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20.05.2016 | Autor/in: Markus Lembeck

US-Kanzleien in Deutschland: Neue Bekannte

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Als Arbeitgeber hatten es US-Kanzleien schwer, sich als Alternative zu deutschen und europäischen Kanzleien zu etablieren. Wirtschaftlicher Erfolg und eine neue Gruppe amerikanischer Kanzleien bringen sie jetzt aber auf den Radar der Nachwuchsjuristen.

VON ALED GRIFFITHS

„Hohe Arbeitsqualität. Gutes Gehalt. Schlechte Work-Life-Balance.“ Die klare Charakterisierung von US-Kanzleien durch einen Teilnehmer in der aktuellen azur-Umfrage zeigt: Associates und Bewerber haben eine genaue Vorstellung davon, was für US-Sozietäten typisch ist.

Dass Nachwuchsjuristen diese Kanzleien heute stärker im Fokus haben, liegt vor allem am jüngsten wirtschaft­lichen Erfolg von Einheiten wie Latham & ­Watkins oder Sullivan & Cromwell hierzulande. Sozietäten mit Hauptsitz in New York und Los Angeles, aber auch abseits der Metropolen hinterlassen im deutschen Kanzleimarkt deutliche Spuren und werden als Arbeitgeber eine Alternative für Bewerber zu den etablierten deutschen Kanzleien. Doch wie nachhaltig ist ihr Wachstum und welche Karriereoptionen bieten sie?

Die Unterschiede der US-Sozietäten

Fakt ist: Nicht alle US-Kanzleien sind gleich. Grob lassen sie sich in drei Gruppen unterteilen, die auch in etwa ihre geografische Lage widerspiegeln: Die altehrwürdigen New Yorker Sozietäten, der für Juristen bedeutendsten Stadt der USA, beraten in einem Markt mit immensem M&A-, Kapitalmarkt- und finanzrechtlichem Arbeitsvolumen; so zum Beispiel Cleary Gottlieb Steen & Hamilton, Milbank Tweed Hadley & McCloy und Willkie Farr & Gallagher. Sie sind hoch profitabel und transaktionsorientiert.

Westküstenkanzleien wie Latham & Watkins, Orrick Herrington & Sutcliffe und Paul Hastings profitieren von der unmittelbaren Nähe zur starken Entertainment- und IT-Branche. Generell sind sie ebenfalls transaktionsorientiert, beraten aber breiter gefächert einen überwiegend indus­triellen Mandantenstamm. Und auch in den Provinzen wie dem Mittleren Westen, Florida oder Texas gibt es riesige Einheiten. Dazu zählen Jones Day, Greenberg Traurig und Reed Smith.

Diese haben in der Regel eine sehr breit aufgestellte Beratungspraxis und bedienen einen Großteil des amerikanischen Mittelstands. All diese Kanzleigruppen sind nach Deutschland expandiert. Ihr Ziel: ihre Mandantschaft im internationaler werdenden Geschäft zu begleiten. Einigen ist dies gut gelungen, so dass sie Bewerbern sichere Zukunftsaussichten und interessante Mandate bieten können.

Lockruf des Geldes

Die New Yorker Kanzleien erregen bei Bewerbern vor allem wegen eines Faktors Aufmerksamkeit: dem vergleichsweise hohen Gehalt. Milbank zahlt Berufseinsteigern 125.000 Euro, Sullivan & Cromwell sogar satte 160.000 US-Dollar (rund 140.000 Euro). Weil die transaktionsorientierten US-Kanzleien in aller Regel profitabler sind als ihre Pendants in Europa, können sie es sich leisten, tiefer in die Tasche zu greifen.

Andererseits müssen sie einen monetären Anreiz bieten, weil es ihnen schwerer fällt, Bewerber zu finden. Denn sie eint auch die hohe Arbeitsbelastung. „2.500 abrechenbare Stunden sind keine Seltenheit“, „Umsatz, Umsatz, Umsatz – aber auf wessen Kosten?“. Das sind nur einige Kommentare von Associates. Und tatsächlich müssen sie für das hohe Gehalt hart arbeiten. Niemand sollte sich einer US-Sozietät anschließen und eine ausgeglichene Work-Life-Balance erwarten. (Ruhe ist nur am Südpol, S. 38)

Insbesondere die hohe Arbeitsbelastung hängt unmittelbar mit dem Hauptziel dieser Kanzleien zusammen: der klaren Gewinnorientierung. Der starke Dollar und die deutliche Erholung nach dem Crash sorgen dafür, dass das Geschäft bei allen US-Kanzleien massiv anzieht. Dabei lagen US-Stundensätze schon früher weit über denen in Kontinentaleuropa. Ein Partner einer regionalen US-Kanzlei klagt: „In Deutschland kann ich maximal 600 US-Dollar berechnen. Mein Stundensatz in den USA liegt bei 1.200 US-Dollar.“ Und die New Yorker Sätze steigen weiter. 1.500 US-Dollar pro Stunde sind heute Standard für Corporate- und Prozessarbeit. Hinzu kommt, dass die US-Einheiten weitaus größere Streitpraxen als ihre europäischen Wettbewerber haben. Diese generieren ein immenses Arbeitsvolumen.

