Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Anika Verfürth

Wer im Glashaus sitzt

Ein gestandener Wirtschaftsanwalt trägt Anzug, fährt mindestens Mercedes und hat sein eigenes Büro. Oder nicht? Zumindest Letzteres mag bald schon der Vergangenheit angehören. Open Space heißt das neue Bürokonzept, das sich langsam in die Kanzleiwelt vortastet. Und es funktioniert so: Wände raus, Glas rein.

Von Anika Verfürth

Von der hektischen Baustelle führt ein Gang in den anderen Gebäudeteil. Hinter der Tür ist es plötzlich still. Alles riecht neu. Die Atmosphäre ist ruhig, aber geschäftig: Gedämpfte Gespräche und leises Tippen auf der Tastatur. Rechts eine Art Glaskabine mit einem grau-blauen Stuhl vor einem leeren Tisch aus dunklem Holz mit zwei Bildschirmen, links vor der Fensterfront eine Tischgruppe mit sechs Arbeitsplätzen. Rechts hinter der runden Glaskabine ist noch eine Tischgruppe mit vier Tischen, getrennt vom Rest des Raums durch halbhohe Wände. Heute ragen drei Köpfe hervor. Geradeaus noch eine Glaskabine, in der drei Personen sprechen – zwei am Tisch, eine auf dem Bildschirm, zugeschaltet per Video. Ein Bewerbungsgespräch. Hinter der Bildschirmwand ist eine weitere Glaskabine. Die Tür steht offen, in der Mitte des Raums steht ein einzelner Schreibtisch, an der Wand hängt ein Gemälde in blau-grauen Tönen. Ein Partner-Büro.

So sieht sie aus, die neue Bürowelt in der US-Kanzlei Latham & Watkins. Hier im ersten Teil des frisch umgebauten Frankfurter Büros sitzen die Anwälte aus verschiedenen Praxisgruppen zusammen. Denn was viele nur aus London kennen, ist seit Mitte Januar in Frankfurt Realität: ein Großraumbüro für Juristen einer Großkanzlei. Wobei mit Juristen eigentlich Associates, wissenschaftliche Mitarbeiter und Referendare gemeint sind. Partner und Counsel sitzen zwar auch mit im Raum, aber eben hinter Glaswänden im eigenen Büro. Wer als Berufseinsteiger bei Latham in Frankfurt anfängt, muss sich vom Traum des eigenen Büros erst einmal verabschieden.

Das Projekt war lange geplant. Im Sommer 2017 lagen die Pläne der Architekten vor. Nach drei Bauphasen werden voraussichtlich Ende dieses Jahres rund 90 Arbeitsplätze am Standort in eine neue Umgebung umgezogen sein. Progressive Space heißt es hier. „Solange der Plan nur theoretisch bestand, gab es teilweise große Bedenken von den Associates“, sagt Managing-Partner Oliver Felsenstein. Doch mit der ersten Besichtigung kam der ,Aha-Moment‘. Außer ihm, dem größten Verfechter des Projekts, und den Architekten konnten sich nur wenige das Vorhaben vorstellen, geschweige denn sich dafür begeistern. Die traditionell geprägte deutsche Kanzleilandschaft legt eben immer noch viel Wert auf ihre Statussymbole. Und eines davon ist das Einzelbüro.

Latham & Watkins

Für viele schwer vorstellbar: Wer bei Latham & Watkins in Frankfurt einsteigt, wird erst als Partner ein eigenes Büro haben.

Was in London oder New York vor allem für junge Associates schon lange gang und gäbe ist, hat bisher noch nicht den Sprung in die deutschen Anwaltskanzleien geschafft. Die Vorstellung, in einem Raum zu sitzen, getrennt durch halbhohe Raumteiler und kaum Privatsphäre, schreckt viele ab. Und so musste Felsenstein viel Überzeugungsarbeit im eigenen Haus leisten.

Der Gegenwind blies ihm aber nicht nur von intern, sondern vor allem von extern entgegen. Wettbewerber, die von den Plänen hörten, schmunzelten. Anwälte ohne eigenes Büro, das gehöre sich nicht. „Ich verbringe so viel Zeit in der Kanzlei, da möchte ich auch mein eigenes Büro haben“, sagt ein Partner einer großen deutschen Kanzlei, die für einen geplanten Neubau auf keinen Fall auf Wände verzichten möchte. Und für Partner soll das Büro dann auch bitte so groß sein, dass der Schreibtisch frei in der Mitte stehen kann.

