Magazin-Artikel
28.10.2016 | Autor/in: Eva Lienemann

Watson, übernehmen Sie!

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Supercomputer übernehmen die Arbeit von Associates, Mandate kommen online ins Haus: Eine große Legal-Tech-Welle bringt das konservative Weltbild der Anwaltsbranche ins Wanken. Eine gute Nachricht für Berufseinsteiger: Wer neben Jura die Technik versteht, dem bietet die schöne neue Welt gute Aussichten.

von Eva Lienemann

Wirtschaftsanwälte haben es gut: Sie sitzen hinter ihrem schweren Eichenholzschreibtisch, vertiefen sich stundenlang in Verträge, Klauseln, Telefonate – und stellen am Ende eine gesalzene Rechnung, nach Stunden abgerechnet, versteht sich. Einerseits. Andererseits arbeiten sie wie der Finanzierungs- und Restrukturierungsexperte Dr. Oliver Rossbach, Partner der Hamburger Kanzlei Pier 11 Göthel Rossbach Schmitz. Der hat bestimmt auch einen edlen Schreibtisch, allerdings läuft während seiner Arbeit nicht mehr automatisch eine Uhr, die die abrechenbaren Stunden zeigt.

„Radikale Änderung“

Franz Schmitz, Oliver Rossbach und Stephan Göthel von Pier11.

Franz Schmitz, Oliver Rossbach und Stephan Göthel von Pier11.

Als sich der 46-Jährige mit zwei Partnern – alle arbeiteten zuvor in der Großkanzlei Taylor Wessing – im Sommer 2015 selbstständig machte, entschlossen sie sich, eine klare Alternative zum Modell des Stundenhonorars anzubieten. Zum Beispiel die Abrechnung nach Festpreisen. Weniger Zunftwesen, mehr Unternehmen: Das will Pier 11 sein. Diese Kanzlei ist nur ein Mosaikstein in einem neu entstehenden Bild des deutschen Wirtschaftsanwaltsmarkts: „Junge Juristen werden zukünftig mit einer Branche konfrontiert, die sich radikal ändert“, sagt Rossbach.

Was er damit meint, zeigt sich an einem anderen Beispiel, und das findet man im Internet: Anfang des Jahres hat Legalbase.de, ein Start-up mit Sitz in Berlin, mithilfe einer großen Finanzspritze aus den USA seine Dienste aufgenommen. Für einen Rechtsrat genügen drei Klicks: Produkt zum Festpreis aussuchen, Anwalt wählen, Ergebnis erhalten. Das Unternehmen greift auf ein Netzwerk freier Juristen aus ganz Deutschland zurück, die Leistungen wie Unternehmensgründungen oder Markenanmeldungen anbieten. Auch Rossbach und seine Partner akquirieren auf diesem Weg neue Mandate.

Beide Beispiele stehen für eine neue Art der Rechtsberatung, über die sich auch die ein oder andere am Markt etablierte Großkanzlei Gedanken machen wird: Sie ist effizient, transparent, digital. Vor allem die Digitalisierung der Rechtsberatung – besser bekannt unter dem Schlagwort „Legal Tech“ – schwappt derzeit wie eine große Welle über den eher konservativen Markt. Mit schweren Eichenholztischen und der Arbeit im stillen Kämmerlein hat das nur noch wenig zu tun.

In drei Stufen zur digitalen Kanzlei

Auf dem Weg zur digitalen Kanzlei erklimmen die Anwälte idealerweise drei Stufen. Auf Stufe 1 geht es dabei weniger um juristische Problemlösungen, sondern um das Managen von Arbeitsabläufen in der Kanzlei: um die elektronische Verwaltung, um Spracherkennungssoftware oder die Lohnbuchhaltung per Computer. Das gehört in vielen Kanzleien schon zum Standard.

Stufe 2 ist viel branchenspezifischer und ist das Neuland, das derzeit viele Kanzleien betreten. Es geht dabei um den Einsatz von Software, die auch Vorhersagen treffen kann, die ursprünglich von Anwälten getroffen wurden. Es geht um die automatisierte Verwaltung und Generierung von Verträgen. Viele Kanzleien ahnen derzeit schon, dass sich auf dieser zweiten Stufe ihre Arbeit verändern wird: Sie brauchen anders qualifizierte Mitarbeiter, weniger womöglich, falls es tatsächlich soweit kommen sollte, dass künstlich intelligente Systeme wie IBMs Rechner Watson den Anwaltskollegen ersetzen. Das wäre jedoch Stufe 3 und bislang noch Zukunftsmusik, zumindest für den direkten Einsatz in Deutschland.

In Kanada haben Studenten der Universität Toronto indes die Watson-Technologie bereits genutzt, um den künstlich intelligenten Anwalt Ross zu erschaffen. Seit Mai dieses Jahres arbeitet Kollege Computer nun neben seinen menschlichen Kollegen in der insolvenzrechtlichen Praxis der US-Kanzlei Baker Hostetler und nimmt First-Year-Associates das Aktenwälzen ab, weil er in Sekundenschnelle riesige Mengen lesen und analysieren kann. Willkommen in der Zukunft.

