Magazin-Artikel
15.05.2020 | Autor/in: Martin Ströder
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Verleiht Flügel – gefragte Öffentlichrechtler

Juristen mit einem öffentlich-rechtlichen Schwerpunkt haben auf dem Arbeitsmarkt beste Chancen. Nerds für Bodenschutz- oder Wasserrecht haben es allerdings schwer, wenn sie nur an Details interessiert sind. In Zeiten des Regulierungsbooms sind Absolventen gefragt, die teamfähig sind und Sektorenwissen mitbringen.

Wenn die großen Kanzleien das meiste Geld mit M&A-Beratung verdienen, dann sind intern die Rollen von Koch und Kellner schnell verteilt. Landläufig kursiert die Vorstellung, dass der Öffentlichrechtler hinter den verschlossenen Türen des Datenraums allein der Transaktionspraxis zuarbeitet. Kurzum: Das Öffentliche Wirtschaftsrecht in Großkanzleien ist nicht als Traumfabrik junger Juristen bekannt. Deswegen heuern Absolventen mit öffentlich-rechtlichem Schwerpunkt gerne bei Ministerien oder Behörden an. Andere versuchen es in Unternehmen oder in Boutiquen, wo sie mit einigen bedeutenden Ausnahmen eher das klassische, sehr an Verwaltungsverfahren orientierte Öffentliche Recht ausüben.

Diese Variante macht eine hohe Spezialisierung notwendig. Was viele nicht wissen: Auch die integrierte Groß- oder Full-Service-Kanzlei kann Öffentlichrechtlern eine Heimat bieten – möglicherweise sogar wieder mehr als noch vor einigen Jahren. Bei Hengeler Mueller zum Beispiel, so versichern Partner, ist es für Öffentlichrechtler heute einfacher Partner zu werden, als jemals zuvor. Regulierung ist ein internationaler Megatrend unserer Zeit – das schlägt sich auch deutlich erkennbar in der Arbeit von Juristen nieder.

Anderer Denkansatz: Dass Öffentlichrechtler eher aus der Sicht des Staates denken, hält Nils Ipsen von Lindenpartners für entscheidend.

„Gesellschaftsrecht ist immer häufiger eine austauschbare Kompetenz, aber das Öffentliche Recht als Add-on ermöglicht uns den Einstieg in interessante Projekte“, erklärt Dr. Nils Ipsen, Partner der Berliner Kanzlei Lindenpartners. Sie ist keine Großkanzlei, jedoch eine moderne Full-Service-Einheit mit gut 30 Anwälten, die das Gewicht des Öffentlichen Rechts für ihre Mandanten entdeckt hat.

Im Energie-, Verkehrs-, Telekommunikations-, Gesundheits- oder auch im Bankensektor – überall stehen große technische und rechtliche Veränderungen an, die für das wirtschaftliche Handeln der Unternehmen relevant sind. Regulierung und Infrastruktur sind die Stichwörter, die die öffentlich-rechtlichen Partner in den Großkanzleien in die Hände klatschen lässt.

Ohne Transaktionen läuft es nicht.

„Viele Absolventen sehen heute über den Corporate-Mainstream hinaus und interessieren sich für politiknahe Bereiche von Klimawandel bis Infrastrukturausbau“, sagt Dr. Maximilian Uibeleisen, Partner bei Ashurst. „Themen, die heute zwangsläufig in den regulierten Industrien spielen und die auch in Full-Service-Kanzleien stattfinden.“ Dafür hat er großes Verständnis: Absolventen müssten sich aber bewusst sein, dass sie in der Großkanzlei nicht wie früher als einsame Spezialist unterwegs sein und Transaktionen grundsätzlich meiden könnten.

Das Gegenteil ist vielmehr richtig: Denn ein großer Teil der Projekte in den regulierten Industrien sind immer auch Transaktionen. Der Unterschied ist allerdings, dass viele der lukrativsten Unternehmenskäufe und -verkäufe, wie zum Beispiel der Verkauf des Industrieparkbetreibers Currenta oder des Desinfektionsmittelherstellers Schülke, sich mittlerweile in den regulierten Industrien abspielen. Denn in Zeiten niedriger Zinsen stecken Investoren ihr Geld sehr gerne in Infrastrukturanlagen, die stabile Cash-Flows bieten. Das können regulierte Anlagen wie Straßen, Kraftwerke oder Glasfasernetze sein, aber auch Industrieparks oder Krankenhäuser und Pflegeheime. Bei solchen Transaktionen kann das Know-how des Öffentlichrechtlers den Unterschied machen, wenn er denn verstanden hat, wofür ein Investor ihn brauchen könnte. „Man kann in den regulierten Industrien und im Infrastrukturbereich keine gute Transaktionsberatung machen, wenn man ausschließlich den Transaktionskontext kennt“, sagt Uibeleisen. „Dem asiatischen Investor müssen Sie zum Beispiel erklären können, wie die komplexe regulierte Vergütung eines Offshore-Windparks funktioniert, in den er investieren möchte.“

Mehr als ein Transaktionsberater: Für Maximilian Uibeleisen bringen die Öffentlichrechtler den entscheidenden Mehrwert in Deals.

