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28.03.2017 | Autor/in: Norbert Parzinger

Wissenschaftliche Mitarbeit: Gut bezahlte Testphase

Wissenschaftliche Mitarbeiter sind aus den Teams vieler Wirtschaftskanzleien nicht wegzudenken. Sie unterstützen vor allem Associates mit Recherchen für Transaktionen oder Prozesse. Dabei gewinnen sie gut bezahlte Einblicke bei ihren potenziellen (Traum-)Arbeitgebern. Wir haben recherchiert, wie viel Wissenschaftliche Mitarbeiter wo verdienen können.

Man kann sie noch glücklich machen, die vielbeschäftigten Associates in deutschen Wirtschaftskanzleien: durch ein besseres Gehalt oder die Einstellung von wissenschaftlichen Mitarbeitern. Wie denn ihr Arbeitgeber in den letzten zwölf Monaten ihre persönliche Zufriedenheit gefördert habe, fragte die azur-Redaktion etwa die Teilnehmer der aktuellen azur-Associate-Umfrage. „Durch den Aufbau eines guten Pools an wissenschaftlichen Mitarbeitern und studentischen Hilfskräften“, antwortete ein Junganwalt von der Kanzlei Dentons. 

Wirtschaftskanzleien beschäftigen seit eh und je wissenschaftliche Mitarbeiter: Bei Noerr arbeiten beispielsweise zehn, Linklaters beschäftigt sogar rund 80 wissenschaftliche Mitarbeiter – mit steigender Tendenz. In dem Maße, wie das Arbeitsaufkommen in wirtschaftlich guten Zeiten, aber auch der Kostendruck seitens der Auftraggeber steigt, kommt den Referendaren und Assessoren, die mit festem Vertrag eine bestimmte Zeit für die Kanzleien wissenschaftlich arbeiten, eine hohe Bedeutung zu. Sie entlasten die teuer bezahlten Associates und unterstützen mit Recherchen und anderen Aufgaben die Partner. 

Aus den Teams vieler Wirtschaftskanzleien sind sie nicht wegzudenken – im Gegenteil: Vor allem große Kanzleien bauen inzwischen ganze Pools wissenschaftlicher Mitarbeiter auf. Aber nicht nur die Großen der Branche beschäftigen sie, auch in mittelständischen Kanzleien wie der Mainzer Traditionssozietät Bette Westenberger Brink arbeiten sie an Mandaten mit. Ebenso gehören wissenschaftliche Mitarbeiter in stark fokussierten Kanzleien wie den Steuerspezialisten von Ebner Stolz Mönning Bachem zum Arbeitsalltag.

Für die Kanzleien ist dabei der Wettbewerb um die besten Talente ausschlaggebend. Er zwingt die Arbeitgeber, für nahezu jeden Ausbildungsstand flexible Einstiegsmöglichkeiten zu schaffen – so auch bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern. Denn wie lassen sich besser künftige Mitarbeiter kennenlernen als über eine längere inhaltliche Zusammenarbeit in einem festen Team? Wer sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bewährt, hat den größten Schritt in Richtung Festanstellung schon hinter sich. 

Für den Juristennachwuchs bringt eine Beschäftigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter gelegentlich sogar mehr als andere Formen des praktischen Trainings: Man arbeitet inhaltlich fundiert mit und lernt auf Dauer deutlich mehr als Praktikanten oder Referendare, die sich in der Regel nur für einen sehr begrenzten Zeitraum ausprobieren dürfen. Wissenschaftliche Mitarbeiter hingegen sind über eine längere Zeit an feste Teams gebunden und können gegebenenfalls auch kanzleiinterne Ressourcen für ihre Promotion nutzen. Die Eindrücke, die sich so über einen Arbeitgeber gewinnen lassen, sind Gold wert – erst recht, wenn die Arbeit inhaltlich Spaß macht und gut bezahlt ist.