Dass Watson auch Deutsch lernen wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. Wie interessiert Watson-Erfinder IBM am deutschen Legal-Tech-Markt ist, zeigt sich auch daran, dass der amerikanische Konzern seine weltweite Zentrale für den Supercomputer dieses Jahr nach München verlegt hat.

Dr. Stefan Mück, Vordenker für die Nutzung neuer Technologien bei IBM, meint, dass sich vor allem für das Massengeschäft oder Verfahren mit hohem Streitwert die Investition in künstliche ­Intelligenz lohnt: „Watson ist einfach schmerzfreier bei der Bearbeitung riesiger Aktenberge“, sagt Mück. Doch was bedeutet diese neue Art der Rechtsberatung für die Juristenausbildung und den Einstieg in den Beruf?

Kanzleistrukturen verändern sich

Micha-Manuel Bues - Jurist, Blogger und Geschäftsführer des Legal-Tech-Unternehmens Leverton.

Micha-Manuel Bues – Jurist, Blogger und Geschäftsführer des Legal-Tech-Unternehmens Leverton.

Einer, der die Digitalisierung des Rechtsmarkts schon seit Jahren beobachtet, ist Dr. Micha-­Manuel Bues. Jurist, Blogger und neuerdings Geschäftsführer des Legal-Tech-Unternehmens Leverton. Der 31-Jährige glaubt, dass Legal Tech vor allem für junge Juristen eine große Chance ist, denn: „Junge Berufseinsteiger sind die natürlichen Verbündeten der Digitalisierung.“ Neben der Bereitschaft für vernetztes Arbeiten braucht es in Zukunft vor allem Juristen, die Verbindungen zwischen Jura und IT herstellen können.

Zu diesem Schluss kommt auch eine Untersuchung zur Zukunft des Rechtsmarkts, die die Bucerius Law School kürzlich gemeinsam mit der Boston Consulting Group erstellte. Kanzleistrukturen werden sich verändern, zukünftig wird es einen viel höheren Bedarf an sogenannten Legal-Tech-Managern geben: Das können sowohl Anwälte als auch IT-Experten sein.

Legal Tech an der Uni

Auf diese neuen Berufsanforderungen stellen sich mittlerweile auch die ersten Universitäten ein. An der Universität Münster kann man seit dem Sommersemester ein Blockseminar zum Thema Legal Tech belegen. Die private Bucerius-Hochschule in Hamburg hat nach amerikanischem Vorbild gleich ein eigenes Institut zum Thema gegründet: den Bucerius Law Port. Er will angehenden und berufserfahrenen Juristen Legal Tech in Fortbildungen, Vorlesungen und einer Summer School nahebringen.

Wer sich für die digitale Welt interessiert, die wohl für die meisten der künftigen Anwälte schon von Geburt an zur Lebenswirklichkeit gehört, kann sich auch fernab der Uni vernetzen. Erst kürzlich gründete sich die European Legal Tech Association ­(ELTA), ein Verband, in den nicht nur Kanzleien und Rechtsabteilungen, sondern auch interessierte Einzelpersonen eintreten können, um sich über die neue Branche auszutauschen.

Bues, einer der Mitinitiatoren beider Projekte, glaubt, dass sich aus der Verbindung zwischen IT und Jura Nischen ergeben werden. „Man braucht Juristen, die beides verstehen“, sagt er. Denn es ist abzusehen, dass die rechtliche Beratung durch die Unterstützung von Software, aber auch durch neue Kanzlei­formen immer mehr in Einzelteile zerlegt und an vielen Stellen automatisiert wird. Dass Berater dann immer mehr mit Prozessmanagern und ITlern zu tun haben werden, gilt als sehr wahrscheinlich.

 Konservative Branche

Doch eines dürfen auch Kanzleien beim Thema Legal Tech nicht aus den Augen verlieren: den Mandanten, oft genug Mittelständler, der selbst womöglich wenig affin ist, was den Einsatz von neuer Technologie angeht. Entsprechendes gilt für das Angebot neuer Pricing-Modelle, wie sie die Kanzlei Pier 11 anbietet. „Die meisten unserer Mandanten sind zwar begeistert, dass wir die Beratung zum Festpreis anbieten“, sagt Rossbach aus Hamburg. „Doch wir haben auch festgestellt, dass zu viel Innovation in einer doch sehr konservativen Branche mitunter noch nicht ausreichend honoriert wird.“ Was die Zukunft der Rechts­beratung angeht, ist es also ein Lernprozess für beide Seiten. Den Anwalt hinter dem schweren Eichenholztischschreibtisch wird es wohl weiterhin geben. Doch die jungen Tech Manager ­werden in Zukunft vermehrt an seine Bürotür klopfen. <<