Eine Frage der Strukturierung.

Transaktionen in regulierten Wirtschaftssektoren sind ein wichtiges Betätigungsfeld für Öffentlichrechtler – und sicherlich ein gutes Argument, die Wertschätzung ihres Wissens einzufordern, etwa durch gute Karriereperspektiven. Daneben gibt es aber auch andere Großprojekte, die zwischen dem klassischen M&A-Geschäft und dem klassischen Öffentlichen Recht spielen. Vor allem diese Projekte dürften Absolventen mit öffentlich-rechtlichem Schwerpunkt aufhorchen lassen. Die Gaspipeline Nord Stream 2 ist ein bekanntes Beispiel.

Solche Regulierungsprojekte ziehen sich oft über Jahre. Häufig sind es Pilotprojekte, etwa die Gründung einer Gesellschaft in einem regulierten Sektor, die mit einem neuen Geschäftsmodell an den Markt geht. Man denke etwa an den bundesweiten Start der E-Roller, die seit vergangenem Jahr aus den Städten nicht mehr wegzudenken sind. Oder die Umstrukturierung eines Unternehmens und seiner über Jahrzehnte gewachsenen Industriestandorte, deren zahlreiche Genehmigungen erneuert werden müssen. Oder länderübergreifende Infrastrukturprojekte, zum Beispiel ein Unterseekabel in der Nordsee. Solche Projekte, von denen es noch viele mehr gibt, können für Kanzleien so viel Honorar einbringen wie eine mittlere M&A-Transaktion, und nehmen oft erst über ein öffentlich-rechtliches Gutachten Fahrt auf.

Wie lässt sich das Projekt im herrschenden Regelungsdschungel gesellschafts- und steuerrechtlich aufsetzen? Welche Behörden und andere öffentliche Stellen müssen zustimmen? Und welche Gesetzesänderungen begünstigen den langfristigen Projekterfolg? Das sind Fragen, auf die Öffentlichrechtler am ehesten die Antwort wissen, zumal ein Großteil der Stellschrauben bei Behörden und Gerichten liegen, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. „Besonders wertvoll, gerade im Umgang mit europäischen Aufsichtsbehörden, sind Öffentlichrechtler, die andere Rechtsordnungen kennen“, sagt Ipsen von Lindenpartners. Er ist überzeugt davon, dass ein Öffentlichrechtler dem Mandanten in vielen Projekten oft den entscheidenden Mehrwert bieten kann.

Anders als die Zivilrechtler.

Wertvoll sind Öffentlichrechtler außerdem, weil sie juristische Probleme etwas anders denken als Zivilrechtler – mehr aus der Sicht des Staates, mit besserem Verständnis für Konzepte wie Machtausübung und Machtbegrenzung. Ipsen hält den etwas anderen Denkansatz des Öffentlichrechtlers für ausschlaggebend: „Öffentlichrechtler denken bei staatlichen Akteuren die besonderen Handlungsmöglichkeiten, aber auch die Handlungsbeschränkungen gleich mit.“ Ein relevantes Beispiel für die hilfreichen Dienste des Öffentlichrechtlers sieht Ipsen im Bankaufsichtsrecht: „Die meisten Bankaufsichtsrechtler kommen aus dem Zivilrecht. Sie gehen anders an Rechtsfragen ran, können manche Entwicklungen im einschlägigen Verwaltungsprozessrecht nicht kennen.“

Wirtschaftlich kann die andere Perspektive aber einen gewaltigen Unterschied machen – etwa, wenn eine Regulierungsbehörde im Spiel ist. Das Beispiel BaFin-Empfehlung erkläre den Unterschied ganz gut, so Ipsen: „Viele unserer Mandanten gehen davon aus, dass sie sich gegen diese Empfehlungen nicht wehren können, weil es keine Verwaltungsakte sind. Dass das in dieser Pauschalität falsch ist, ist für Öffentlichrechtler offensichtlich. Aber andererseits können Öffentlichrechtler auch zum Beispiel von Aktienrechtlern lernen, wenn es um die strengen organschaftlichen Geheimhaltungspflichten geht.“

Mit den ‚neuen‘ Projekten ändert sich allerdings das Anforderungsprofil an die Öffentlichrechtler. Mit weitgehender Freiheit und Unabhängigkeit konnten sie früher ihr Nischenwissen vermarkten, selbst in auf Profitabilität getrimmten Großkanzleien. Das ist lange her. Mittlerweile haben die Kanzleien einstige Erfolgsbereiche wie das Vergaberecht abgestoßen oder zusammengeschmolzen. Zwischenzeitlich sah es fast so aus, als würde den Öffentlichrechtlern das Schicksal der Arbeitsrechtler ereilen, die in der Großkanzlei oft nur noch transaktionsbegleitend tätig sind.