Vorreiter Rödl

Rödl & Partner

Großraum in Reinform: Rödl in Köln verzichtet schon seit Jahren gänzlich auf Wände – auch für Partner.

Was für Latham einen Riesenschritt und viel Mut bedeutete, ist bei Rödl & Partner seit Jahren Arbeitsalltag. Bereits im Jahr 2009 bezog der Kölner Standort der multidisziplinären Mittelstandskanzlei sein erstes Großraumbüro. Auf der 13. Etage des Kranhauses am Rheinauhafen gibt es kaum Wände – auch nicht aus Glas. Die Arbeitsplätze stehen in Vierergruppen und sind so aufgestellt, dass sie an der Innenseite getrennt durch halbhohe Regale einen offenen Gang bilden.

Am Ende des einen Trakts befindet sich Martin Wambachs Büro. Er ist einer der geschäftsführenden Partner und Gründer des Kölner Standortes. Keine Glaswand, dafür ein offener Durchgang ohne Tür trennt ihn vom Rest des Raumes, der sich über einen guten Teil der gesamten Gebäudelänge zieht. Davor sitzt seine Sekretärin. „Wenn ich von meinen Mitarbeitern erwarte, im offenen Büro zu arbeiten, darf ich mich selber auch nicht abkapseln“, sagt Wambach. „Und heute würde ich auch diese eine Wand noch rausreißen.“

Der Teil des Büros ist mit fast neun Jahren der älteste. Im Laufe der Zeit kamen weitere Flächen in Köln hinzu. Bereits vor fünf Jahren bezog Rödl zusätzlich die sechste Etage im Kranhaus, zuletzt eine weitere im Nachbargebäude. Die anfänglichen Erfahrungen aus der 13. Etage wurden gesammelt und weiterentwickelt. So sind die Arbeitsplätze beispielsweise weiterhin in Vierergruppen angeordnet, nun aber versetzt zueinander. 

Open Space ist das Buzzword. Und es klingt so viel eleganter als Großraumbüro. Doch die Nachteile eines offenen Raumkonzepts liegen für seine Kritiker auf der Hand: fehlende Privatsphäre, kein konzentriertes Arbeiten, ein Gefühl der Kontrolle bei Mitarbeitern und kein Raum für Vertraulichkeit. „Bei einem offenen Raumkonzept sind die Rückzugsmöglichkeiten ein zentrales Element“, sagt Latham-Partner Felsenstein. Dafür gibt es die sogenannten Fokusräume. Mit verschiedener Ausstattung sollen sie jeweils die passende Arbeitsumgebung bieten.

Das reicht von vollumfänglicher Technik mit Platz für mehrere Personen bis hin zu Räumen, in denen nur eine Person Platz hat oder nicht mal eine Steckdose vorhanden ist – da ist nicht mal Ablenkung durch Technik möglich. „Wenn ein Anruf kommt, den man ungestört und ohne Mithörer führen möchte, steht man auf und geht in den nächsten freien Fokusraum“, erklärt Felsenstein. Damit das reibungslos funktioniert, gibt es entsprechend viele solcher Räume. Aber vor allem muss die Technik mitspielen. Die Anwälte haben deshalb alle ein schnurloses und geräuschdämmendes Headset. Damit können sie sich jederzeit frei im Büro bewegen, ohne das Telefonat unterbrechen zu müssen. Gleiches gilt für den Gebrauch von Laptops, die jederzeit in jeden beliebigen Raum mitwandern können. Die Investitionen in neue und moderne Technik machen für Latham auch einen Großteil der Gesamtinvestition für dieses Projekt aus.

