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26.07.2021 | Autor/in: Eva Flick
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Tendenz steigend: Immer mehr Kanzleien erhöhen ihre Einstiegsgehälter

„Müssen wir die Gehälter für Berufseinsteiger auch erhöhen?“ So lautet dieser Tage eine heiß diskutierte Frage in mancher Kanzlei. In schöner Regelmäßigkeit, etwa alle fünf Jahre, steht diese Entscheidung auf der Agenda – und zwar immer dann, wenn die erste Kanzlei sich aus der Deckung wagt.

In diesem Frühjahr war das wieder – wie schon 2016 – Willkie Farr & Gallagher. 155.000 Euro Einstiegsgehalt inklusive Start­bonus offeriert die US-Kanzlei seit Mai in Deutschland. US-Wettbewerber mit ähnlich großen Büros wie Willkie reagierten prompt. Mit Latham & Watkins erhöht zum 1. August nun die erste Großkanzlei auf 145.000 Euro Jahresgehalt. Auch Freshfields Bruckhaus Deringer soll Marktgerüchten zufolge zurzeit intensiv darüber beraten. 120.000 Euro zahlt die Kanzlei Berufsanfängern bisher – und bewegt sich damit im markt­üblichen Rahmen. Andere blicken eher skeptisch auf die neue Gehaltsrunde. Etwa Dr. Peter Dieners, Managing-Partner Clifford Chance: „Der Bewerbermarkt ist sehr angespannt“, sagt er. „Die US-Kanzleien bieten extrem viel Geld an. Dieser Entwicklung stehen wir skeptisch gegenüber. Denn das Gehalt ist nicht das einzige Kriterium.“ Bei Baker & McKenzie ist noch nichts spruchreif. „Wir sind noch in der Entscheidungsfindung“, so Managing-Partner Dr. Matthias Scholz, CMS will ebenfalls „zeitnah entscheiden“ heißt es von dort. Dentons belässt alles, wie es ist. „Die Erhöhung unseres Einstiegsgehalts von 100.000 bzw. 105.000 Euro ist aktuell bei uns kein Thema“, sagt Managing-Partner Andreas Ziegenhagen.

Rekordmarke in USA geknackt

Aber viele Großkanzleien stehen unter Druck. Zum einen, weil in Deutschland bereits fünf Kanzleien Willkie übertrumpft haben: Milbank, Kirkland & Ellis, Skadden Arps Slate Meagher & Flom, Sullivan & Cromwell und Paul Hastings zahlen nun den Rekordwert von 160.000 Euro Fixgehalt. In den USA hat Milbank als erste die psychologisch wichtige Marke von 200.000 Dollar für Berufsanfänger geknackt. Dort zog auch McDermott Will & Emery kurz darauf nach, Davis Polk & Wardwell überbot mit 202.500 Dollar. So viel zahlt dort inzwischen auch Gibson Dunn & Crutcher. „Das erzeugt natürlich Druck in Deutschland“, berichtet Dr. Dirk Oberbracht, Partner-in Charge des Frankfurter Büros. „Wir arbeiten gerade daran, ob und wie wir die Gehälter hier anpassen werden.“ 

Unter Druck stehen die Kanzleien hierzulande auch, weil eine ganze Reihe von ihnen gerade ein dickes Umsatzplus fürs vergangene Jahr vermelden konnte: Bei Latham & Watkins waren es 8 Prozent, bei Noerr 9,3, bei CMS 9,5 und bei Hogan Lovells 5 Prozent – das sind ganz andere und bessere Ergebnisse, als viele von ihnen im ersten Corona-Schock zu träumen gewagt hätten.

Aber (noch) nicht alle Kanzleien ziehen mit: „Das geht an der Lebenswirklichkeit der First Years vorbei“, erzählt ein Managing-Partner. „In Vorstellungsgesprächen fragen viele nach Dingen abseits des Gehalts, zur Zusammenarbeit mit den Partnern, zur Stundenzahl. Nur die wenigsten wollen sich im ersten Monat einen Porsche kaufen.“ Ein anderer sagt: „Ich will nicht ausschließen, dass wir zu gegebener Zeit die Gehälter erhöhen, aber sicher nicht als Reaktion auf die Vorprescher.“ Wieder andere warten ab: „Wenn die Magic-Circle-Kanzleien erhöhen, erhöhen wir auch.“ Dies ist inzwischen geschehen, mit Allen & Overy entschloss sich nun die erste Kanzlei aus dem Kreise der umsatzstärksten Briten zu erhöhen und bietet JUVE-Informationen zufolge ab dem 1. November 140.000 Euro. 

Geld ist nicht alles

Einig sind sich aber alle, dass diese Sphären Mandanten nur schwer zu vermitteln sind – ganz zu schweigen vom Rest der Gesellschaft. Das war vor fünf Jahren schon genauso. 2016 standen Sullivan, Willkie, Kirkland, Milbank und Skadden ganz oben, gefolgt von Freshfields und Hengeler Mueller. Sie alle buhlen damals wie heute mehr denn je um den Top-Nachwuchs. Ein Rekordgehalt wird am Ende wieder nicht das schlagende Argument sein. Der Meinung ist man auch in Stuttgarter Kanzleien. Von dort ist zu hören: „Wer Schduagard ned addrakdiv findet, kommd au ned für vil Geld.“