Kommentar: Fast zu schön, um wahr zu sein

Hochqualifizierten Berufseinsteigern liegt die Kanzleiwelt zu Füßen. Erst später in der Karriere kommt der Druck.

Man kann alles haben. Zumindest, wenn man Jurist ist und zwei Prädikatsexamina in der Tasche hat. Dann gehört man zu einer raren und sehr begehrten Spezies, um die Arbeitgeber in noch nie da gewesenem Ausmaß buhlen. Vor allem Großkanzleien mit ihrem hohen Einstellungsbedarf lesen hochqualifizierten Berufseinsteigern mittlerweile nahezu jeden Wunsch von den Lippen ab.

160.000 Euro Einstiegsgehalt im ersten Jahr – aber bitte! Drei Tage Homeoffice in der Woche – selbstverständlich garantiert. Ortsunabhängiges Arbeiten mit Bergpanorama oder Feierabend am Strand – na klar! Teilzeit – gar kein Problem. Insbesondere, was flexible Arbeitszeiten und -orte angeht, ist der einst konservative Anwaltsmarkt moderner geworden. Internationale Großkanzleien preschen mit globalen Elternzeitregelungen voran, deutsche Traditionskanzleien rechnen Teilzeit gar auf den Partnertrack an.

Das alles ist fast zu schön, um wahr zu sein. Und die bittere Wahrheit ist: Viele der wohlklingenden Programme gibt es nur auf dem Papier. In der Realität sind Teilzeitanwälte gar nicht so gerne gesehen. Spätestens auf Partnerebene ist in der Regel Schluss – rund 95 Prozent der Equity-Partner arbeitet in Vollzeit. Kein Wunder, denn Arbeit gibt es in Hülle und Fülle, Mandanten wollen wie gewohnt bedient und Rekordumsätze erwirtschaftet werden.

Hohe Einstiegsgehälter und Work-Life-Balance-Versprechungen sind verführerische Lockmittel. Doch jeder Absolvent, der Karriere machen und Verantwortung in einer Großkanzlei übernehmen will, sollte sich über eins im Klaren sein: Irgendwann muss er die hohen Gehälter selbst erwirtschaften.


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