Unerkannte Möglichkeiten 

Trotz dieser Vorteile ist die wissenschaftliche Mitarbeit längst nicht der gängigste Einstieg in eine Wirtschaftskanzlei. So gaben fast 70 Prozent der Teilnehmer in der aktuellen azur-Umfrage an, direkt bei ihrem aktuellen Arbeitgeber eingestiegen zu sein, ohne dort vorher ein Praktikum oder eine Stage absolviert oder gar als wissenschaftlicher Mitarbeiter einen Fußabdruck hinterlassen zu haben. Von allen Optionen, in einer Kanzlei Fuß zu fassen, prägt das Referendariat die Praxis: Knapp 16 Prozent der Teilnehmer der azur-Umfrage blicken auf ein Referendariat in ihrer Kanzlei zurück. Hingegen ist das Praktikum von deutlich geringerer Bedeutung für den Berufseinstieg in einer Kanzlei, was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass der Weg zum Examen und zur ersten Festanstellung noch weit ist. Der wissenschaftliche Mitarbeiter ist dagegen schon genauer orientiert. Laut azur-Umfrage qualifizierten sich rund sechs Prozent der Befragten allein durch die wissenschaftliche Mitarbeit für eine weitergehende Beschäftigung, während rund fünf Prozent ihre wissenschaftliche Tätigkeit mit einem Referendariat bei dem späteren Arbeitgeber kombinierten. 

Wissenschaftliche Mitarbeit ist jedoch nicht gleich wissenschaftliche Mitarbeit. Fakt ist: Alle Kanzleien tun es, aber das Wie-weshalb-warum kann durchaus variieren. Daher gelten bei der Auswahl des Arbeitgebers die gleichen Grundfragen wie bei einer Referendarstage: Ist der Kanzleityp ausschlaggebend für die Anstellung und die Aufgaben? Welche Aufgaben übernehmen wissenschaftliche Mitarbeiter im Kanzleialltag? Und ebenfalls nicht uninteressant: Was verdienen sie im Marktvergleich? 

Was ist überhaupt ein wissenschaftlicher Mitarbeiter? 

Für Wirtschaftskanzleien gilt als wissenschaftlicher Mitarbeiter, wer in einem befristeten und flexiblen Arbeitsverhältnis angestellt ist. Wenn der Bewerber noch kein Staatsexamen in der Tasche hat, arbeitet er als studentische Hilfskraft mit. Er fertigt im besten Fall Aktenvermerke an oder begleitet die wissenschaftliche Publikationstätigkeit von älteren Associates oder Partnern. Die wissenschaftliche Mitarbeit beginnt streng genommen erst im Anschluss an das erste Staatsexamen. Die Aufgaben können dann inhaltlich deutlich variieren. Je höher der Ausbildungsstand ist, desto höher sind die Erwartungen der Kanzleien in Bezug auf Schnelligkeit und Selbstständigkeit, und desto umfassender und anspruchsvoller werden auch die Aufgaben.

Vor allem nach der Anwaltsstation und ab dem zweiten Staatsexamen kann der wissenschaftliche Mitarbeiter den Kanzleimittelbau entlasten. So wird die wissenschaftliche dann langsam zur juristischen Mitarbeit: Gutachten und Schriftsätze entwerfen, die Anwälte bei Prozessen unterstützen. Bei Kümmerlein, einer mittelgroßen, renommierten Kanzlei aus dem Ruhrgebiet, gehören sogar erste Kontakte zu Mandanten zum Arbeitsalltag der doppelt examinierten wissenschaftlichen Mitarbeiter. Voraussetzung ist allerdings, dass die Arbeitsaufträge wenig zeitkritisch sind, denn der typische wissenschaftliche Mitarbeiter hat im Laufe der Woche noch anderes vor. 