Ob nun Open Space, Progressive Space oder Großraum, das Konzept hat auch Vorteile. Einer ist, mehr spontane Kommunikation zwischen den Mitarbeitern zuzulassen. „Die Hemmschwelle, Kollegen anzusprechen, ist geringer geworden, weil man sich auch mal eben ansprechen kann, statt zum Hörer greifen zu müssen“, sagt Christoph Vaske. Der 31-Jährige ist seit Januar 2017 bei Latham tätig. „Früher musste man lange suchen und viele Flure entlanglaufen, bis man die Leute fand, die man konkret sprechen wollte“, ergänzt Felsenstein. „Gerade für Berufseinsteiger ist es nach Jahren in der Bibliothek doch nur förderlich, wenn sie nicht in einem Einzelbüro weggeschlossen werden, sondern mitten im Geschehen sitzen.“

Was soll ich mit Räumen?

Rödl & Partner

Multidisziplinär: Bei Rödl sitzen Anwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer nach Branchenspezialisierung zusammen.

Mitten drin sitzen die Mitarbeiter auch bei Rödl. Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater arbeiten direkt zusammen. Wer mit wem in einer Ecke sitzt, ergibt sich durch die Branche, in der sie tätig sind. Energiewirtschaft, Gesundheitswesen oder Private Clients. „Was soll ich mit Räumen? Wenn ich Teams möglichst flexibel entsprechend der Branche oder des Mandats zusammen stellen möchte, sind feste Wände schlicht im Weg“, erklärt Standortleiter Wambach. Dieser Struktur folgend macht Rödl auch bei der Seniorität der Mitarbeiter keinen Unterschied. Hier gibt es keine extra Glastür für die Partner. Eines ist für Wambach aber wichtig: „Jeder hat seinen festen Platz. Wir wollen nicht, dass die Mitarbeiter jeden Tag mit ihren Rollcontainern einen neuen Platz suchen müssen.“ Das sei wichtig für die Zugehörigkeit zum Unternehmen.

Im Vergleich dazu ist das neue Büro von Latham eher semi-closed als Open Space. Partner haben hier weiterhin ein eigenes Büro. Die Aufteilung, wer wo sitzt, wurde dabei den Praxisgruppen überlassen. Aber es gibt auch weiterhin noch vereinzelte Associatebüros. „Viele müssen vielleicht erst mal ausprobieren wie es ist, nicht mehr in einem geschlossenen Büro alleine zu sitzen“, sagt Felsenstein.

Wenn Ende des Jahres die letzte Bauphase abgeschlossen ist, wird dennoch kein Partner mit an einer Tischgruppe sitzen. Verstärkt das nicht erst recht die Hierarchie? „Die Sichtbarkeit macht einiges aus. Man sieht, ob der andere telefoniert, konzentriert an einer Sache arbeitet oder man mal eben rüberwinken kann, um sich spontan zu besprechen“, sagt Vaske. Für Felsenstein war das halboffene Konzept das höchste der Gefühle. „Alles andere wäre zu radikal gewesen. Da ist die Branche vielleicht in 20 Jahren angekommen.“ Zudem steige mit der Seniorität der Anwälte auch die vertrauliche Arbeit.

Schließfach für Sportklamotten

Dazu zählen zum Beispiel Personalgespräche. Bei vertraulichen Verhandlungen, etwa mit Quereinsteigern, hat die Open-Door-Policy Pause. Eine solche Unterhaltung müsse ja nicht gleich das ganze Büro mitbekommen, meint Felsenstein. Ein Problem, das sich erst im Praxistest herausstellte, waren die Sportklamotten der Anwälte. Was früher nach der Pause im Fitnessstudio einfach hinter der Tür im eigenen Büro verschwand, lag plötzlich mitten im durchgestylten Progressive Space. Schnell wurden Schließfächer nachgerüstet. Auch die Arbeitsplätze sollen ordentlich sein. Die „Clean-Desk-Policy“ oder die „One-Plant-Policy“ sorgen dafür, dass nicht jeder seinen eigenen Urwald züchtet. Aber auch die Partner haben bei der Bürogestaltung nicht freie Hand, schließlich sind die Bürowände aus Glas. Private Bilder an der Wand sind deshalb nicht erlaubt.

Ein großer Kritikpunkt des Großraumbüros ist die mangelnde Privatsphäre. Jeder kann immer sehen, was der andere gerade am Bildschirm macht. Eine Sichtschutzfolie wollten die Associates laut Felsenstein nicht. „Bei so vielen Stunden, die ich hier verbringe, ist es ganz normal, zwischendurch auch mal Privates zu erledigen“, sagt Vaske. „Von mir aus sollen sie gerne bei Zalando bestellen“, sagt sein Chef.

