgericht wiederfand. An seiner Seite: Niemand. Ihm gegenüber: Ziemlich viel Presse, die Richter des Obersten Gerichtshofes und die Großkanzlei-Vertreter der Gegenseite. „Herr Baeck von Gleiss Lutz hat sich ganz bestimmt gefragt, was der junge Anwalt hier macht und wo der Nägele ist“, erinnert sich König an seinen ersten Fall als Anwalt in der Arbeitsrechtsboutique Naegele. Der Name Naegele steht in Stuttgart und bundesweit für arbeitsrechtliche Beratung von Führungskräften auf Unternehmensseite. Ein guter Ruf und Respekt eilen ihr voraus. „Ich wusste, wenn ich dort einsteige, muss ich abliefern“, sagt König über seine Entscheidung, sich 2016 bei der Kanzlei zu bewerben. Prof. Dr. Stefan Nägele wurde sein ‚Senior‘, wie König ihn nennt. Dass er heute, fünf Jahre später, und mit nur 33 Jahren sein gleichberechtigter Partner in eigener Kanzlei sein wird, damit hätte er selbst nicht gerechnet.

Tassilo-Rouven König ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner in der Kanzlei Naegele. (Foto: Gerhard Kopatz)

In spezialisierten Boutiquen ist es üblich, dass junge Anwälte früh eigenständig in Mandaten auftreten. Das schließt auch hohe Instanzen und den Kontakt zu Konzernbossen ein. Für König war klar: „Man muss bereit sein, den ganz Großen entgegenzutreten.“ Zwar war der Fall vor dem Bundesarbeitsgericht damals ohnehin schon entschieden, dennoch erfüllte sich sein Wunsch nach einer Ausbildung an vorderster Front damit noch schneller als erwartet.

Dass König bestimmte Schritte schneller geht als andere, prägt seinen gesamten Werdegang. Durch das Studium in Konstanz ist der im baden-württembergischen Göppingen geborene Anwalt bis zum Freischuss nahezu gerast. Mit 23 hatte er sein erstes Examen bereits in der Tasche. Für die Lernpausen stand immer sein Schachbrett parat, kurze Runden und davon gerne mehrere am Tag waren schon seit der Kindheit sein großes Hobby. Seine Fotoalben sind voll mit Aufnahmen von den Orten der Welt, wo er als Kind sein Schachbrett auspackte. Heute spielt er meistens nur noch per App, obwohl in seinem Büro natürlich ein echtes Schachbrett griffbereit steht. Beim Jura­studium und der Praxisanwendung hilft ihm das Schachtraining immer wieder. „Ich hatte nie ein Elefantengedächtnis und war auf strukturiertes Denken angewiesen. Das braucht man sicherlich auch beim Schach.“

Sich treiben lassen.

Nach dem frühen Staatsexamen bremste er sich selbst ein wenig herunter. Mit 25 wollte er kein fertiger Anwalt sein. Kurzerhand entschied er sich, nach Stuttgart zu ziehen, um sich erst einmal treiben zu lassen. ‚Treiben lassen‘ sah dann so aus: Er jobbte im Rechtsreferat des Regierungspräsidiums, schrieb nebenbei seine Dissertation in Tübingen und schloss diese nach anderthalb Jahren ab. Dabei setzte er sich erstmals mit einem Thema auseinander, das heute zu einem seiner anwaltlichen Schwerpunkte zählt: Datenschutzrecht. Stolz hält er sein Praxishandbuch zum Beschäftigtendatenschutz hoch. „Das war eine spannende Arbeit, aber es ist auch sehr anstrengend, berufsbegleitend ein eigenes Buch zu schreiben.“

Arbeitsrechtliche Fragen waren hingegen schon vor dem Datenschutz sein Favorit. Wie viele Studenten und Studentinnen entschied sich König für einen Schwerpunkt im Arbeitsrecht. Beim Kommentar seines ehemaligen Professors schreibt er heute übrigens auch mit: „Er war ein toller Dozent, jetzt muss er mich wieder korrigieren.“

Jura hat in Königs Familie Tradition: Auch sein Opa, sein Onkel und sein Vater haben Jura studiert. König entschied sich zwar für das gleiche Studium, war aber früh darauf aus, sich etwas Eigenes aufzubauen. Es steht außer Frage, dass ihm das gelungen ist. Doch einfach war das nicht immer. Nur zweieinhalb Jahre nach seinem Einstieg als Associate bei Naegele entschieden sich die damaligen Partner, die Kanzlei aufzuspalten. Als junger, aufstrebender Anwalt war das eine schwierige Phase. „Rückblickend hätte mir jedoch nichts Besseres passieren können“, sagt König heute über die Entscheidung, die alte Einheit 2019 zu verlassen, sich Stefan Nägele anzuschließen und neu zu starten.

Und so kam es, dass er mit 30 Jahren bereits Partner wurde. Die Zeit nach der Neugründung war seine bislang größte Herausforderung. „Plötzlich hatte ich alleinige Umsatz- und Qualitätsver­antwortung. Gleichzeitig war ich nicht mehr angestellt, sondern Arbeitgeber. All diese Dinge lernen junge Associates in der Regel über viele Jahre.“ Nach außen blieben die Probleme un­bemerkt, im Gegenteil, er konnte sogar richtig durchstarten. So deckte in der alten ­Einheit jemand anderes das kollektive Arbeitsrecht ab. Unter neuer Flagge hatte König die Freiheit, diesen Schwerpunkt selbstständig auszubauen.

Hart verhandeln mit Verdi.

Er gewann Mandanten wie die Schwarz-Gruppe, die vor allem durch ihre Supermarktketten Lidl und Kaufland bekannt sind. 2019 verhandelte er in zentraler Rolle für die Tochter Prezero einen wegweisenden bundesweit einheitlichen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi. „Es war eine besonders spannende Erfahrung, an diesen ausgiebigen Tarifverhandlungen beteiligt zu sein. Gewerkschafter sind harte Verhandlungsgegner“, erinnert sich König.

Doch auch mit Gerichtsverfahren hat er schon früh an der Rechtsprechung und Auslegung neuer Normen mitgewirkt. Besonders aufsehener­regend ist wohl der Streit zwischen Daimler und einer ehemaligen Führungskraft, bei dem Nägele und König mit neuen Datenschutzregeln ein

verstärktes Auskunftsrecht herbeiführten und dieses erstmals über den Schutz von Whistleblowern gestellt wurde. Die Federführung des prominenten Verfahrens hat König inzwischen von seinem Senior-Partner übernommen, diesmal ist aber vorher noch nichts entschieden. Dann wird er wieder vor dem Bundesarbeitsgericht stehen.


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