Lebensunterhalt für die Promotion 

Er nutzt das flexible Arbeitsverhältnis und die Ressourcen der Kanzleien vor allem zur akademischen Weiterbildung. Die Promotion ist dabei meist das übergeordnete Ziel. Zeitlich fahren die Kanzleien und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter dabei ganz unterschiedliche Modelle. Bei P+P Pöllath + Partners zum Beispiel entspricht die Mitarbeit eher einer Teilzeittätigkeit, die weniger intensiv ist als die Teilzeitarbeit von Associates. Letztendlich packen wissenschaftliche Mitarbeiter bis zu drei Tage in der Woche in einem Team mit an, um die verbleibenden vier Tage an ihrer Dissertation zu feilen. In anderen Kanzleien, beispielsweise bei Rödl & Partner, sind längere Auszeiten für akademische Projekte im Anschluss an Phasen intensiver Projektarbeit möglich. Diese sind bei Rödl & Partner gar spontan verlängerbar, sollten sich Forschungs- oder Schreibphase als sehr produktiv erweisen. In Praxisgruppen vieler Kanzleien, deren Alltag etwa im Transaktionsgeschäft durch mehrwöchige, intensive Projektarbeit auch über Grenzen und Zeitzonen hinweg geprägt ist, sind Auszeiten en bloc ebenfalls gängige Praxis. Denn nicht nur die Doktoranden selbst, sondern auch die Arbeitgeber haben ein Interesse daran, dass die Promotion erfolgreich zum Abschluss gebracht und nicht durch eine allzu intensive Nebentätigkeit abgelenkt wird. Schließlich wollen viele Kanzleien gerne Anwälte einstellen, die einen Doktortitel vor dem Namen tragen. 

Gut bezahlter Nebenjob? 

Dass die Wirtschaftkanzleien, vor allem die großem mit internationalem Zuschnitt, ihren Associates sehr gute Gehälter bezahlen, ist unter Juristen gut bekannt. Davon profitieren auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter. Ihre Bezahlung ist dem Niveau der angestellten Anwälte angepasst – quasi als Köder für eine spätere Festanstellung. Generell gilt: Das Stundensalär steigt mit dem Ausbildungsstand. 

Das Stundensalär eines Mitarbeiters ohne Staatsexamen rangiert auf einem Niveau, das 15 Euro pro Stunde selten übersteigt. Deutlich höher kann das Gehalt dann ausfallen, wenn alle Scheine für das erste Staatsexamen vorliegen. Linklaters oder FPS Fritz Wicke Seelig zahlen wissenschaftlichen Mitarbeitern dann bereits bis zu 23 Euro pro Stunde. Wer ein erstes Prädikatsexamen im Gepäck hat, bekommt 20 bis 25 Euro pro Stunde. Ist die Anwaltsstation bewältigt, bieten Kanzleien gerne auch 30 Euro pro Stunde. Abhängig von der Kanzlei und dem Standort ist mitunter aber auch ein deutlich geringeres Gehalt durchaus üblich. Allerdings nimmt dann, wie bei Rödl & Partner, oft auch die zeitliche Flexibilität des Arbeitsverhältnisses zu.

Grundsätzlich gilt, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter ihre Gehälter mit steigendem Ausbildungsstand stärker verhandeln können. Vor allem mit einem zweiten Prädikatsexamen sind sie in einer komfortablen Position, erst recht, wenn der Arbeitgeber sie langfristig in seinen eigenen Reihen sehen will. Ihre Gehälter orientieren sich dann bereits an denen der Associates. Mit bis zu 40 Euro zahlt beispielsweise GSK Stockmann + Kollegen wissenschaftlichen Mitarbeitern mit zweitem Examen einen sehr hohen Stundenlohn. Wer in dieser Gehaltshöhe seinen eigenen Marktwert verortet, muss allerdings auch entsprechende Leistungen erbringen, um die Associates optimal zu unterstützen und so den Mittelbau seiner Kanzlei zu entlasten. (Martin Ströder)