New Yorker Standards

Dieser starke Kontrast zwischen den Ländern wirft für New Yorker Kanzleien eine besonders unbequeme Frage auf. „Für eine solche Kanzlei ist es naheliegend, dass grundsätzlich der New Yorker Standard als Maßstab für die Profitabilität angelegt wird”, sagt Dr. Thomas Schürrle, Partner von Debevoise & Plimpton in Frankfurt. Aber wenn New York die Profitabilität entgleitet, kann das zu Umstrukturierungen führen.

So wie bei Shearman & Sterling, die 2013 ihre deutschen Büros – einst das Juwel der Kanzlei – radikal umstrukturierte. Die Sozietät trennte sich von ihrem Düsseldorfer Standort und beschäftigt heute nur noch einen Bruchteil der Berufsträger. Die Zeiten, als sie hierzulande mit Top-Kanzleien wie Hengeler Mueller und Freshfields Bruckhaus Deringer um die besten M&A-Projekte konkurrierte, sind vorbei. „Der Markt hat sich verändert“, sagt die Finanzierungsrechtlerin Dr. Esther Jansen, Partnerin aus Frankfurt. „Zeitweise hatten wir in Deutschland mehr Corporate-Partner als in New York. Heute liegt unsere Zielgröße um die 40 Anwälte.“

Sieht die strategische Bedeutung Deutschlands: Christian Zschocke von Morgan Lewis & Bockius.

Sieht die strategische Bedeutung Deutschlands: Christian Zschocke von Morgan Lewis & Bockius.

Nur diejenigen New Yorker Sozietäten, deren deutsche Anwälte zur Marktspitze gehören – wie etwa Milbank Tweed Hadley & McCloy oder Sullivan & Cromwell – können wachsen. Und das hat wenig mit der Kanzleistrategie, sondern vor allem mit dem Erfolg der hiesigen Anwälten zu tun. Diesen Kanzleien ist es gelungen, Juristen für sich zu gewinnen, für die die Vorzüge ihres Arbeitgebers die hohe Arbeitslast aufwiegen. Milbank etwa punktet mit ihrem hohen Gehalt und einem guten Ausbildungsprogramm, Sullivan & Cromwell macht aufgrund ihrer Top-Mandate auf sich aufmerksam.

Erneuter Wandel der Strategie

Personell deutlich expansiver als die New Yorker Sozietäten sind zurzeit andere Gruppen von US-Kanzleien. Und davon profitieren auch die deutschen Büros. Die Westküstenkanzlei Latham & Watkins etwa avancierte von einer ertragsstarken Boutique für Hochzinsanleihen zu einer Top-Transaktionskanzlei in den USA und Europa. Heute gilt sie als eine der wenigen, die es mit den führenden Wall-Street-Kanzleien und den Top-UK-Einheiten auf deren Territorium aufnehmen kann. Auch hierzulande ist der Zustrom profilierter Seiteneinsteiger ungebrochen.

Einen bemerkenswerten Strategiewandel kündigten weitere US-Kanzleien an, die in Deutschland lange nur mit einer überschaubaren Anzahl von Anwälten und begrenzter Marktpräsenz aktiv waren. Morgan Lewis & Bockius aus Philadelphia etwa fällt in diese Kategorie, ihr Frankfurter Standort zählt auch heute, über 25 Jahre nach der Eröffnung, nur 25 Anwälte.

Doch nun soll Deutschland mit an der Spitze einer strategischen Umorientierung sein: Morgan Lewis ist der Ansicht, dass sich eine globale Spitzengruppe von Wirtschaftskanzleien etablieren werde und man zwingend Teil dieser Gruppe sein müsse. Dabei verliert die reine Profitorientierung an Bedeutung, auch Märkte etwa mit niedrigeren Stundensätzen können eine enorme strategische Bedeutung haben.

Dr. Christian Zschocke, Managing-Partner in Frankfurt, erläutert: „Internationale Unternehmen, auch die deutschen, haben in der Vergangenheit die Mandatierungsentscheidungen häufig an regionale General Counsel delegiert. Mit der Einführung globaler Panels sollten auch die US-Kanzleien weltweit vertreten sein, um die wichtigsten Mandate ihrer zentralen Klienten akquirieren zu können.“ Um die dann hierzulande zu beraten, brauchen diese US-Kanzleien personelle Verstärkung. Und das freut die Bewerber.