Ergo: Juristische Nerds, die in einer Nische und ihren Randbereichen alle Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts und des EuGH kennen, werden nicht mehr gebraucht. Dennoch kann es für Absolventen durchaus ein Business Case sein, eine Höchstspezialisierung zum Beispiel im Baurecht oder im Beamtenrecht aufzubauen. Allerdings nicht in den großen Sozietäten und nicht in der Full-Service-Kanzlei. Dort sind andere Eigenschaften gefragt. „Der Elfenbeinturm ist nicht mehr entscheidend. Die Öffentlichrechtler, die wir suchen, müssen Teamplayer sein“, sagt etwa Ipsen von Lindenpartners.

Juristisch denkende Wirtschaftsberater.

Das sieht auch Uiebleisen von Ashurst ähnlich: „Bei uns muss der Anwalt flexibler sein als zu sagen: ‚Guten Tag, ich bin der Baurechtsexperte.‘ Wir brauchen Leute, die international Erfahrung gesammelt haben, die im besten Fall wissen, wie die jeweiligen Sektoren funktionieren, in denen wir tätig sein wollen, denn der Mandant interessiert sich nicht ausschließlich für einen Rechtsberater in einem Nischenbereich, sondern er will einen wirtschaftlich denkenden Ansprechpartner, der sich in seinem Sektor auskennt“, erklärt Uibeleisen.

Das bedeutet: Der Öffentlichrechtler, der im Großkanzleigeschäft den Unterschied machen will, muss deutlich breiter aufgestellt sein. Er sollte aber auch kein Generalist sein, eher ein Multispezialist mit ausgeprägtem Gespür für die Probleme der Mandanten. Die muss er zunehmend auch zur Marktentwicklung in seinem Sektor beraten können. Erst durch seine Marktkenntnis in Kombination mit seinem Interesse für die regulierte Welt wird er nach außen unverzichtbar für den Mandanten und nach innen wertvoll für die Kanzlei.

Partner als interne Mandanten: Mathias Elspaß von Clifford Chance steht in engem Austausch mit den anderen Praxisgruppen.

Nicht in Vergessenheit geraten.

Die Partner aus den anderen Praxisgruppen müssen im Zweifel aber weiterhin von ihrem Glück überzeugt werden, einen Öffentlichrechtler in den eigenen Reihen zu haben. Dazu trägt vor allem auch bei, an den zahlreichen Großkanzleievents teilzunehmen und mit den anderen Partnern zu sprechen. Sozusagen gegen das Vergessen zu arbeiten, dass es in der Kanzlei Leute gibt, die ihren eigenen Blick in die Beratung einbringen können.

Für Dr. Mathias Elspaß, Partner bei Clifford Chance in Düsseldorf, gehört diese Offenheit zu den Grundrechenarten des Großkanzleierfolgs: „Als Öffentlichrechtler sehe ich meine Partner aus anderen Praxisgruppen wie interne Mandanten. Der ständige Austausch mit den Partnern aus Corporate und anderen Fachbereichen hilft uns enorm, maßgeschneidert öffentlich-rechtlich zu beraten und für die Mandanten damit einen echten Mehrwert zu erbringen.“ Für die jungen Öffentlichrechtler in den Großkanzleien bedeutet das zusätzlich, dass sie flexibel sein müssen. Die Einsteiger sollten offen sein für die Schnittstellen mit den anderen Rechtsgebieten, denn gerade hier ist Einsatz gefragt.

Um eine für den Bewerber attraktive Mischung anbieten zu können, muss die Kanzlei allerdings wenigstens zu Ausbildungszwecken auch weiterhin noch klassische öffentlich-rechtliche Beratung anbieten. Darauf sollten Absolventen achten, wenn sie sich mit dem Gedanken tragen, ihre Karriere in einer Großkanzlei zu starten. Ein solches breites öffentlich-rechtliches Angebot ist letztlich immer auch eine Frage der Zeit und des Geldes, denn lukrativ sind solche Mandate oft nicht – geschweige denn geeignet für den Aufstieg in die Partnerschaft. Der zentrale Grund dafür dürfte aber sein: Verwaltungsverfahren macht der Partner weitgehend allein, sie helfen nicht gegen das Vergessen.

Doch es gibt große Sozietäten, die auf den richtigen Mix achten. Wie zum Beispiel Clifford Chance, Elspaß lässt daran keinen Zweifel: „Ein junger Öffentlichrechtler sieht bei uns die ganze Bandbreite: angefangen bei behördlichen und verwaltungsgerichtlichen Verfahren bis hin zu gemeinsamen Mandaten mit
den Kollegen aus der Finanzierungs- oder M&A-Praxis. Dadurch gewinnt man als junger Kollege einen sehr breiten Einblick in alle Facetten der öffentlich-rechtlichen Beratung.“