Apropos Zalando: In Rechtsabteilungen ist das Großraumbüro schon weit verbreitete Normalität. Auch beim Onlinehändler kennen die Juristen es nicht anders als direkt neben ihren Kollegen zu sitzen. Doch im September vergangenen Jahres ist die Rechtsabteilung noch einen Schritt weiter vom klassischen Großraum hin zum Open-Space-Büro gegangen. „Spontanes und projektbezogenes Arbeiten wird immer zentraler in unserem Arbeitsalltag“, sagt Michael Menz, General Counsel von Zalando. Neben den klassischen Schreibtischen auf der Fläche bietet das neue Konzept verstärkt Möglichkeiten genau dafür. Ob auf der Couch, an einem Stehtisch, in einem Sessel, umgeben von Grünpflanzen, oder in der Bibliothek: Für jeden und jede Arbeit ist etwas dabei. „Die verschiedenen Umgebungen helfen enorm, die tägliche Arbeitsroutine aufzubrechen“, erklärt Menz. Anders als bei Latham oder Rödl telefonieren die Zalando-Juristen kaum an ihrem Arbeitsplatz. Festnetztelefone sind sowieso Vergangenheit, im Großraumbüro führen sie nur kurze Telefonate. Für alles andere gehen sie in die Telefonzelle – eine Art Glaskabine mit Platz für eine Person, stehend. Open Space ist also schon ein bisschen retro. Zalando verzichtet auch auf den festen Arbeitsplatz für jeden. „Der Großteil von uns arbeitet bereits so viel mobil, da braucht es keinen festen Schreibtisch mehr“, sagt Menz. Die Open-Space-Flächen regen jetzt noch zusätzlich zum Wechsel des Arbeitsortes an.

Orte der Begegnung

Rödl & Partner

Arbeiten wie im Café: Die Working-Lounge direkt am Rhein können die Rödl-Anwälte drei Tage pro Woche nutzen. Wer möchte, kann den Raum gleich ganz mieten.

Wer bei Rödl nicht am Arbeitsplatz und auch nicht in einem der kleineren Meeting- oder Fokusräume arbeiten möchte, hat seit Anfang des Jahres noch eine weitere Option: die Working-Lounge. Im Erdgeschoss, mit Terrasse und direktem Rheinzugang, können die Mitarbeiter nun an drei Tagen in der Woche arbeiten. Kleine Sitzgruppen in den Ecken, lange Thekentische und eine Kaffeemaschine im Cateringbereich sorgen für eine Atmosphäre wie in einem Café. Ansonsten wird der Raum für Abend- und Mandantenveranstaltungen genutzt. Auch bei Latham soll das neue Progressive-Space-Büro diese abwechslungsreichen Freiräume bieten. So entsteht in der aktuellen Bauphase eine solche Working-Lounge auch in Frankfurt. „Wozu man sonst eher mal in ein Café gegangen ist, kann man künftig in der neuen Lounge machen“, sagt Felsenstein. Brainstorming, lockerer Austausch, Kaffeepause. Dieser Teil des Projektes ist für Latham weltweit ein Pilot. Hat etwa das Büro in New York City bereits eine Art Open Space, gibt es diese Working-Lounge nun erstmalig in Frankfurt. „Das ist auch für uns ein Experiment, wir sind sehr gespannt, wie das funktioniert“, so Felsenstein.

Wettbewerber sehen die Bürokonzepte nach wie vor skeptisch für deutsche Großkanzleien. Dennoch standen schon die ersten bei Latham vor der Tür, die einen neugierigen Blick in das neu konzipierte Büro werfen wollten. Fakt ist: „Die Allermeisten, die einmal im offenen Büro gearbeitet haben, wollen auch nicht mehr zurück“, bringt es Zalando-General Counsel Menz auf den Punkt. Der Entschluss, auf Einzelbüros zu verzichten, ist aber gleichzeitig der Entschluss,
eine neue Unternehmenskultur zu implementieren. Ob nun Open Space oder doch erst mal semi-closed. ▪